Sirenen heulten auf; schrille Glocken ertönten, ohrenbetäubend, und von überall tauchten gleichzeitig Soldaten auf und rasten, von Panik erfüllt, auf den Schauplatz des empörenden Geschehens zu. Die zwei Reihen von Touristen, die sich in dem gespenstischen Licht des Totenhauses eingesperrt fühlten, wurden hysterisch. Sie rasten auf die Tore zu, ins Freie, und trampelten die nieder, die sich ihnen in den Weg stellten. Jason Borowski schloß sich ihnen an, bahnte sich seinen Weg ins Innere der Menschentraube. Jetzt hatten sie das grelle Licht des Tian-An-Men-Platzes erreicht, und er rannte die Stufen hinunter.
D'Anjou! Jason lief nach rechts, bog um die Ecke und rannte an der Säulenhalle entlang, bis er die Vorderseite erreicht hatte. Die Wachen gaben sich die größte Mühe, die erregten Menschenmassen zu beruhigen, während sie gleichzeitig herauszufinden versuchten, was passiert war. Ein Krawall war im Entstehen.
Borowski suchte die Stelle ab, wo er d'Anjou zuletzt gesehen hatte, und dann wanderte sein Blick über den ganzen Platz, zu einer Stelle, wo er den Franzosen vermutete. Nichts, da war niemand, der ihm auch nur entfernt ähnelte.
Plötzlich war auf einer Straße links von Jason das Quietschen von Reifen zu hören. Er wirbelte herum. Ein Lieferwagen mit getönten Fenstern raste über den Platz, auf das Südtor des Tian-An-Men-Platzes zu.
Sie hatten d'Anjou erwischt. Echo war in ihrer Hand.
Kapitel 24
»Qu'est-ce qu'ily a?«
»Des coups de fer! Les gardes sontpaniques!«
Borowski hörte die Schreie und rannte auf die Gruppe französischer Touristen zu, mischte sich unter sie. Sie wurden von einem Führer geleitet, dessen Konzentration jetzt ganz dem Chaos galt, das sich auf den Stufen des Mausoleums abspielte. Er knöpfte sein Jackett zu, so daß die Waffe in seinem Gürtel bedeckt war, und steckte den Schalldämpfer in die Tasche. Dann schob er sich schnell durch die Menge, bis er neben einem Mann stand, der größer war als er, einem gut gekleideten Mann mit angewiderter Miene. Jason war dankbar, daß vor ihnen einige andere, ähnlich große Männer standen. Mit einigem Glück war es durchaus möglich, daß er in dem Durcheinander nicht auffiel. Oben an der Treppe waren jetzt die Türen des Mausoleums ein Stück weit geöffnet worden. Uniformierte Männer rannten auf den Treppen hin und her. Offenbar war kein Befehlshaber mehr da, und Borowski wußte auch, warum. Sie waren geflohen, waren verschwunden, wollten mit den schrecklichen Ereignissen nichts zu tun haben. Doch Jason interessierte jetzt einzig und allein der Killer. Würde er herauskommen? Oder hatte er d'Anjou gefunden, den Mann gefangen, der ihn geschaffen hatte, und war dann mit Echo in dem Lieferwagen weggefahren, überzeugt, daß der »echte« Jason Borowski in der Falle saß, eine zweite Leiche in dem entweihten Mausoleum.
»Qu'est-ce que c'est?« fragte Jason den hochgewachsenen, gut gekleideten Franzosen, der neben ihm stand.
»Wieder eine von diesen widerwärtigen Verzögerungen, ohne Zweifel«, erwiderte der Mann mit etwas weibischem Pariser Akzent. »Ein Tollhaus ist das hier, und meine Geduld ist am Ende! Ich gehe ins Hotel zurück.«
»Kann man das?« Borowski wechselte vom Durchschnittsfranzösisch über zum Französisch eines Gebildeten. Für einen Pariser bedeutete das sehr viel. »Ich meine, dürfen wir unsere Gruppe verlassen? Die sagen uns doch dauernd, daß wir zusammenbleiben müssen.«
»Ich bin Geschäftsmann, kein Tourist. Diese >Gruppe<, wie Sie es nennen, stand nicht auf meinem Terminkalender. Offen gestanden, ich hatte mir den Nachmittag freigenommen - diese Leute lassen sich mit ihren Entscheidungen endlos Zeit - und wollte mir ein paar Sehenswürdigkeiten ansehen, aber da war nirgends ein Fahrer aufzutreiben, der Französisch sprach. Der Concierge hat mich dieser Gruppe zugeteilt - stellen Sie sich vor, zugeteilt. Die Führerin, müssen Sie wissen, hat französische Literatur studiert, und spricht, als wäre sie im siebzehnten Jahrhundert geboren. Ich habe keine Ahnung, was diese sogenannte Tour eigentlich zu bedeuten hat.«
»Das ist die Fünf-Stunden-Exkursion«, erklärte Jason korrekt, nachdem er die chinesischen Schriftzeichen gelesen hatte, die auf der Plakette standen, die der Mann am Revers trug. »Nach dem Tian-An-Men-Platz besuchen wir die Ming-Gräber, und dann fahren wir hinaus, um von der Großen Mauer aus den Sonnenuntergang zu sehen.«
»Du liebe Güte, die Große Mauer habe ich gesehen! Mein Gott, das war der erste Ort, an den mich alle zwölf Bürokraten von der Handelskommission geschleppt haben, wobei sie endlos schnatterten und mir durch den Dolmetscher immer wieder mitteilen ließen, dies sei ein Zeichen ihrer Ausdauer. Scheiße! Wenn die Arbeit hier nicht so unglaublich billig wäre und die Gewinne so außergewöhnlich -«
»Ich bin auch Geschäftsmann, aber auf ein paar Tage auch Tourist. Ich bin in der Korbwarenbranche. Darf ich fragen, in welcher Branche Sie tätig sind?«
»Stoffe, was denn sonst? Es sei denn, Sie denken an Elektronik oder Öl oder Kohle oder Parfüm - sogar Korbwaren.« Der Geschäftsmann gestattete sich ein überlegenes, aber wissendes Lächeln. »Ich sage Ihnen, diese Leute sitzen hier auf einem ungeheuren Reichtum und haben nicht die leiseste Ahnung, was sie damit anfangen können.«
Borowski musterte den großen Franzosen scharf. Er dachte an Echo und einen französischen Aphorismus, der besagte, daß die Dinge, je mehr sie sich änderten, desto mehr dieselben blieben. Gelegenheiten werden sich anbieten. Erkenne sie, nutze sie. »Wie ich schon sagte«, fuhr Jason fort und blickte wieder auf das Chaos auf den Treppen. »Ich bin auch Geschäftsmann mit ein paar Tagen freier Zeit - schließlich kann ich die Spesen ja von der Steuer absetzen -, aber ich bin hier in China viel herumgereist und kenne die Sprache ganz gut.«
»Was man mit Korbwaren alles erreichen kann«, sagte der Pariser sarkastisch.
»Unser Spitzenprodukt ist an der Cöte d'Azur führend und im Norden auch. Die Familie Grimaldi zählt zu unseren Kunden.« Borowski ließ die Treppe nicht aus den Augen.
»Sie beschämen mich, Geschäftsfreund ...« Jetzt würdigte der Franzose Jason zum erstenmal eines Blickes.
»Und ich kann Ihnen jetzt sagen«, erklärte Borowski, »daß man keine Besucher mehr in Maos Grab kommen lassen wird, und daß man jeden Teilnehmer an einer Tour in die Umgebung wahrscheinlich hier festhalten wird.«
»Mein Gott, warum!«
»Offensichtlich ist dort drinnen etwas Schreckliches geschehen, die Wachen schreien etwas von ausländischen Verbrechern ... Haben Sie nicht gesagt, man habe Sie dieser Gruppe zugeteilt, Sie gehörten aber eigentlich gar nicht dazu?«
»Ja, darauf läuft es hinaus.«
»Anlaß, um Spekulationen anzustellen, nicht wahr? Man wird Sie fast mit Sicherheit festhalten.«
»Unvorstellbar!«
»Das ist China -«
»Aber das geht doch nicht! Millionen und Abermillionen von Francs stehen auf dem Spiel! Ich hab mich dieser schrecklichen Gruppe doch nur angeschlossen, weil -«
»Ich empfehle Ihnen, hier wegzugehen, Geschäftsfreund. Sagen Sie, Sie hätten einen kleinen Spaziergang gemacht. Geben Sie mir Ihre Identifizierungsplakette, und ich beseitige sie für Sie -«
»Das steht also auf dieser Plakette!«
»Ihr Herkunftsland und Ihre Paßnummer stehen darauf. Auf diese Weise haben die Sie unter Kontrolle, während Sie an einer Tour teilnehmen.«
»Ich stehe ewig in Ihrer Schuld!« schrie der Geschäftsmann und riß sich die Plastikplakette vom Revers. »Wenn Sie je nach Paris kommen -«