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»Ich verbringe den größten Teil meiner Zeit mit dem Fürsten und seiner Familie in -«

»Aber natürlich! - Nochmals, meinen herzlichen Dank!«

Der Franzose, der so ganz anders war als Echo und ihm doch so glich, entfernte sich eilig; seine gutgekleidete Gestalt war in dem gelbgrauen Dunst, den die grelle Sonne erzeugte, nicht zu übersehen, wie er auf das Himmlische Tor zuging - ebenso auffällig wie das falsche Opfer, das einen Jäger in die Falle gelockt hatte. Borowski befestigte die Plakette an seinem Revers und wurde somit Teil einer offiziellen Tour; das war seine Chance, die Tore des Tian-An-Men-Platzes zu passieren. Nachdem man die Gruppe hastig vom Mausoleum zur Großen Halle des Volkes geführt hatte, fuhr der Bus durch das Nördliche Tor; Jason sah durch das Fenster das erregte Gesicht des offenbar einem Schlaganfall nahen französischen Geschäftsmanns, der sich mit der Polizei von Beijing herumstritt und verlangte, man solle ihn passieren lassen. Inzwischen hatte man offenbar Fragmente von Berichten über das empörende Geschehen zusammengefügt. Die Nachricht verbreitete sich. Ein Weißer hatte den Sarkophag und den geheiligten Leichnam des Vorsitzenden Mao auf schreckliche Weise entweiht. Ein weißer Terrorist aus einer Reisegruppe, ohne Plakette an der Kleidung. Ein Wachmann auf der Treppe hatte einen solchen Mann gemeldet.

»Mich dünkt, ich könne mich entsinnen«, sagte die Führerin der Gruppe in altmodischem Französisch. Sie stand neben dem Standbild eines zornigen Löwen an der Straße der Tiere, wo riesige steinerne Abbilder von Katzen, Pferden, Elefanten und wilden mythischen Tieren die Straße säumten und das letzte Stück des Zugangs zu den Grabgemächern der Ming-Dynastie schützten. »Doch meine Erinnerung versagt, wenn Euer

Hochwohlgeboren Gebrauch unserer Sprache betroffen ist. Und ohne den leisesten Zweifel in meiner Seele scheint mir, daß Ihr eben dieses soeben tatet.«

Sie hat französische Literatur studiert und spricht, als wäre sie im siebzehnten Jahrhundert geboren ... Ein verärgerter Geschäftsmann, der ohne Zweifel jetzt noch viel verärgerter war.

»Das habe ich auch vorher nicht«, erwiderte Borowski auf Mandarin, »weil Sie mit anderen zusammen waren und ich nicht auffallen wollte. Aber lassen Sie uns jetzt Ihre Sprache sprechen.«

»Sie sprechen sehr gut.«

»Ich danke Ihnen. Dann erinnern Sie sich jetzt also, daß man mich in letzter Minute Ihrer Gruppe hinzugefügt hat?«

»Tatsächlich hat der Geschäftsführer des Beijing-Hotels mit meiner Vorgesetzten gesprochen, aber ja, jetzt erinnere ich mich.« Die Frau lächelte und zuckte die Achseln. »In Wahrheit erinnere ich mich nur, weil es ja eine so große Gruppe ist, daß ich einem großen Mann seine Gruppenplakette gegeben habe. Das habe ich jetzt vor Augen. Sie werden zusätzlich dafür bezahlen müssen, man wird das auf Ihre Hotelrechnung setzen. Es tut mir leid, aber Sie haben das Pauschalprogramm nicht im voraus gebucht.«

»Nein, das ist richtig, weil ich Geschäftsmann bin und Verhandlungen mit Ihrer Regierung führe.«

»Mögen sie gut verlaufen«, sagte die Führerin mit ihrem undurchdringlichen asiatischen Lächeln. »Manche haben Erfolg, manche nicht.«

»Ich möchte darauf hinaus, daß ich vielleicht ein wichtiges Gespräch verpasse«, sagte Jason und erwiderte ihr Lächeln. »Ich spreche Ihre Sprache viel besser, als ich Ihre Schrift lesen kann. Vor ein paar Minuten fiel mir etwas ein, und mir wurde klar, daß ich in etwa einer halben Stunde im Beijing-Hotel sein muß, wo eine Besprechung stattfindet. Wie schaffe ich das?«

»Dazu brauchen Sie eine Fahrgelegenheit. Ich werde Ihnen aufschreiben, was Sie brauchen, und das können Sie den Wachen am Dahongmen zeigen -«

»Dem Großen Roten Tor?« unterbrach Borowski. »Dem mit den Bögen?«

»Ja. Dort gibt es Busse, die Sie nach Beijing zurückbringen. Vielleicht verspäten Sie sich, aber soweit ich weiß, ist es durchaus normal, daß sich auch die Leute von der Regierung verspäten.« Sie holte ein Notizbuch und einen dünnen Kugelschreiber aus der Tasche ihrer Mao-Jacke.

»Man wird mich nicht aufhalten?«

»Wenn man es tut, dann bitten Sie die Leute, die Sie aufhalten, sie sollen die Leute von der Regierung anrufen«, sagte die Führerin, schrieb ein paar Zeilen in chinesischen Schriftzeichen auf das Blatt, riß es dann ab und gab es ihm.

»Das ist nicht Ihre Gruppe!« bellte der Busfahrer im Mandarin der unteren Schicht, schüttelte dabei den Kopf und deutete mit dem Zeigefinger auf Jasons Revers. Der Mann rechnete nicht damit, daß das, was er sagte, auf den Touristen irgendwelchen Eindruck machen würde, und unterstrich das Gesagte daher mit übertriebenen Gesten und schriller Stimme. Es war auch offenkundig, daß er darauf hoffte, einer seiner Vorgesetzten unter den Bögen des Großen Roten Tores werde seine Aufmerksamkeit bemerken. Und einer tat das auch.

»Gibt es ein Problem?« fragte ein Soldat und kam mit schnellen Schritten auf den Bus zu, indem er sich seinen Weg durch die Touristenschar hinter Borowski bahnte.

Gelegenheiten werden sich anbieten ...

»Es gibt kein Problem«, sagte Jason schroff, beinahe arrogant, auf chinesisch, zog den Zettel von seiner Führerin hervor und drückte ihn dem jungen Offizier in die Hand. »Es sei denn, Sie wollen die Verantwortung dafür übernehmen, daß ich eine wichtige Besprechung mit einer Delegation der Handelskommission versäume, deren militärischer Leiter ein General Liang Soundso ist.«

»Sie sprechen die chinesische Sprache.« Verblüfft blickte der Soldat von dem Zettel auf.

»Ich würde sagen, das ist offenkundig. General Liang sagt das auch.«

»Ich verstehe Ihren Zorn nicht.«

»Vielleicht werden Sie General Liang besser verstehen«, unterbrach Borowski.

»Ich kenne keinen General Liang, Sir, aber es gibt ja schließlich so viele Generäle. Haben Sie sich über die Tour geärgert?«

»Ich ärgere mich über die Idioten, die mir gesagt haben, es handle sich um einen dreistündigen Ausflug, wo sich jetzt herausstellt, daß es fünf Stunden sind! Wenn ich diese Besprechung wegen der Unfähigkeit dieser Leute verpasse, wird es ein paar sehr erregte Mitglieder der Kommission geben, darunter auch einen mächtigen General der Volksarmee, der großes Interesse daran hat, gewisse Käufe in Frankreich zu tätigen.« Jason hielt inne, hob die Hand und fuhr dann schnell mit verbindlicher Stimme fort: »Wenn ich andererseits

rechtzeitig hinkomme, werde ich ganz bestimmt jeden -namentlich - lobend erwähnen, der mir dabei behilflich ist.«

»Ich werde Ihnen helfen, Herr!« sagte der junge Offizier mit leuchtenden Augen. »Dieser kranke Walfisch von einem Bus würde mehr als eine Stunde brauchen, und auch das nur, wenn dieser armselige Fahrer nicht von der Straße abkommt. Ich habe ein viel schnelleres Fahrzeug zur Verfügung, und einen sehr guten Fahrer, der Sie geleiten wird. Ich würde es selbst tun, aber ich darf meinen Posten nicht verlassen.« »Ich werde Ihren Diensteifer bei dem General zu rühmen wissen.«

»Das ist mir angeboren, Sir. Mein Name ist -«

»Ja, geben Sie mir Ihren Namen. Schreiben Sie ihn auf diesen Zettel.«

Borowski saß in der von geschäftigem Treiben erfüllten Halle im Ostflügel des Beijing-Hotels. Eine halb zusammengefaltete Zeitung bedeckte sein Gesicht, die er so hielt, daß er selbst die Eingangstüren sehen konnte. Er wartete, hielt nach Jean Louis Ardisson aus Paris Ausschau. Es war für Jason nicht schwierig gewesen, seinen Namen zu erfahren. Vor zwanzig Minuten war er an den Touristenschalter gegangen und hatte in seinem besten Mandarin zur Angestellten dort gesagt: »Tut mir leid, Sie belästigen zu müssen, aber ich bin der Chefdolmetscher für sämtliche französischen Delegationen, die hier mit Ihrer Regierung verhandeln, und fürchte, daß ich eines meiner verirrten Schafe verloren habe.«

»Sie müssen ein guter Dolmetscher sein. Sie sprechen ausgezeichnet Chinesisch. Was ist mit Ihrem ... verirrten Schaf passiert?« Die Frau gestattete sich ein leichtes Kichern über seine Formulierung.