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»Das weiß ich nicht genau. Wir saßen in der Cafeteria beim Kaffee und wollten uns gerade seinen Terminplan ansehen, als er plötzlich auf die Uhr sah und sagte, er würde mich später anrufen. Er wollte einen der Fünf-Stunden-Ausflüge mitmachen und hatte sich offenbar bereits verspätet. Für mich war das etwas unerfreulich, aber ich weiß ja schließlich, wie es ist, wenn die Touristen in Peking ankommen. Sie sind überwältigt.«

»Ja, ich glaube schon«, nickte die Angestellte. »Aber was können wir für Sie tun?«

»Ich muß wissen, wie sein Name geschrieben wird, ob er einen Vornamen hat oder zwei - alle Einzelheiten eben, die auf den Regierungspapieren enthalten sein müssen, die ich für ihn ausfüllen werde.«

»Aber wie können wir Ihnen helfen?«

»Er hat das in der Cafeteria liegenlassen.« Jason hielt ihr die Plakette des französischen Geschäftsmannes hin. »Ich weiß nicht, wie er es überhaupt geschafft hat, mit der Gruppe mitzukommen.«

Die Frau lachte und griff unter ihren Tresen nach dem Journal. »Man hat ihm gesagt, wo die Busse abfahren, und die Führerin hat eine Liste. Diese Dinger fallen die ganze Zeit herunter, und sie hat ihm sicher eine Ersatzplakette gegeben.« Die Angestellte nahm die Plakette und blätterte in ihrem Buch, während sie weitersprach. »Ich sage Ihnen, die Idioten, die diese Plaketten herstellen, sind das Geld nicht wert, das man ihnen bezahlt. All diese präzisen Vorschriften, diese strengen Regeln, und wir sehen am Anfang immer so dumm aus. Er ist hier! Die Frau hielt inne und deutete mit dem Finger auf eine Eintragung in dem Journal. »Bei allen Geistern, die Unglück bringen«, sagte sie leise und sah zu Borowski auf. »Ich weiß nicht, ob Ihr Schaf verirrt ist, aber ich kann Ihnen sagen, daß es dauernd blökt. Er hält sich für etwas ganz Besonderes und war sehr unfreundlich. Als man ihm sagte, daß kein französisch sprechender Chauffeur zur Verfügung stehe, betrachtete er das als Beleidigung der Ehre seiner Nation und seiner eigenen - die ihm noch wichtiger war. Hier, lesen Sie den Namen. Ich kann ihn nicht aussprechen.«

»Vielen Dank«, sagte Jason.

Anschließend war er zu einem Haustelefon gegangen, das die Aufschrift English trug, und hatte die Vermittlung gebeten, ihn mit Mr. Ardissons Zimmer zu verbinden.

»Sie können selbst wählen, Sir«, sagte der Mann in der Vermittlung mit unverhohlenem Triumph über den technischen Fortschritt in der Stimme. »Es ist Zimmer eins-sieben-vier-drei.

Ein sehr schönes Zimmer. Schöner Ausblick auf die Verbotene Stadt.«

»Vielen Dank.« Borowski hatte die Nummer gewählt. Niemand hatte sich gemeldet. Monsieur Ardisson war noch nicht zurückgekehrt. So wie die Dinge lagen, würde er vielleicht noch eine ganze Weile nicht zurückkehren. Trotzdem, ein Schaf, das dauernd blökte, würde nicht stumm bleiben, wenn seine Würde beeinträchtigt oder seine Geschäfte gefährdet waren. Jason beschloß zu warten. Langsam nahm ein Plan Umrisse an. Es war eine verzweifelte Strategie, die nur auf Möglichkeiten beruhte, aber es war seine letzte Chance. Er kaufte sich am Zeitungsstand ein französisches Magazin, das bereits einen Monat alt war, und setzte sich. Plötzlich fühlte er sich müde und hilflos.

Das Gesicht Maries drängte sich auf David Webbs inneren Bildschirm, und dann erfüllte der Klang ihrer Stimme sein Bewußtsein, hallte in seinen Ohren nach, hinderte ihn am Denken und erzeugte einen bohrenden Schmerz in seiner Stirn. Jason Borowski mußte seine ganze Kraft einsetzen, um das Bild loszuwerden. Der Bildschirm wurde wieder dunkel, und ein schroffer Befehl, den eine eiskalte Stimme sprach, hallte in sein inneres Ohr. Hör auf! Jetzt ist keine Zeit dafür. Konzentriere dich auf das, woran du denken mußt. Sonst nichts!

Jasons Blick schweifte immer wieder ab und kehrte zum Eingang zurück. Die Gäste in der Halle des Ostflügels waren von internationaler Herkunft, ein Gemisch von Sprachen, von Kleidung aus der Fifth und der Madison Avenue, aus der Savile Row, der Rue St. Honore und der Via Condotti und den etwas gedeckteren Farben, die für Deutschland und die skandinavischen Länder typisch waren. Die Gäste schlenderten in die hell beleuchteten Läden, wunderten sich über die Apotheke, die nur chinesische Arzneimittel verkaufte, und drängten sich um die Souvenirläden neben einer großen Reliefkarte der Welt, die eine ganze Wand bedeckte. Hier und da trat jemand mit Gefolge durch die Pendeltüren, und dann verbeugten sich beflissene Dolmetscher und übersetzten zwischen uniformierten Regierungsbeamten, die sich alle Mühe gaben, leger zu wirken, und müden Geschäftsleuten von der anderen Seite des Globus, deren Augen noch vom Jet-lag glasig waren. Dies mochte Rotchina sein, aber das Zeremoniell der Verhandlung war älter als der Kapitalismus, und die Kapitalisten, die sich ihrer Ermüdung bewußt waren, würden erst dann wieder über Geschäfte sprechen, wenn sie klar denken konnten. Bravo Adam Smith und David Hume.

Da war er! Jean Louis Ardisson wurde von nicht weniger als vier chinesischen Bürokraten durch die Tür geleitet, und alle waren sichtlich darum bemüht, ihn zu besänftigen. Einer eilte voraus, zum Spirituosengeschäft in der Halle, während die anderen ihn am Aufzug aufhielten und dauernd über den Dolmetscher auf ihn einschnatterten. Jetzt kam der Mann, der vorausgeeilt war, mit einer Plastiktüte zurück, die unter dem Gewicht einiger Flaschen zu reißen drohte. Alle lächelten und verbeugten sich, als die Aufzugtüren sich öffneten. Jean Louis Ardisson nahm seinen Tribut entgegen und trat in die Liftkabine, den Chinesen zunickend, als die Türen sich schlössen. Borowski blieb sitzen und sah auf die Anzeigetafel, während der Lift nach oben fuhr. Vierzehn, fünfzehn, sechzehn. Jetzt hatte die Kabine das oberste Stockwerk erreicht, auf dem Ardissons Zimmer lag. Jason stand auf und ging zu den Haustelefonen. Er sah auf den Sekundenzeiger seiner Uhr; er konnte die Zeit nur ab schätzen, aber ein Mann in erregtem Zustand würde nicht langsam zu seinem Zimmer schlendern, sobald er die Liftkabine verlassen hatte. Das Zimmer verkörperte für ihn Frieden, die Erleichterung des Alleinseins nach mehreren Stunden der Anspannung und der Panik. In einem fremden Land von der Polizei verhört zu werden, war für jeden beunruhigend, und dann ganz besonders erschreckend, wenn zu dem Wissen, daß man in einem Land war, wo Leute häufig ohne Erklärung verschwanden, noch eine unverständliche Sprache und fremdartige Gesichter kamen. Nach einem solchen Schreckenserlebnis würde ein Mann sein Zimmer betreten und vor Furcht und Erschöpfung zitternd zusammenbrechen, sich eine Zigarette nach der anderen anzünden, vergessen, wo er die letzte hingelegt hatte, ein paar starke Drinks nehmen, schnell hintereinander, damit sie schneller wirkten, und dann nach dem Telefon greifen, um sein schreckliches Erlebnis einem Freund mitzuteilen, in der unbewußten Hoffnung, die Nachwirkung dadurch zu lindern, daß er sie mit jemandem teilte. Borowski durfte zulassen, daß Ardisson zusammenbrach und so viel Wein oder Whisky in sich hineinschüttete, wie er vertragen konnte, aber er durfte ihm nicht erlauben zu telefonieren. Er durfte das Schreckliche niemandem mitteilen, der Schrecken durfte nicht nachlassen. Vielmehr mußte Ardissons Schrecken noch verstärkt werden, in einem Maße verstärkt, daß er paralysiert war, Angst um sein Leben hatte, wenn er das Zimmer verließ. Siebenundvierzig Sekunden waren verstrichen, jetzt war Zeit, ihn anzurufen.

»Allo?« Die Stimme klang gequält, atemlos.

»Ich werde schnell sprechen«, sagte Jason leise auf französisch. »Bleiben Sie, wo Sie sind, und benutzen Sie das Telefon nicht. In genau acht Minuten werde ich an Ihre Tür klopfen, zweimal schnell und dann noch einmal. Lassen Sie mich ein, aber niemanden vor mir. Ganz besonders kein Zimmermädchen und keinen Hoteldiener.«