Выбрать главу

»Wer sind Sie?«

»Ein Landsmann, der mit Ihnen sprechen muß. Um Ihrer eigenen Sicherheit willen. Acht Minuten.« Borowski legte auf und kehrte zu seinem Sessel zurück, zählte die Minuten ab und kalkulierte, wieviel Zeit ein Aufzug brauchen würde, um mit der üblichen Zahl von Passagieren von einem Stockwerk zum nächsten zu gelangen. Vom betreffenden Stockwerk aus reichten dreißig Sekunden, um jedes Zimmer zu erreichen. Sechs

Minuten verstrichen, dann stand Jason auf, nickte einem verwirrten Fremden zu, der neben ihm saß, und ging auf die Tür eines Aufzugs zu, dessen Anzeigetafel erkennen ließ, daß er als nächster die Halle erreichen würde. Acht Minuten waren die ideale Zeit, um ein Opfer in Spannung zu versetzen; fünf waren zu knapp, nicht lang genug für das richtige Maß an Spannung. Sechs waren besser, aber sie verstrichen zu schnell. Acht andererseits schufen jene zusätzlichen Momente der Angst, die die Widerstandskraft des Opfers lahmten. Der Plan hatte in Borowskis Bewußtsein noch nicht ganz Gestalt angenommen. Nur sein Ziel war kristallklar. Ihm stand sonst nichts mehr zur Wahl, und jeder Instinkt in ihm drängte ihn, den Plan auszuführen. Delta eins wußte, wie der Verstand eines Asiaten arbeitete. In einer Hinsicht hatte sich das seit Jahrhunderten nicht geändert. Geheimhaltung war zehntausend Tiger wert, wenn nicht ein Königreich.

Er stand vor der Tür von Zimmer 1743 und sah auf die Uhr. Exakt acht Minuten. Er klopfte zweimal, hielt inne und klopfte dann noch einmal. Die Tür ging auf, und ein erschrockener Ardisson starrte ihn an.

»C'est vous!« schrie der Geschäftsmann und fuhr sich mit der Hand an den Mund.

»Oui«, sagte Jason lakonisch und trat ein und schloß die Tür hinter sich. »Wir müssen miteinander sprechen«, fuhr er fort. »Ich muß wissen, was geschehen ist.«

»Sie! Sie waren auch an diesem schrecklichen Ort. Wir haben miteinander geredet. Sie haben mir meine Plakette genommen! Sie waren schuld an allem!«

»Haben Sie mich erwähnt?«

»Das habe ich nicht gewagt. Das hätte so ausgesehen, als ob ich etwas Ungesetzliches getan hätte - indem ich jemand anderem meinen Ausweis gab. Wer sind Sie? Warum sind Sie

hier! Für einen Tag haben Sie mir genug Ärger bereitet! Ich denke, Sie sollten gehen, Monsieur.«

»Erst wenn Sie mir genau gesagt haben, was geschehen ist.« Borowski ging durch das Zimmer und setzte sich in einen Sessel, neben dem ein rotes Lacktischchen stand. »Ich muß das unbedingt wissen.«

»Ich muß es Ihnen aber nicht unbedingt sagen. Sie haben kein Recht, hier hereinzukommen, es sich bequem zu machen und mir Befehle zu erteilen.«

»Ich fürchte, ich habe dieses Recht doch. Wir waren eine geschlossene Gruppe, und Sie haben sich hineingedrängt.«

»Man hat mich dieser verdammten Gruppe zugeteilt.«

»Auf wessen Anweisung?«

»Auf die des Concierge, oder wie auch immer Sie diesen Idioten dort unten nennen.«

»Nicht er. Ein Höhergestellter. Wer war es?«

»Woher soll ich das wissen? Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon Sie reden.«

»Sie sind weggegangen.«

»Mein Gott, Sie haben mir doch gesagt, daß ich weggehen soll!«

»Ich habe Sie auf die Probe gestellt.«

»Auf die Probe ...? Das ist unglaublich!«

»Glauben Sie«, sagte Jason, »wenn Sie die Wahrheit sagen, werden wir Ihnen nichts tun.«

»Nichts tun?«

»Wir bringen keine Unschuldigen um, nur den Feind.«

»Umbringen ... den Feind!«

Borowski griff unter sein Jackett, zog die Pistole aus dem Gürtel und legte sie auf den Tisch. »So, und jetzt überzeugen Sie

mich davon, daß Sie nicht der Feind sind. Was geschah, nachdem Sie sich von uns getrennt hatten?«

Benommen taumelte Ardisson gegen die Wand, und seine angsterfüllten, aufgerissenen Augen hingen wie gebannt an der Waffe. »Ich schwöre bei allen Heiligen, Sie sprechen mit dem falschen Mann«, flüsterte er.

»Überzeugen Sie mich davon.«

»Wovon?«

»Von Ihrer Unschuld. Was geschah?«

»Ich ...«, begann der verängstigte Geschäftsmann. »Ich fing unten auf dem Platz an, über das nachzudenken, was Sie gesagt hatten - daß in Maos Grabmal etwas Schreckliches geschehen sei, daß die chinesischen Wachen etwas von ausländischen Verbrechern schrien und daß man die Leute aufhalten würde -ganz besonders jemanden wie mich, der eigentlich gar nicht zu der Reisegruppe gehörte ... Also bin ich gerannt - mein Gott, ich durfte unter keinen Umständen in eine solche Situation geraten! Es geht um Millionen von Francs, nur die Hälfte der Kosten, die Singapur verlangt, Gewinne, wie sie in der Modebranche unerhört sind! Schließlich steht ein ganzes Konsortium hinter mir!«

»Also sind Sie gerannt, und die haben Sie aufgehalten«, unterbrach ihn Jason, bemüht, die Belanglosigkeiten aus dem Wege zu schaffen.

»Ja! Die haben so schnell geredet, daß ich kein Wort verstand, das sie sagten, und es dauerte eine Stunde, bis sie einen Beamten fanden, der Französisch sprach!«

»Warum haben Sie denen nicht einfach die Wahrheit gesagt? Daß Sie zu unserer Gruppe gehörten.«

»Weil ich von dieser verdammten Gruppe weggerannt war, und weil ich Ihnen meine verdammte Plakette gegeben hatte! Wie würde das denn für diese verdammten Barbaren aussehen,

die in jedem weißen Gesicht einen faschistischen Verbrecher sehen?«

»Die Chinesen sind keine Barbaren, Monsieur«, sagte Borowski sanft. Und dann brüllte er plötzlich. »Nur die politische Philosophie ihrer Regierung ist barbarisch! Ohne die Gnade des allmächtigen Gottes, nur mit dem Segen Satans!«

»Wie bitte?«

»Später vielleicht«, erwiderte Jason, dessen Stimme plötzlich wieder ruhig geworden war. »Dann kam also ein Beamter, der Französisch sprach. Was geschah dann?«

»Ich habe ihm gesagt, daß ich einen Spaziergang gemacht hätte - auf Ihren Rat hin, Monsieur. Und daß mir plötzlich eingefallen sei, daß ich ein Gespräch aus Paris erwartete, und daß ich deshalb zum Hotel zurückeilen wollte, womit erklärt sei, weshalb ich gelaufen sei.«

»Ganz plausibel.«

»Nicht für den Beamten, Monsieur. Er begann mich zu beschimpfen, wobei er ausgesprochen beleidigend wurde. Ich möchte bloß wissen, was in Gottes Namen in diesem Mausoleum passiert ist!«

»Eine wunderbare Arbeit, Monsieur«, antwortete Borowski mit großen Augen.

»Wie bitte?«

»Später vielleicht. Der Beamte hat Sie also beleidigt?«

»Und wie! Aber als er schließlich die Pariser Mode als eine dekadente, bourgeoise Industrie angriff, ging er zu weit! Ich meine, schließlich bezahlen wir für ihre verdammten Stoffe.«

»Was haben Sie also getan?«

»Ich habe die Liste mit den Namen meiner Geschäftspartner immer dabei. Einige davon sind ziemlich wichtig, wie ich verstanden habe. Das müssen sie wohl auch sein, wenn man bedenkt, um welche Beträge es geht. Ich bestand darauf, daß der

Beamte sich mit ihnen in Verbindung setzt, und weigerte mich -und wie ich mich geweigert habe - irgendwelche weiteren Fragen zu beantworten, bis wenigstens einige von diesen Leuten bei mir wären. Nach weiteren zwei Stunden kamen sie, und ich kann Ihnen sagen, da hat sich einiges geändert! Sie haben mich in einem chinesischen Vehikel, das sie für eine Limousine halten, hierher zurückgebracht - verdammt eng für einen Mann meiner Größe und vier Begleiter. Und was noch schlimmer ist, sie sagten mir, unsere abschließende Besprechung sei noch einmal verschoben worden. Sie wird nicht morgen früh, sondern erst am Abend stattfinden. Was ist das denn für eine Zeit, um Geschäfte zu besprechen?« Ardisson stieß sich von der Wand ab. Sein Atem ging jetzt schwer, und er sah den anderen flehend an. »Das ist alles, was es zu sagen gibt, Monsieur. Sie haben wirklich den falschen Mann. Ich habe hier mit niemandem außer meinem Konsortium zu tun.«