»Das sollten Sie aber!« rief Jason anklagend und hob dabei erneut die Stimme. »Mit den Gottlosen Geschäfte zu machen, heißt, das Werk des Herrn besudeln!«
»Wie bitte?«
»Sie haben mich zufriedengestellt«, sagte das Chamäleon. »Sie sind einfach ein Mißgriff.«
»Ein was?«
»Ich will Ihnen jetzt sagen, was im Mausoleum Mao Tse-tungs geschehen ist. Das waren wir. Wir haben den Kristallsarg und die Leiche dieses abstoßenden Ungläubigen zerschossen!«
»Sie haben was?«
»Und wir werden fortfahren, die Feinde Christi zu vernichten, wo auch immer wir sie finden! Wir werden seine Botschaft der Liebe in die Welt zurückbringen, und wenn wir dazu jeden krankhaften Untermenschen umbringen müssen, der anders denkt! Dies wird wieder eine christliche Welt sein oder gar keine!«
»Aber es muß doch einen Spielraum für Verhandlungen geben. Denken Sie doch an das Geld, an Spenden.«
»Nicht vom Satan!« Borowski stand auf, nahm die Waffe und schob sie sich in den Gürtel. Dann knöpfte er sein Jackett zu und zupfte es sich zurecht, als wäre es ein Uniformrock. Er ging auf den verwirrten Geschäftsmann zu. »Sie sind nicht der Feind, aber Sie stehen ihm nahe, Monsieur. Ihre Brieftasche, bitte, und Ihre Geschäftspapiere, und die Namen der Leute, mit denen Sie verhandeln.«
»Geld ...?«
»Wir nehmen keine Spenden. Wir brauchen sie nicht.«
»Warum dann?«
»Zu Ihrem Schutz ebenso wie zu dem unseren. Unsere Zellen hier müssen die einzelnen Individuen überprüfen, um zu sehen, ob man Sie jetzt als Strohmann benutzt oder nicht. Es gibt Hinweise darauf, daß man uns infiltriert hat. Man wird Ihnen morgen alles zurückgeben.«
»Ich muß wirklich protestieren -«
»Tun Sie es nicht«, unterbrach ihn das Chamäleon, griff unter das Jackett und ließ die Hand dort liegen. »Sie haben gefragt, wer ich bin, ja? Nun, nachdem unsere Feinde die Dienste von Organisationen wie der PLO, der Roten-Armee-Fraktionen und der Fanatiker des Ayatollah benutzen, mag es genügen, wenn ich sage, daß wir unsere eigenen Brigaden aufgestellt haben. Wir wollen keine Gnade und gewähren auch keine. Dieser Kampf geht bis zum Tode.«
»Mein Gott!«
»In seinem Namen kämpfen wir. Verlassen Sie dieses Zimmer nicht. Bestellen Sie sich Ihre Mahlzeiten beim Zimmerservice. Rufen Sie weder Ihre Kollegen noch Ihre Verhandlungspartner hier in Beijing an. Mit anderen Worten, halten Sie sich versteckt und beten Sie darum, daß alles gutgeht. Ich muß Ihnen offen sagen, daß ich selbst verfolgt worden bin, und wenn bekannt wird, daß ich Sie in Ihrem Zimmer aufgesucht habe, werden Sie einfach verschwinden.«
»Unglaublich ...!« Ardissons Augen wurden plötzlich glasig und er begann am ganzen Körper zu zittern.
»Ihre Brieftasche und Ihre Papiere, bitte.«
Jason legte das ganze Sortiment von Ardissons Papieren vor, darunter auch die Liste seiner chinesischen Verhandlungspartner, und mietete im Namen von Ardissons Konsortium einen Wagen. Dem erleichterten Disponenten im China International Travel Service an der Chaoyangmen-Straße machte er klar, daß er Mandarin lesen und sprechen konnte und daher keinen Fahrer benötigte, da der Mietwagen ja von einem der chinesischen Beamten gelenkt werden würde. Der Disponent sagte ihm, daß der Wagen um neunzehn Uhr am Hotel vorfahren werde. Wenn alles klappte, würde er vierundzwanzig Stunden Zeit haben, sich in Beijing frei bewegen zu können. Die ersten zehn dieser Stunden würden ihm sagen, ob eine in tiefster Verzweiflung entwickelte Strategie ihn aus der Dunkelheit herausführen oder Marie und David Webb in den Abgrund stürzen würde. Aber Delta eins wußte, wie Asiaten dachten. In einer Hinsicht hatte sich daran seit vielen Jahrhunderten nichts geändert. Geheimhaltung war zehntausend Tiger wert, wenn nicht ein Königreich.
Borowski ging zum Hotel zurück und hielt sich unterwegs kurz im Einkaufsviertel von Wang Fu Jing auf, das hinter dem Ostflügel des Hotels lag. Im größten Kaufhaus besorgte er sich, was er an Kleidung und Gerätschaften brauchte. Dann fand er ein Geschäft, das sich Tuzhan Menshibu nannte, eine Druckerei, wo er sich das am amtlichsten aussehende Briefpapier auswählte, das er finden konnte. (Zu seiner großen Überraschung und Freude standen auf Ardissons Liste gleich zwei Generäle, und warum auch nicht? Die Franzosen stellten die Exocet her, und wenn es sich auch dabei nicht gerade um Haute Couture handelte, so stand dieses Produkt doch auf der Einkaufsliste aller Militärs an oberster Stelle.) Schließlich kaufte er sich in einem Schreibwarenladen eine Kalligraphiefeder und eine Karte von Beijing und seiner Umgebung sowie eine weitere Karte, die die Straßen zeigte, die von Beijing in die südlichen Städte führten.
Er trug seine Einkäufe ins Hotel zurück, setzte sich dort an einen Schreibtisch in der Halle und begann mit seinen Vorbereitungen. Zuerst schrieb er einen kurzen Vermerk in chinesischer Sprache, die den Fahrer des Mietwagens von aller Verantwortung dafür frei sprach, daß er den Wagen dem Ausländer übergeben hatte. Das Blatt trug die Unterschrift eines Generals und lief auf einen Befehl hinaus. Dann breitete er die Karte vor sich aus und markierte eine kleine, grüne Fläche am nordwestlichen Stadtrand von Beijing.
Das Jing-Shan-Vogelreservat.
Geheimhaltung war zehntausend Tiger wert, wenn nicht ein Königreich.
Kapitel 25
Das Schrillen des Telefons ließ Marie aus dem Stuhl hochfahren. Sie rannte durchs Zimmer und nahm den Hörer ab.
»Ja?«
»Mrs. Austin, nehme ich an.«
»Mo? ... Mo Panov! Dem Himmel sei Dank.« Marie schloß dankbar und erleichtert die Augen. Seit sie mit Alexander Conklin gesprochen hatte, waren fast dreißig Stunden vergangen, und das Warten und die Anspannung und ganz besonders ihre Hilflosigkeit hatten sie an den Rand des
Wahnsinns getrieben. »Alex hat gesagt, er wolle Sie bitten, mit ihm zu kommen. Er dachte, Sie würden es tun.«
»Gedacht hat er das? Gab es daran Zweifel? Wie fühlen Sie sich, Marie? Und ich erwarte nicht, daß Sie jetzt sagen: großartig.«
»Ich bin dabei, verrückt zu werden, Mo. Ich gebe mir die größte Mühe, dagegen anzukämpfen, aber ich werde verrückt!«
»Solange Sie noch nicht am Ende der Reise angelangt sind, würde ich sagen, Sie sind eine erstaunliche Frau, und nachdem ich weiß, wie Sie dagegen ankämpfen, kann ich das nur noch unterstreichen. Aber psychologische Aufrüstung brauchen Sie ja jetzt nicht von mir. Ich wollte bloß einen Vorwand, um wieder einmal Ihre Stimme zu hören.«
»Um herauszufinden, ob ich bereits ein Wrack bin und nur noch zusammenhanglos plappere«, sagte Marie sanft, und es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
»Wir haben zusammen zu viel durchgemacht, als daß ich Ihnen jetzt mit billigen Ausflüchten kommen dürfte - damit hätte ich bei Ihnen ja doch kein Glück. Was Sie mir ja gerade bewiesen haben.«
»Wo ist Alex?«
»Er spricht in der Zelle neben mir; er hat mich gebeten, Sie anzurufen. Anscheinend will er mit Ihnen sprechen, solange er noch an der anderen Leitung ist ... Warten Sie eine Sekunde. Jetzt nickt er mir zu. Die nächste Stimme, die Sie hören werden, et cetera, et cetera.«