»Allerdings«, pflichtete Alex ihm bei. »Dürfte ich Ihre Krawatte haben, Doktor?« fragte Conklin und fing an, die seine aufzuknoten. »Ich ersetze Sie Ihnen aus meinem Fonds für unvorhergesehene Ausgaben, weil wir jetzt nämlich einen neuen Ansatzpunkt haben. Ich bin offiziell im Einsatz. Langley unterstützt allem Anschein nach - mit Matthews Gehalt und seinem Einsatz- etwas, bei dem es um eine Abwehroperation eines Verbündeten geht. Als Staatsbeamter, dem auch Verschlußsachen zugänglich sind, sollte ich da nicht beiseite stehen. Ihre Krawatte brauche ich auch, Matt.«
Zwei Minuten später lag Richards mit gefesselten Füßen und Händen und einem Knebel im Mund hinter der Säule.
»Wir können jetzt los«, sagte Alex mit einem Blick den Bahnsteig entlang. »Die sind alle hinter unserem Köder her, der unterdessen bereits auf halbem Wege nach Malaysia ist.«
»Wer war sie - er! Ich meine, eine Frau war er ganz sicherlich nicht.«
»Ich will ja nichts gegen Frauen sagen, aber eine Frau hätte es wahrscheinlich nicht geschafft, hier herauszukommen. Er schon, und er hat die anderen mitgenommen - hinter sich hergezogen. Er ist über das Geländer der Rolltreppe gesprungen und hat sich hinaufgearbeitet. Gehen wir. Keiner wird uns folgen.«
»Aber wer ist er?« ließ Panov nicht locker, als sie um die Säule herum auf die Rolltreppe und die paar Nachzügler zugingen, die noch eine kurze Schlange bildeten.
»Wir haben ihn gelegentlich hier drüben eingesetzt, hauptsächlich als Beobachter der abgelegenen Grenzanlagen, wo er sich auskennt, weil er mit seiner Ware an ihnen vorbei muß.«
»Rauschgift?«
»Wir würden ihn nie anfassen; er ist ein Spitzenmann in seinem Gewerbe, er schiebt mit gestohlenem Gold und Schmuck zwischen Hongkong, Macao und Singapur. Ich glaube, er ist ein Opfer seiner Vergangenheit. Vor ein paar Jahren haben sie ihm seine Medaillen weggenommen, wegen unehrenhaften Verhaltens. Er hat mal für ein paar recht unappetitliche Fotos Modell gestanden, als er noch auf dem College war und Geld brauchte. Später tauchten die Fotos durch einen schmierigen Verleger wieder auf. Und man hat ihn damit ruiniert.«
»Das Pornomagazin von vorhin!« rief Mo aus, als sie beide die Rolltreppe betraten.
»So was in der Art, ja.«
»Was für Medaillen waren das denn?«
»Olympiade sechsundsiebzig. Leichtathletik. Hürdenlauf.«
Panov starrte Alexander sprachlos an, als sie auf der Rolltreppe nach oben fuhren, dem Ausgang entgegen. Auf der gegenüberliegenden Rolltreppe tauchte jetzt eine Schar von Arbeitern mit breiten Besen auf. Alex machte eine ruckartige Kopfbewegung auf sie zu, schnippte mit den Fingern seiner rechten Hand und deutete dann mit dem Daumen in Richtung auf die Ausgangstür oben. Die Botschaft war klar. In wenigen Augenblicken würde man hinter einer Säule einen gefesselten CIA-Agenten finden.
»Das muß der sein, den sie den Major nennen«, sagte Marie, die Conklin gegenüber in einem Sessel Platz genommen hatte, während Morris Panov neben ihr kniete und ihren linken Fuß untersuchte. »Autsch!« schrie sie und zog das Bein zurück. »Tut mir leid, Mo.«
»Keine Ursache«, sagte der Arzt. »Das ist eine häßliche Prellung im Mittelfuß. Sie müssen ganz schön hingefallen sein.«
»Sogar ein paarmal. Verstehen Sie etwas von Füßen?«
»Im Augenblick fühle ich mich in der Fußpflege wohler als in der Psychiatrie. Leute wie Sie leben ja in einer Welt, die meinen Beruf ins Mittelalter verbannen möchte - dabei stecken die meisten von uns ohnehin noch dort, wir sind in unserer Ausdrucksweise bloß cleverer.« Panov blickte zu Marie auf, und seine Augen wanderten zu ihrem streng frisierten Haar mit den grauen Strähnen. »Man hat Sie ärztlich gut versorgt, ehemaliger Rotschopf. Bloß das Haar ist scheußlich.«
»Ausgezeichnet ist es«, verbesserte Conklin.
»Wie wollen Sie das denn wissen? Sie waren mein Patient.« Mo wandte sich wieder ihrem Fuß zu. »Beide heilen ordentlich -die Blasen und die Schnitte, meine ich, die Prellung wird länger dauern. Ich werd mir später ein paar Sachen besorgen und den Verband wechseln.« Panov stand auf und zog sich einen Stuhl von dem kleinen Schreibtisch heran.
»Dann wohnen Sie also hier?« fragte Marie.
»Ein paar Zimmer weiter«, sagte Alex. »Ich konnte keines der beiden Zimmer neben dem Ihren bekommen.«
»Und wie haben Sie das fertiggebracht?«
»Geld. Das hier ist Hongkong, und hier gehen dauernd Reservierungen verloren, besonders wenn die Leute nicht da sind ... Aber kehren wir zu dem Major zurück.«
»Sein Name ist Lin Wenzu. Catherine Staples hat mir gesagt, daß er beim englischen Geheimdienst ist. Sein Englisch hört sich absolut überzeugend an.«
»War sie sich da sicher?«
»Und ob. Sie hat gesagt, daß er als der beste Geheimdienstmann in Hongkong gilt, und das schließt alle ein, vom KGB bis zur CIA.«
»Das ist plausibel. Er heißt Lin und nicht Iwanowitsch oder Jo Smith. Man schickt einen talentierten Eingeborenen nach England, erzieht und bildet ihn dort aus, bringt ihn dann zurück und überträgt ihm einen verantwortungsvollen Regierungsposten. Übliche Kolonialpolitik, besonders im Polizeiwesen und wenn es um Sicherheit geht.«
»Vom psychologischen Standpunkt aus betrachtet, ja«, fügte Panov hinzu und setzte sich. »Auf die Weise gibt es weniger
Ressentiments, und man schlägt so eine weitere Brücke zu der ausländischen Gemeinschaft der Regierten.«
»Verstehe«, sagte Alex und nickte. »Aber etwas fehlt noch; die Stücke passen nicht zusammen. Auf der einen Seite gibt London für eine Geheimoperation, die von Washington ausgeht, grünes Licht - jedenfalls müssen wir nach allem, was wir bis jetzt erfahren haben, davon ausgehen - und auf der anderen Seite leiht MI-6 uns seine hiesigen Leute, und das in einer Kolonie, die immer noch von Großbritannien beherrscht wird.«
»Warum also?« fragte Panov.
»Dafür gibt es nicht nur einen Grund. Einmal trauen sie uns nicht - oh, nicht daß sie etwa unseren Absichten mißtrauen, nur unserem Sachverstand. Zum anderen: Warum sollen sie das Risiko eingehen, ihr Personal in Untergrundoperationen aufs Spiel zu setzen, die von einem amerikanischen Bürokraten organisiert werden, der keinerlei Erfahrungen vor Ort hat? Das ist es, womit ich nicht klarkomme, und unter normalen Umständen würde London sich keinesfalls darauf einlassen.«
»Ich nehme an, Sie sprechen von McAllister«, sagte Marie.
»Ja, da können Sie Gift drauf nehmen.« Conklin schüttelte den Kopf und atmete dabei tief. »Ich habe recherchiert, und ich kann Ihnen sagen, daß er in diesem ganzen Scheißspiel entweder der stärkste oder der schwächste Faktor ist. Ich vermute letzteres. Er hat ein eiskaltes Gehirn, wie McNamara, bevor er zum Zweifler wurde.«
»Jetzt hören Sie mit dem Quatsch auf«, sagte Mo Panov. »Solche Reden sollten Sie mir überlassen. Was wollen Sie sagen, klipp und klar?«
»Ich meine, Doktor, daß Edward Newington McAllister ein Kaninchen ist. Beim ersten Anzeichen von Gefahr stellt er seine Ohren auf und huscht davon. Er ist ein Analytiker und einer der besten, die es gibt, aber er ist nicht dazu qualifiziert, einen Einsatz zu übernehmen, geschweige denn zu leiten, und Sie sollten nicht einmal im Traum daran denken, daß er der Stratege hinter einer größeren Geheimoperation sein könnte. Man würde ihn auslachen, glauben Sie mir.«
»Auf David und mich hat er aber durchaus überzeugend gewirkt«, unterbrach Marie.
»Weil man ihm ein Drehbuch geliefert hat. >Sie müssen das Subjekt heiß machen<, hat man ihm gesagt. >Halten Sie sich eng an die komplizierte Dramaturgie, die dem Subjekt Schritt für Schritt klarer werden wird<, und in Bewegung setzen mußte er sich ja, weil Sie verschwunden waren.«
»Und wer hat das Drehbuch geschrieben?« fragte Panov.