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Die Landkarte war korrekt. Zwei Scheinwerferbalken strahlten das hohe, grüne Stahltor unter einer riesigen Tafel an, auf die bunte Vögel gemalt waren; das Tor war verschlossen. In einem kleinen, verglasten Verschlag rechts davon saß ein einzelner Wachmann. Als er Jasons näher kommende Scheinwerferbündel sah, sprang er auf und rannte heraus. Es war schwer festzustellen, ob der Mann nun eine Uniform trug oder nicht, jedenfalls war keine Waffe zu sehen.

Borowski fuhr dicht an das Tor heran, stieg aus und ging auf den Chinesen zu, wobei er überrascht feststellte, daß der Mann Ende Fünfzig oder Anfang Sechzig war.

»Bei tong, bei tong!« begann Jason, ehe der Posten etwas sagen konnte, und entschuldigte sich damit für die Störung. »Ich habe Schreckliches hinter mir«, fuhr er fort und zog die Liste mit den Verhandlungspartnern des Franzosen aus der Innentasche. »Ich hätte vor dreieinhalb Stunden hier sein sollen, aber der Wagen ist nicht gekommen, und ich konnte Mister ...« Er wählte den Namen eines Textilministers von der Liste -»Wang Xu nicht erreichen, und bestimmt ist er ebenso ärgerlich wie ich!«

»Sie sprechen unsere Sprache«, sagte der Posten verwirrt. »Sie haben einen Wagen ohne Fahrer.«

»Der Minister hat das gestattet. Ich bin schon oft in Beijing gewesen. Wir sollten heute zusammen zu Abend essen.«

»Hier gibt es kein Restaurant.«

»Hat er vielleicht eine Nachricht für mich hinterlassen?«

»Niemand hinterläßt hier irgend etwas, nur verlorene Gegenstände. Ich habe einen sehr hübschen japanischen Feldstecher, den ich Ihnen billig verkaufen könnte.«

Es geschah. Hinter dem Tor, etwa dreißig Meter im Inneren des Geländes, sah Borowski im Schatten eines hohen Baumes einen Mann mit einem langen Uniformrock - vier Taschen - ein Offizier. Er trug einen breiten Gürtel mit einem dicken Halfter an der Hüfte. Eine Waffe.

»Tut mir leid, ich brauche keinen Feldstecher.«

»Als Geschenk vielleicht?«

»Ich habe nur wenige Freunde, und meine Kinder sind Diebe.«

»Sie sind ein bedauernswerter Mann. Es gibt nichts außer Kindern und Freunden - und natürlich den Geistern.«

»Jetzt will ich aber wirklich den Minister erreichen. Wir verhandeln über Millionen von Renminbü«

»Der Feldstecher kostet nur ein paar Yuan.«

»Also gut'. Wieviel?«

»Fünfzig.«

»Dann holen Sie ihn«, sagte das Chamäleon ungeduldig und griff in die Tasche. Als der Posten in sein Wachhäuschen zurückeilte, schweifte sein Blick über den grünen Zaun. Der chinesische Offizier hatte sich ein Stück tiefer in den Schatten zurückgezogen, beobachtete aber das Tor immer noch. Jasons Herz schlug wie wild, und das Pochen in seiner Brust klang wie Paukenschläge - so wie es in den Tagen von Medusa so oft gewesen war. Er hatte eine Strategie durchschaut. Delta wußte, wie Asiaten dachten. Geheimhaltung. Die einsame Gestalt im Schatten bestätigte das natürlich noch nicht, aber sie widerlegte seine Gedanken auch nicht.

»Da schauen Sie, ist das nicht ein herrliches Glas!« rief der Posten, der mit dem Feldstecher in der Hand jetzt zum Zaun zurückgelaufen kam. »Einhundert Yuan.«

»Sie haben fünfzig gesagt!«

»Da habe ich mir die Linsen nicht angesehen. Ein ganz hochwertiges Stück. Geben Sie mir das Geld, dann werfe ich das Glas über den Zaun.«

»Also, meinetwegen«, sagte Borowski, im Begriff, das Geld durch den Maschenzaun zu schieben. »Aber unter einer Bedingung, Dieb. Wenn Sie über mich befragt werden sollten, möchte ich keine Ungelegenheiten haben.«

»Befragt? Das ist doch unsinnig. Hier ist doch außer mir niemand.«

Delta hatte recht.

»Wenn aber doch, dann muß ich darauf bestehen, daß Sie die Wahrheit sagen! Ich bin Geschäftsmann aus Frankreich und muß unbedingt diesen Textilminister sprechen, weil mein Wagen sich auf unverzeihbare Weise verspätet hat. Ich will keine Ungelegenheiten!«

»Wie Sie wünschen. Jetzt das Geld, bitte.«

Jason schob die Yuan-Scheine durch den Zaun; der Posten stopfte sie sich in die Tasche und warf den Feldstecher über das Tor. Borowski fing ihn auf und sah den Chinesen bittend an. »Haben Sie denn gar keine Ahnung, wohin der Minister gegangen sein könnte?«

»Ja, und das wollte ich Ihnen auch gerade sagen, ohne dafür Geld zu verlangen. So bedeutende Männer wie Sie und er würden ohne Zweifel in das Speiserestaurant Ting Li Guan gehen. Das ist bei reichen Ausländern und den mächtigen Männern unserer Regierung sehr beliebt.«

»Wo ist das?«

»Im Sommerpalast. Sie sind daran vorbeigefahren. Fahren Sie fünfzehn, zwanzig Kilometer zurück, dann sehen Sie das große Dong-An-Men-Tor. Die Fremdenführer dort werden Ihnen den Weg weisen, aber Sie müssen Ihre Papiere vorzeigen, Herr. Sie reisen auf sehr ungewöhnliche Art.«

»Danke!« schrie Jason und rannte zum Wagen zurück. »Vive la France!«

»Wie schön«, sagte der Posten, zuckte die Achseln und ging in sein Häuschen zurück, wo er sein Geld zählte.

Der Offizier ging leise auf das Wachhäuschen zu und klopfte ans Glas. Der Nachtwächter sprang erstaunt auf und öffnete die Tür.

»Oh, Sie haben mich erschreckt! Ich sehe, daß man Sie eingeschlossen hat. Vielleicht sind Sie auf einer unserer schönen Ruhebänke eingeschlafen. Wie unangenehm. Ich werde das Tor sofort öffnen!«

»Wer war dieser Mann?« fragte der Offizier ruhig.

»Ein Ausländer. Ein französischer Geschäftsmann, der Pech gehabt hat. So wie ich ihn verstanden habe, hätte er sich vor Stunden hier mit dem Textilminister treffen sollen und dann

gemeinsam mit ihm zu Abend essen. Aber sein Wagen hat sich verspätet. Er war sehr aufgeregt. Er will keine Ungelegenheiten haben.«

»Welcher Textilminister?«

»Minister Wang Xu, hat er, glaube ich, gesagt.«

»Warten Sie bitte draußen.«

»Selbstverständlich. Und das Tor?«

»In ein paar Minuten.« Der Offizier griff nach dem Telefon auf der kleinen Theke und wählte. Sekunden später sagte er: »Kann ich die Nummer eines Textilministers namens Wang Xu haben ...? ... danke.« Der Offizier drückte die Gabel nieder, ließ sie los und wählte erneut. »Minister Wang Xu, bitte?«

»Ja, am Apparat«, sagte eine etwas unfreundliche Stimme am anderen Ende der Leitung. »Wer spricht?«

»Ein Angestellter im Büro der Handelskommission, Herr Minister. Wir führen eine Routineüberprüfung durch, ein französischer Geschäftsmann, der Sie als Referenz angegeben hat -«