Выбрать главу

»Doch nicht wieder dieser Idiot Ardisson! Was hat er denn jetzt wieder gemacht?«

»Sie kennen ihn, Herr Minister?«

»Ja, leider! Dauernd will der etwas Besonderes! Der bildet sich ein, sein Stuhlgang duftet nach Lilien.«

»Sollten Sie heute abend mit ihm essen, Herr Minister?«

»Mit dem essen? Wer weiß, was ich heute nachmittag alles gesagt habe, bloß um ihn zum Schweigen zu bringen! Natürlich hört er nur, was er hören will, und sonst nichts. Andererseits ist es durchaus möglich, daß er meinen Namen benutzt hat, um einen Tisch zu bekommen. Ich sage Ihnen ja, dauernd Sonderwünsche! Geben Sie ihm, was er will. Er ist verrückt, aber ganz harmlos. Wenn die Idioten, die er vertritt, nicht so viel für drittklassigen Stoff zahlen würden, dann würden wir ihn mit

der nächsten Maschine nach Paris zurückschicken. Und jetzt belästigen Sie mich nicht mehr, ich habe Gäste.« Der Minister legte abrupt auf.

Beruhigt ließ der Armeeoffizier den Hörer auf die Gabel fallen und ging zu dem Nachtwächter hinaus. »Sie haben recht gehabt«, sagte er.

»Der Ausländer war sehr erregt und ganz durcheinander.«

»Wie ich gehört habe, ist das bei ihm der Normalzustand.« Der Offizier machte eine kurze Pause und fügte dann hinzu: »Sie können jetzt das Tor öffnen.«

»Selbstverständlich.« Der Mann griff in die Tasche und zog einen Schlüsselbund heraus. Dann hielt er in der Bewegung inne und sah den Offizier an. »Ich sehe aber keinen Wagen. Bis zum nächsten öffentlichen Verkehrsmittel sind es viele Kilometer. Der Sommerpalast ist der erste -«

»Ich habe nach einem Wagen telefoniert. Er soll in zehn bis fünfzehn Minuten hier sein.«

»Dann werde ich leider nicht mehr hier sein. Ich sehe schon die Fahrradlampe meiner Ablösung dort unten an der Straße. Mein Dienst ist in fünf Minuten zu Ende.«

»Vielleicht werde ich hier warten«, sagte der Offizier, ohne auf die Worte des Nachtwächters einzugehen. »Vom Norden kommen Wolken herein. Wenn sie Regen bringen, könnte ich mich im Wachhäuschen unterstellen, bis mein Wagen kommt.«

»Ich sehe keine Wolken.«

»Ihre Augen sind eben auch nicht mehr das, was sie einmal waren.«

»Wie wahr.« Das Schrillen einer Fahrradglocke hallte durch die Nacht. Die Ablösung des Nachtwächters trat an den Zaun, als dieser gerade das Tor aufsperrte. »Diese jungen Leute machen einen Lärm, als wären sie Geister vom Himmel.« »Ich möchte Ihnen noch gerne etwas sagen«, sagte der Offizier mit scharfer Stimme, so daß der Nachtwächter unwillkürlich stehenblieb. »Ich möchte auch keine Ungelegenheiten haben, ebensowenig wie der Ausländer, bloß weil ich an diesem herrlichen Ort ein wenig geschlafen habe. Gefällt Ihnen Ihre Arbeit hier?«

»Und wie.«

»Und die Gelegenheit, Dinge wie japanische Feldstecher zu verkaufen, die man Ihnen in Verwahrung gegeben hat?«

»Wie bitte?«

»Mein Gehör ist sehr scharf, und Ihre Stimme laut.«

»Wie bitte?«

»Sagen Sie nichts von mir, und ich werde nichts von Ihren unmoralischen Aktivitäten sagen, die Ihnen ohne Zweifel sehr viel Ärger eintragen würden. Ihr Verhalten ist zutiefst tadelnswert.«

»Ich habe Sie nie gesehen, Herr Offizier! Das schwöre ich bei den Geistern in meiner Seele!«

»In der Partei hält man nichts von solchen Schwüren.«

»Dann schwöre ich bei allem, was Sie wollen!«

»Öffnen Sie das Tor und verschwinden Sie.«

»Zuerst mein Fahrrad, Herr Offizier!« Der Nachtwächter rannte am Zaun entlang und griff sich sein Fahrrad. Er nickte seiner Ablösung erleichtert zu, als er ihm den Schlüsselbund zuwarf. Dann schwang er sich in den Sattel und fuhr eilig die Straße hinunter.

Der zweite Nachtwächter schlenderte, sein Fahrrad an der Lenkstange schiebend, durch das Tor. »Können Sie sich das vorstellen?« sagte er zu dem Offizier. »Der Sohn eines Kriegsherrn der Kuomintang übernimmt die Arbeit eines schwachsinnigen Bauern, der uns in der Küche bedient hätte.«

Borowski entdeckte die weiße Kerbe in dem Baumstamm und lenkte die Limousine zwischen zwei Fichten von der Straße herunter. Er schaltete das Licht ab und stieg aus. Schnell brach er ein paar Zweige ab, um den Wagen in der Dunkelheit zu tarnen. Instinktiv hatte er schnell gearbeitet, dennoch beunruhigte ihn, daß nur wenige Sekunden nach dem Tarnen der Limousine unten auf der Straße nach Beijing Scheinwerfer auftauchten. Er kniete im Unterholz nieder, sah zu, wie der Wagen vorbeibrauste, und stellte verblüfft fest, daß auf seinem Dach ein Fahrrad festgeschnallt war, und wurde unruhig, als kurz darauf das Motorengeräusch verstummte; der Wagen hatte hinter der Straßenbiegung angehalten. Besorgt, daß ein geschultes Auge seinen Wagen entdeckt haben und der Mann jetzt zu Fuß zurückkommen könnte, rannte Jason quer über die Straße in das dichte Unterholz dahinter. Er hetzte von Fichte zu Fichte bis zur Kurve, wo er erneut niederkniete und jeden Fußbreit seiner Umgebung untersuchte und auf Geräusche lauschte, die nicht zu der verlassenen Landstraße paßten.

Nichts. Und dann, nach langem Warten, doch etwas. Und als er sah, was es war, konnte er sich einfach keinen Reim darauf machen. Der Mann auf dem Fahrrad mit der dynamobetriebenen Lampe fuhr die Straße mit einem Tempo herauf, als ginge es um sein Leben. Als er näher kam, erkannte Borowski, daß es der Nachtwächter war ... auf einem Fahrrad ... Und auf dem Dach des Wagens, der hinter der Kurve angehalten hatte, war ein Fahrrad festgeschnallt gewesen. War es für den Nachtwächter bestimmt gewesen? Natürlich nicht; der Wagen wäre bis zum Tor weitergefahren ... Ein zweites Fahrrad? Ein zweiter Nachtwächter - und der mit einem Fahrrad? Natürlich: Wenn zutraf, was er annahm, würde der Wachmann am Tor ausgetauscht werden, würde man einen Verschwörer an seine Stelle bringen.

Jason hatte gewartet, bis die Fahrradbeleuchtung des Nachtwächters zu einem winzigen Punkt in der Ferne zusammengeschrumpft war, und rannte dann auf der Straße zurück zu seinem Wagen und dem Baum mit der Kerbe. Er grub seinen Beutel aus und begann, sein Handwerkszeug zu sortieren. Er zog sein Jackett und das weiße Hemd aus und schlüpfte in einen schwarzen Rollkragenpullover; dann schnallte er die Scheide des Jagdmessers an den Gürtel seiner dunklen Hose und steckte auf der anderen Seite die Pistole, die mit einem Schuß geladen war, hinein. Dann hob er die zwei mit einem meterlangen Stück dünnem Draht verbundenen Spulen auf und dachte, daß dieses Tötungsinstrument weit besser war als das, was er sich in Hongkong angefertigt hatte. Wenn irgend etwas, was er in jener fernen Vergangenheit bei Medusa gelernt hatte, auch nur den geringsten Wert hatte, war er jetzt seinem Ziel viel näher. Er rollte den Draht gleichmäßig auf die beiden Spulen und schob sie vorsichtig in die rechte Hüfttasche. Dann hob er die kleine Taschenlampe auf und steckte sie sich an seine rechte Vordertasche. Jetzt war ein langes Band übergroßer chinesischer Knallfrösche an der Reihe; er hatte sie mit einem Gummiband zusammengehalten und verwahrte sie mit drei Streichholzbriefchen und einer kleinen Kerze in der linken Vordertasche. Am schwierigsten unterzubringen war ein Drahtschneider von der Größe einer Zange. Er schob sie mit dem Kopf voraus in die linke Hüfttasche, so daß sich die zwei kurzen Handgriffe gegen den Stoff preßten und das Werkzeug festhielten. Schließlich griff er nach einem eng zusammengewickelten Haufen Kleider, und zwar so eng gewickelt, daß das Ganze nicht umfangreicher war als ein Nudelholz. Das drückte er sich gegen die Wirbelsäule, zog das Gummiband um seine Hüfte und verhakte die Schließen ineinander. Vielleicht würde er die Kleider nie brauchen, aber er durfte nichts dem Zufall überlassen - dazu war er zu nahe am Ziel!

Ich werde ihn bekommen, Marie! Ich schwöre dir, ich hole ihn mir, und dann wer den wir wieder unser Leben haben. Ich bin es, David, und ich liebe dich so! Ich brauche dich so!