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Hör auf damit! Es gibt keine Leute, nur Ziele. Keine Emotionen, nur Zielpersonen und Männer, die eliminiert werden müssen, weil sie im Wege stehen. Ich brauch dich nicht, Webb. Du bist weich, und ich verachte dich. Du mußt auf Delta hören -auf Jason Borowski!

Der Killer, der gezwungenermaßen ein Killer geworden war, vergrub den Beutel mit seinem weißen Hemd und der TweedJacke und richtete sich zwischen den Fichten auf. Seine Lungen schwollen bei dem Gedanken an das an, was ihm bevorstand. Ein Teil von ihm war unsicher und verängstigt, der andere wütend und eiskalt.

Jetzt setzte Jason sich in Bewegung, ging in nördlicher Richtung auf die Kurve zu, dabei den Schutz jedes einzelnen Baumes ausnützend, so wie er das vorher auch getan hatte. Er erreichte den Wagen, der mit dem auf dem Dach festgeschnallten Fahrrad an ihm vorbeigefahren war; er parkte am Straßenrand, und unter der Windschutzscheibe war ein großes Schild festgeklebt. Er schob sich näher heran und las die chinesischen Schriftzeichen und lächelte dabei.

Dies ist ein defektes Dienstfahrzeug der Regierung. Es ist streng verboten, sich an diesem Fahrzeug zu schaffen zu machen. Diebstahl wird streng bestraft.

In der linken unteren Ecke war in kleinerer Schrift zu lesen: Volksdruckerei Nummer 72. Shanghai. Wieviel Hunderttausende solcher Schilder waren von der Druckerei Nummer 72 wohl hergestellt worden? Vielleicht galten sie als Garantiescheine, und mit jedem Fahrzeug wurden zwei geliefert.

Er zog sich wieder in den Schatten zurück und ging weiter, bis er die freie Stelle vor dem im Scheinwerferlicht daliegenden Tor erreicht hatte. Seine Augen folgten dem grünen Zaun. Auf der linken Seite verschwand er in der Finsternis des Waldes. Auf der rechten reichte er vielleicht siebzig Meter über das Wachhäuschen hinaus, vorbei an einem Parkplatz mit numerierten Stellflächen für die Touristenbusse und Taxis, und bog dahinter scharf nach Süden ab. Wie er das nicht anders erwartet hatte, war ein Vogelreservat in China umzäunt, um Diebe abzuhalten. Wie d'Anjou es formuliert hatte: »Vögel werden in China seit Jahrhunderten verehrt. Sie gelten als Delikatesse, sowohl für das Auge als auch für den Gaumen.« Echo. Echo war verschwunden. Er fragte sich, ob d'Anjou gelitten hatte ... Keine Zeit.

Stimmen! Borowskis Kopf fuhr zu dem Tor herum. Der chinesische Offizier und ein anderer, viel jüngerer Wachmann -nein, jetzt handelte es sich ganz eindeutig um einen Soldaten -kamen hinter dem Wachhäuschen hervor. Der jüngere Mann schob ein Fahrrad neben sich her, und der Offizier hielt sich ein kleines Funkgerät ans Ohr.

»Kurz nach neun Uhr werden die ersten eintreffen«, sagte er jetzt, ließ das Gerät sinken und schob die Antenne zurück. »Sieben Fahrzeuge in Abständen von drei Minuten.«

»Und der Lastwagen?«

»Wird das letzte Fahrzeug sein.«

Der Wachposten sah auf die Uhr. »Vielleicht sollten Sie dann den Wagen holen. Wenn ein Kontrollanruf kommt, weiß ich Bescheid.«

»Gute Idee«, nickte der Offizier, hängte sich das Funkgerät an den Gürtel und griff nach der Lenkstange des Fahrrads. »Mir gehen diese bürokratischen Weiber, die wie Hunde bellen, auf die Nerven.«

»Trotzdem müssen Sie Geduld mit ihnen haben«, lachte der junge Wachposten. »Und dann müssen Sie sich die Einsamen, die Häßlichen heraussuchen und sie gut bedienen, zwischen den Beinen. Stellen Sie sich nur vor, wenn die Ihnen ein schlechtes

Zeugnis ausstellen würden? Dann könnten Sie diesen herrlichen Posten verlieren.«

»Sie meinen diesen schwachköpfigen Bauern, den Sie abgelöst haben -«

»Nein, nein«, fiel ihm der Posten ins Wort. »Die suchen sich die Jüngeren heraus, die gut aussehen, Leute wie mich. Nach unseren Fotos natürlich. Er ist anders; der zahlt ihnen Yuan aus seinen Verkäufen von Fundsachen. Manchmal frage ich mich, ob er überhaupt etwas verdient.«

»Mir fällt es manchmal schwer, euch Zivilisten zu verstehen.«

»Das darf ich vielleicht verbessern, Herr Oberst. Im wahren China bin ich ein Hauptmann in der Kuomintang.«

Diese Bemerkung verblüffte Jason. Was er gehört hatte, war unglaublich! Im wahren China bin ich ein Hauptmann in der Kuomintang. Im wahren China? Taiwan? Du großer Gott, hat es angefangen! Der Krieg der beiden China? Ging es diesen Männern darum? Wahnsinn! Eine ungeheure Metzelei! Der ganze Pazifikraum würde in Flammen stehen! Herrgott! War er auf seiner Jagd nach einem Killer auf das Undenkbare gestoßen?

Das war einfach zu viel, zu aufwühlend, zu beängstigend. Er mußte jetzt ganz schnell handeln, für Denken war jetzt keine Zeit. Er blickte auf das Leuchtzifferblatt seiner Uhr. Es war 20.54 Uhr. Er wartete, bis der Armeeoffizier an ihm vorbeigeradelt war, und arbeitete sich dann vorsichtig und lautlos durch das Blattwerk, bis er den Zaun sah. Er ging auf ihn zu, holte die Taschenlampe heraus und ließ sie zweimal kurz aufblitzen, um die Ausmaße des Zauns beurteilen zu können. Sie waren ungewöhnlich. Er war an die vier Meter hoch und neigte sich oben mit seinem Stacheldraht nach außen wie ein Gefängniszaun nach innen. Er griff in seine Hüfttasche, drückte die Handgriffe zusammen und holte den Drahtschneider heraus. Dann tastete er mit der linken Hand in die Finsternis, bis er die unterste Drahtreihe gefunden hatte, und setzte sein Werkzeug an.

Wäre David Webb nicht so verzweifelt und Jason Borowski nicht so wütend gewesen, hätte er es nicht geschafft. Das war kein gewöhnlicher Zaun; der Draht war wesentlich stärker, als man ihn irgendwo sonst für Umfriedungen der gewalttätigsten Verbrecher benutzte. Jason mußte für jeden einzelnen Schneidevorgang seine ganze Kraft einsetzen und den Drahtschneider ein paarmal betätigen, bis das Metall schließlich brach. Und jeder einzelne Schneidevorgang kostete wertvolle Minuten.

Wieder sah Borowski auf sein Leuchtzifferblatt. 21.06 Uhr. Er stemmte die Füße gegen den Boden, preßte die Schultern gegen den Drahtzaun und drückte das etwa einen halben Meter hohe Drahtrechteck nach innen. Er kroch hinein, schweißüberströmt, und lag jetzt schwer atmend auf dem Boden. Keine Zeit. 21.08 Uhr.

Unsicher richtete er sich auf die Knie auf, schüttelte den Kopf, um Klarheit in seine Gedanken zu bekommen, und setzte sich nach rechts in Bewegung, hielt sich am Zaun fest, bis er die Ecke vor dem Parkplatz erreicht hatte. Das von Scheinwerfern angeleuchtete Tor lag siebzig Meter links von ihm.

Plötzlich tauchte das erste Fahrzeug auf. Es war eine russische Zia-Limousine, Baujahr Ende der Sechziger. Sie bog jetzt in den Parkplatz ein, auf die erste Position rechts neben dem Wachhäuschen. Sechs Männer stiegen aus und gingen in militärischem Gleichschritt auf den Hauptzugang des Vogelreservats zu. Sie verschwanden in der Finsternis, und die Lichtkegel ihrer Taschenlampen beleuchteten ihren Weg. Jason sah ganz genau hin; den Weg würde er auch einschlagen.

Drei Minuten später, genau nach Plan, fuhr ein zweiter Wagen durch das Tor und parkte neben dem Zia. Drei Männer stiegen aus dem Fond, während der Fahrer und der Beifahrer miteinander redeten. Wenige Sekunden später stiegen auch sie aus, und Borowski mußte sich zusammenreißen, die Beherrschung nicht zu verlieren, als sein Blick den großen, schlanken Menschen erfaßte, der sich katzengleich bewegte, wie er jetzt an dem Wagen entlang zu dem Fahrer ging. Das war der Killer! Das Chaos am Kai-tak-Flughafen hatte die komplizierte Falle in Beijing notwendig gemacht. Wer auch immer auf diesen Killer Jagd machte, mußte schnell gefangen und zum Schweigen gebracht werden. Informationen mußten durchsickern und den Schöpfer des Killers erreichen - und wer kannte die Taktiken dieses Lohnkillers besser als der, der sie ihm beigebracht hatte? Wer war mehr auf Rache aus als der Franzose? Wer sonst war imstande, den anderen Jason Borowski ausfindig zu machen? D'Anjou war der Schlüssel, und der Kunde dieses - des falschen - Jason Borowski wußte es.