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Jason rannte zu dem Wachhäuschen hinüber und überlegte, ob er die Scheinwerfer ausschießen sollte oder nicht, und entschied sich schließlich dagegen. Wenn er überlebte, würde er das Licht brauchen, wenn - wenn! Er mußte überleben! Marie!

Er ging hinein, kniete sich hinter das Fenster und holte die Patronen aus der Pistole des Postens und schob sie in die eigene Waffe. Dann sah er sich nach Einsatzplänen oder Instruktionen um; neben dem Schlüsselbund an einem Wandhaken hing eine Einsatzliste. Er schnappte sich die Schlüssel.

Ein Telefon klingelte! Das Schrillen der Glocke hallte ohrenzerreißend von den Glaswänden des Wachhäuschens wider. Falls ein Kontrollanruf kommt, weiß ich Bescheid. Ein Hauptmann der Kuomintang. Borowski stand auf, nahm das Telefon von der Theke und duckte sich wieder, hielt die Hand über die Sprechmuschel.

»Jing Shan«, sagte er heiser. »Ja?«

»Hallo, mein Schmetterling«, antwortete eine Frauenstimme, in, wie Jason fand, recht unkultiviertem Mandarin. »Wie geht es heute deinen Vögeln?«

»Denen geht es gut, aber mir nicht.«

»Du klingst auch ganz fremd. Ich spreche doch mit Wo, oder nicht?«

»Ja, bloß daß ich mich schrecklich erkältet habe und mich die ganze Zeit übergeben muß und alle zwei Minuten aufs Klo rennen. Ich kann nichts bei mir behalten.«

»Wird das morgen vorbei sein? Ich möchte mich nicht anstecken.«

Du mußt die Einsamen bedienen, die Häßlichen ...

»Ich will dich unbedingt sehen -«

»Du wirst zu schwach sein. Ich rufe dich morgen nacht an.«

»Mein Herz verkümmert wie eine sterbende Blume.«

»Kuhdung!« Die Frau legte auf.

Während des Gesprächs waren Jasons Blicke zu einer schweren Kette gewandert, die in der Ecke des Wachhäuschens lag. Er begriff. In China, wo so viele mechanische Gegenstände versagten, diente die Kette als Sicherheit, falls das Torschloß nicht funktionieren sollte. Auf den Kettengliedern lag ein ganz gewöhnliches stählernes Vorhängeschloß. Einer der Schlüssel in dem Bund sollte in das Schloß passen, dachte er, und probierte einige aus, bis das Schloß aufsprang. Er packte die Kette und wollte schon ins Freie rennen, blieb dann aber stehen, drehte sich um und riß die Telefonschnur aus der Wand. Noch ein mechanischer Gegenstand, der nicht funktionieren würde.

Am Tor wand er die Kette in ihrer ganzen Länge um die Mitte der zwei Pfosten, bis nur noch eine Masse aus Stahlgliedern zu sehen war. Er drückte vier Kettenglieder zusammen, schob den Bügel des Schlosses hinein und drückte es zu. Die ganze Kette war jetzt straff gespannt, und auch eine Kugel, die man in diese Metallmasse feuerte, würde sie keineswegs zerfetzen, sondern eher abprallen und den Schützen und das Leben aller Umstehenden gefährden. Er drehte sich um und eilte, stets im Schatten bleibend, auf dem mittleren Weg davon.

Der Weg war dunkel. Das dichte Gehölz verschluckte den vom beleuchteten Tor zurückgeworfenen Lichtschein, nur am Himmel war noch Licht zu sehen. Er hielt die Taschenlampe in der linken Hand zu Boden gerichtet und entdeckte alle zwei Meter ein Steinchen: kleine Verfärbungen auf dem dunklen Boden in gleichmäßigem Abstand. D'Anjou hatte die Steinchen wahrscheinlich mit Daumen und Zeigefinger glattgerieben, um den Schmutz des Parkplatzes zu entfernen, damit sie besser zu sehen waren. Echo hatte seine Geistesgegenwart nicht verloren.

Plötzlich waren da zwei Steine, nicht einer, und nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Jason blickte auf, kniff die Augen im winzigen Lichtkegel seiner Taschenlampe zusammen. Die zwei Steine waren kein Zufall, sondern wieder ein Signal. Der Hauptweg setzte sich geradeaus fort, aber der, den die Gefangenen hatten einschlagen müssen, bog scharf nach rechts ab. Zwei Steine bedeuteten eine Abzweigung.

Und dann änderte sich plötzlich der Abstand zwischen den Steinen. Immer weiter auseinander lagen sie, und gerade als Borowski glaubte, es kämen keine mehr, sah er noch einen. Und dann lagen wieder zwei auf dem Boden, markierten wieder eine Abzweigung. D'Anjou wußte, daß ihm die Steine ausgingen, und hatte deshalb seine Methode geändert. Jason begriff. Solange die Gefangenen ihren Weg beibehielten, würden jetzt keine Steine mehr kommen, aber bei jeder Abzweigung deuteten zwei Kieselsteine in die richtige Richtung.

Er arbeitete sich an kleinen Sumpfpartien vorbei, tief in die Felder hinein und wieder aus ihnen heraus, und überall war das Flattern von Flügeln und das Kreischen aufgestörter Vögel zu hören, wenn sie in den mondhellen Himmel aufstiegen. Schließlich war da nur noch ein schmaler Pfad, der in eine Art Schlucht hinunterführte.

Er blieb stehen und knipste die Taschenlampe aus. Weiter unten, etwa dreißig Meter weg, war das Glühen einer Zigarette zu sehen. Der Lichtpunkt bewegte sich langsam auf und ab, ein Mann, der nicht gerade vorsichtig war, aber der nicht zufällig dort stand. Und dann spähte Jason in die Finsternis dahinter -durch das dichte Blattwerk der Schlucht waren unregelmäßige Lichter zu sehen. Fackeln vielleicht? Natürlich, das war es, Fackeln. Er hatte sein Ziel erreicht. Dort unten in der Schlucht, hinter dem Posten mit seiner Zigarette, war der Versammlungsplatz.

Borowski zwängte sich in das dichte Unterholz zur Rechten des Weges. Bald mußte er feststellen, daß die lianenartigen Gewächse wild gewachsen und im Lauf der Jahre neinander verwoben wie Fischernetze waren. Sie auseinanderzureißen oder zu zerbrechen würde Lärm machen, der nicht zu den normalen Geräuschen des Vogelreservats paßte. Das Knicken von Zweigen klang anders als das Flattern von Vogelschwingen oder das Kreischen aufgestörter Bewohner des Reservats. Er griff nach seinem Messer und wünschte, die Klinge wäre länger. Er brauchte für die paar Meter fast zwanzig Minuten, um sich lautlos einen Pfad bis zu dem Posten zu bahnen.

»Mein Gott!« Jason hielt den Atem an und unterdrückte einen Schrei. Er war ausgeglitten; das glitschige, zischende Geschöpf unter seinem linken Fuß war wenigstens eineinhalb Meter lang. Jetzt wand es sich um sein Bein, und er packte in seinem Schrecken danach, zog es von seinem Fleisch weg und schnitt es mit dem Messer auseinander. Die Schlange schlug ein paar Sekunden wild um sich, dann ließen ihre Zuckungen nach; sie war tot und entrollte sich zu seinen Füßen. Er schloß die Augen und schauderte, ließ einen Augenblick verstreichen. Dann kauerte er sich wieder nieder und kroch näher an den Posten heran, der sich gerade wieder eine Zigarette anzündete, oder besser gesagt, versuchte, sie mit einem Streichholz nach dem anderen anzuzünden, von denen keines Feuer fing.

»Ma de shizi, shizi!« stieß er halblaut hervor, die Zigarette im Mund.

Borowski kroch weiter, schnitt die letzten paar dicken Halme weg, bis er nur noch zwei Meter von dem Mann entfernt war. Er schob das Jagdmesser in die Scheide und griff wieder in die Hüfttasche nach seinen Drahtspulen. Kein Messerstich durfte dem Mann noch einen Schrei erlauben; ein konvulsivischer letzter Atemzug war das einzig gegebene Ende.

Er ist ein menschliches Wesen! Ein Sohn, ein Bruder, ein Vater!

Er ist der Feind. Unser Ziel. Das ist alles. Marie gehört dir, nicht denen.

Jason Borowski stürzte sich aus dem Gras vorwärts, als der Mann den ersten Zug inhalierte. Der Rauch quoll aus seinem weit aufgerissenen Mund. Die Drahtschlinge spannte sich, und dann stürzte der Mann mit durchschnittener Luftröhre ins Unterholz, schlaff und tot.