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Jason riß den blutigen Draht zurück, wischte ihn im Gras ab, rollte die Spulen zusammen und stopfte sie sich wieder in die Tasche. Er zerrte die Leiche tiefer ins Unterholz, weg vom Weg, und durchsuchte die Taschen des Postens. Das erste, was er fand, fühlte sich wie ein Bündel zusammengefaltetes Toilettenpapier an, in China eine Mangelware. Er zog die Taschenlampe vom Gürtel, hielt die Hand darüber und betrachtete erstaunt seinen Fund. Das Papier war zusammengefaltet und weich, aber es handelte sich nicht um Toilettenpapier. Es war Geld, Tausende von Yuan, mehr als die meisten Chinesen in Jahren verdienten. Der Posten am Tor, der »Hauptmann der Kuomintang«, hatte auch Geld gehabt mehr als Jason für normal hielt -, aber bei weitem nicht so viel wie dieser. Als nächstes kam eine Brieftasche mit Fotos von Kindern, die Borowski schnell wieder zurücksteckte, ein Führerschein und ein Ausweis für ein Mitglied der Volkssicherheitskräfte! Jason zog das Papier heraus, das er der Brieftasche des ersten Postens entnommen hatte, und legte die beiden Ausweise nebeneinander auf den Boden. Sie waren identisch. Er faltete beide zusammen und steckte sie in die Tasche. Der letzte Gegenstand war ebenso verblüffend wie interessant. Es war ein Passierschein, der seinem Besitzer den Zugang zu den Freundschaftsläden erlaubte, jenen Geschäften, die für ausländische Reisende eingerichtet waren und zu denen Chinesen, abgesehen von höchsten Regierungsbeamten, keinen Zutritt hatten. Wer auch immer diese Männer hier waren, dachte Borowski, sie waren eine seltsame elitäre Gruppe. Untergeordnete Posten trugen Unsummen Geld bei sich und genossen Privilegien, wie sie eigentlich nur wesentlich höheren Rangstufen zukamen, und hatten Ausweise der Geheimpolizei. Wenn es wirklich Verschwörer waren - und alles, was er von Shenzen bis zu diesem Vogelreservat gehört hatte, schien das zu bestätigen -, dann reichte diese Verschwörung weit in die Hierarchie von Beijing hinein. Keine Zeit! Das betrifft dich nicht!

Die Waffe, die der Mann umgeschnallt hatte, war, wie zu erwarten, der ähnlich, die in seinem Gürtel steckte, oder jener, die er am Jing-Shan-Tor in den Wald geworfen hatte. Es war eine hochwertige Waffe, und Waffen waren Symbole. Eine Präzisionswaffe war ebenso ein Statussymbol wie eine teure Uhr, von der es zwar Nachahmungen gab, die ein geschulter Blick aber sofort durchschaute. Eine solche Waffe konnte man herzeigen, um seinen Status unter Beweis zu stellen. Sie war das Erkennungszeichen einer Elite. Keine Zeit! Das geht dich nichts an! Weiter!

Jason entlud die Pistole, steckte die Munition ein und warf die Waffe in den Wald. Dann kroch er auf den Weg hinaus und ging langsam und lautlos auf die flackernden Lichter hinter der Wand aus hohen Bäumen zu.

Was er sah, war keine Schlucht. Es war ein riesiger Krater aus prähistorischen Zeiten, eine Wunde, die bis in die Eiszeit zurückreichte und noch nicht geheilt war. Vögel flatterten darüber, neugierig und erschreckt; aufgestörte Eulen schrien mißtönend. Borowski stand am Rand des Abhangs und blickte zwischen den Bäumen auf die fackelbeleuchtete Versammlung. David Webb stöhnte, hätte sich am liebsten übergeben, aber ein eiskalter Befehl hielt ihn davon ab.

Hör auf. Beobachte. Finde heraus, womit wir es zu tun haben.

An einem kräftigen Ast hing ein Gefangener an einem Seil, das mit seinen gefesselten Handgelenken verbunden war, die Arme über sich ausgestreckt, die Füße wenige Zoll vom Boden. Seiner Kehle entrangen sich trotz des Knebels im Mund unartikulierte Laute. Seine Augen flackerten wild.

Ein schlanker Mann mittleren Alters in langen Hosen und Mao-Jacke stand vor dem sich heftig windenden Körper. Seine rechte Hand umschloß das juwelenbesetzte Heft eines dünnen Schwertes, dessen Spitze in der Erde steckte. David Webb erkannte die Waffe. Es handelte sich um das Zeremonienschwert eines Kriegsherrn aus dem vierzehnten Jahrhundert, einer brutalen Kaste von Militaristen, die Dörfer und Städte und ganze Landstriche vernichtet hatten, die auch nur im Verdacht standen, sich dem Willen der Yuan-Kaiser zu widersetzen. Doch diese Schwerter wurden nicht nur für Zeremonien, sondern auch für ganz brutale Zwecke gebraucht. David spürte eine Welle der Übelkeit in sich aufsteigen, als er die Szene unter sich beobachtete.

»Hört mir zu!« schrie der schlanke Mann und drehte sich zu seinen Zuhörern herum. Seine Stimme klang schrill, aber entschlossen, und zwang die Zuhörer in ihren Bann. Borowski kannte ihn nicht, aber sein Gesicht war nicht zu vergessen. Das kurzgestutzte graue Haar, die hageren, bleichen Züge -und ganz besonders sein Blick. Jason konnte seine Augen nicht deutlich erkennen, aber der Feuerschein der Fackeln spiegelte sich in ihnen. Und diese Augen loderten ebenso.

»Die Nächte des Großen Schwertes beginnen!« schrie der schlanke Mann. »Und sie werden sich fortsetzen, Nacht für Nacht, bis alle, die uns verraten würden, zur Hölle geschickt sind! Jedes einzelne dieser giftigen Insekten hat sich an unserer heiligen Sache versündigt, hat Verbrechen begangen, die zu dem großen Verbrechen führen könnten, die nach dem Schwert verlangen.« Er wandte sich dem gefesselten Gefangenen zu. »Du! Die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit! Kennst du die Langnase?«

Der Gefangene schüttelte den Kopf, und wieder drang unterdrücktes Stöhnen aus seiner Kehle.

»Lügner!« schrillte eine Stimme aus der Menge. »Er war heute nachmittag am Tian An Men!«

»Er hat gegen das wahre China gesprochen!« schrie ein anderer. »Ich habe ihn im Hua-Gong-Park bei den jungen Leuten gehört!«

»Und in dem Kaffeehaus an der Xidan Bei!«

Der Gefangene zuckte zusammen, und seine geweiteten Augen starrten erschreckt in die Menge. Borowski begriff. Der Mann hörte hier Lügen und wußte nicht warum, aber Jason wußte es. Die Inquisition tagte; ein Unruhestifter, oder ein Mann mit Zweifeln, wurde im Namen eines größeren Verbrechens eliminiert. Die Nächte des Großen Schwertes beginnen - Nacht für Nacht! Eine Schreckensherrschaft in einem kleinen, blutigen Reich inmitten eines riesigen Landes, wo jahrhundertelang blutrünstige Kriegsherren gewütet hatten.

»Das hat er getan?« schrie der hagere Redner. »Das hat er

gesagt?«

Ein fanatisches Stimmengewirr erfüllte die Schlucht.

»Am Tian An Men ...!«

»Er hat mit der Langnase gesprochen ...!«

»Er hat uns alle verraten ...!«

»Er will unseren Tod, unsere Niederlage ...!«

»Er spricht gegen unsere Führer, will ihren Tod ...!«

»Sich gegen unsere Führer zu stellen«, sagte der Mann mit dem Schwert ruhig, aber immer lauter werdend, »heißt, sie in den Schmutz ziehen. Das ist eine Sünde gegen die Gabe des Lebens. Wer sich dagegen versündigt, verdient nicht zu leben.«

Der gefesselte Mann bäumte sich wieder auf, so daß er an seinem Seil zu schwanken begann, und sein Stöhnen wurde lauter und mischte sich in das der anderen Gefangenen, die angesichts der bevorstehenden Exekution vor dem Sprecher knien mußten. Nur einer versuchte immer wieder, sich aufzurichten, und wurde von dem Wächter, der neben ihm stand, immer wieder niedergedrückt. Das war Philippe d'Anjou. Echo sandte eine weitere Nachricht zu Delta, aber Jason Borowski konnte sie nicht verstehen.

»... dieser kranke, undankbare Heuchler, dieser Lehrer der Jungen, den wir wie einen Bruder unter uns aufgenommen haben, weil wir die Worte glaubten, die er sprach - so mutig sprach, wie wir dachten, im Gegensatz zu denen, die unser Mutterland quälen -, ist mehr als ein Verräter. Seine Worte sind hohl. Er ist ein verschworener Begleiter der verräterischen Winde, und die würden ihn zu unseren Feinden tragen, zu denen, die Mutter China quälen! Vielleicht wird der Tod ihm die Läuterung bringen!« Der Redner zog das Schwert aus dem Boden und hob es über seinen Kopf.