Und auf daß sein Same sich nicht verbreite. David Webb, der Gelehrte, erinnerte sich an die Worte des alten Rituals und hätte am liebsten die Augen geschlossen, hätte ihm das sein anderes Ich nicht verboten. Zerstören wir den Quell, dem der Same entspringt, und beten wir zu den Geistern, auf daß sie alles das zerstören mögen, in das er hier auf Erden eingedrungen ist.
Das Schwert fuhr herunter und hackte die Genitalien des schreienden, sich windenden Körpers ab.
Und auf daß seine Gedanken sich nicht verbreiten mögen und die Unschuldigen und die Schwachen verseuchen, beten wir zu den Geistern, auf daß sie sie zerstören mögen, wo immer sie sind, so wie wir hier den Quell zerstören, dem sie entspringen.
Jetzt beschrieb das Schwert einen waagrechten Bogen und durchschnitt den Hals des Gefangenen. Der zuckende Körper fiel in einem Schwall von Blut zu Boden, und der schlanke Mann mit den lodernden Augen hieb mit dem Schwert auf den abgeschlagenen Kopf, bis keine Ähnlichkeit mit einem menschlichen Gesicht mehr zu erkennen war.
Der Rest der entsetzten Gefangenen erfüllte die Schlucht mit Klagegeschrei und wand sich auf dem Boden, bettelte um Gnade. Nur einer nicht. D'Anjou richtete sich auf und starrte stumm den Mann mit dem Schwert an. Der Wächter ging auf ihn zu und sagte etwas, worauf der Franzose sich halb herumdrehte und ihm ins Gesicht spuckte. Der Posten fuhr, vielleicht benommen von dem, was er eben mit angesehen hatte, zurück. Was tat Echo da? Was war seine Botschaft?
Dann blickte Borowski zu dem Henker mit dem hageren Gesicht und dem kurz gestutzten grauen Haar hinüber. Jetzt wischte er die lange Klinge seines Schwertes mit einem weißen Seidentuch ab, während Helfer die Leiche und die Überreste des Schädels des Gefangenen entfernten. Er deutete auf eine auffällig attraktive Frau, die jetzt von den zwei Wachen zu dem Seil hinübergezerrt wurde. Ihre Haltung war aufrecht, trotzig.
Delta studierte das Gesicht des Henkers. Unter den irre flammenden Augen war der dünne Mund des Mannes zu einem schmalen Schlitz verzerrt. Er lächelte.
Er war ein toter Mann. Irgendwann, irgendwo würde er sterben. Vielleicht heute noch. Ein Henker, ein blutbesudelter blinder Fanatiker, der den Osten in einen unvorstellbaren Krieg stürzen wollte - China gegen China, und der Rest der Welt würde folgen.
Heute nacht!
Kapitel 27
»Die Frau ist ein Kurier, eine Person, der wir unser Vertrauen geschenkt haben«, fuhr der Redner fort, und seine Stimme schwoll dabei langsam an, wie die eines Sektenpredigers, der das Evangelium der Liebe verkündet, während er das Werk des Teufels vor Augen hat. »Ein Vertrauen, das nicht verdient, sondern guten Glaubens gegeben wurde, denn sie ist die Frau eines der unseren, eines tapferen Soldaten, eines erstgeborenen Sohns einer angesehenen Familie des wahren China. Ein Mann, der, während ich hier spreche, sein Leben aufs Spiel setzt, um unsere Feinde im Süden zu infiltrieren. Auch er hat ihr vertraut ... und sie hat sein Vertrauen verraten. Sie hat hren tapferen Mann verraten, uns alle verraten! Sie ist nichts als eine Hure, die mit dem Feind schläft! Und während sie ihre Begierde befriedigt - wie viele Geheimnisse hat sie dabei enthüllt, wie tief reicht ihr Verrat? Ist sie vielleicht die Kontaktperson der Langnasen hier in Beijing? Ist sie es, die unseren Feinden sagt, worauf sie achten, was sie erwarten sollen?
Wie sonst hätte es zu diesem schrecklichen Tag kommen können? Unsere erfahrensten Männer haben unseren Feinden eine Falle gestellt, der sie erlegen wären, und dann wären wir frei gewesen von den Verbrechern aus dem Westen, die glauben, sich nur dadurch Reichtümer verschaffen zu können, indem sie vor denen im Staub liegen, die China quälen und peinigen. Man hat mir berichtet, daß sie heute morgen am Flughafen war. Am Flughafen! Wo die Falle ihren Anfang nahm! Hat sie ihren geilen Körper einem unserer Getreuen hingegeben, ihn vielleicht unter Drogen gesetzt? Hat er ihr vielleicht in berauschtem Zustand gesagt, was sie tun sollte, was sie unseren Feinden sagen sollte? Was hat diese Hure getan?«
Ein abgekartetes Spiel, dachte Borowski. Eine Anklage, die sich so sehr über die Fakten und die damit in Verbindung stehenden Erkenntnisse hinwegsetzte, daß selbst ein Gerichtshof in Moskau einen solchen Marionettenankläger mit Schimpf und Schande davongejagt hätte. Die Herrschaft des Schreckens in dem Stamm der Kriegsherren hielt an. Es gilt, die Ungetreuen auszumerzen und den Verräter zu finden und jeden zu töten, der auch nur entfernt des Verrats verdächtig ist.
Unter den Zuhörern erhob sich leise, aber immer lauter werdend, der Ruf »Hure!« und »Verräterin!«, während die gefesselte Frau versuchte, sich den zwei Wachen zu entwinden. Der Redner hob die Hände, um sich Ruhe zu verschaffen, die sofort eintrat.
»Ihr Liebhaber war ein verabscheuungswürdiger Journalist der Xinhua-Nachrichtenagentur, jenes verlogenen Organs des abscheulichen Regimes. Ich sage >war<, weil diese widerwärtige Kreatur seit einer Stunde tot ist, durch den Kopf geschossen. Man hat ihm die Kehle durchgeschnitten, damit alle wissen, daß auch er ein Verräter war! Ich selbst habe mit dem Mann dieser Hure gesprochen, weil ich ihm Ehre erweise. Er hat mich angewiesen, so zu handeln, wie es die Geister unserer Ahnen verlangen. Er will nichts mehr mit ihr zu tun haben -«
»Aiyaaa!« Mit der Kraft der Verzweiflung riß die Frau sich den Knebel vom Mund. »Lügner!« schrie sie. »Mörderbrut! Ihr habt einen anständigen Mann umgebracht, und ich habe niemanden verraten! Mich hat man verraten! Ich war nicht am Flughafen, und das wissen Sie auch! Ich habe diese Langnase nie gesehen, und auch das wissen Sie! Ich wußte nichts von dieser Falle für westliche Verbrecher, und Sie können die Wahrheit in meinem Gesicht lesen! Wie hätte ich davon wissen können?«
»Indem du mit einem ergebenen Diener unserer Sache gehurt hast und ihn verdorben, ihn unter Drogen gesetzt hast! Indem du dich ihm hingegeben hast und so lange mit ihm Unzucht getrieben hast, bis die Kräuter ihn wahnsinnig gemacht haben!«
»Du bist wahnsinnig! Du sagst diese Dinge, diese Lügen, weil du meinen Mann nach Süden geschickt hast und viele Tage zu mir gekommen bist, zuerst mit Versprechungen, dann mit Drohungen. Ich sollte dir zu Diensten sein. Das sei meine Pflicht, hast du gesagt! Du bist bei mir gelegen, und ich habe Dinge erfahren -«
»Weib, du widerst mich an! Ich bin zu dir gekommen und habe dich angefleht, deinen Mann und unsere Sache nicht zu entehren! Deinen Liebhaber aufzugeben und Vergebung zu suchen.«
»Eine Lüge! Männer sind zu dir gekommen, Taipans aus dem Süden, die mein Mann dir geschickt hat, Männer, die man in deinem hohen Haus nicht sehen durfte. Sie kamen insgeheim in die Läden unter meiner Wohnung, der Wohnung einer sogenannten ehrenwerten Witwe - eine weitere Lüge, die du mir und meinem Kind angehängt hast!«
»Hure!« kreischte der Mann mit dem Schwert und den fanatischen Augen.
»Lügner!« schrie die Frau zurück. »Wie du hat auch mein Mann viele Frauen, und ich bin ihm gleichgültig! Er schlägt mich, und du sagst mir, das sei sein Recht, weil er ein großer Sohn des wahren China ist! Und ich trage Botschaften von einer Stadt zur anderen, die mir Folter und Tod eintragen würden, wenn man sie bei mir fände, und ernte dafür nur Schmähungen und bekomme nicht einmal das Geld für die Bahnfahrt, weil du sagst, es sei meine Pflicht! Wovon soll denn meine Tochter satt werden? Meine Tochter - das Kind, das dein großer Sohn Chinas nicht kennen will, weil er nur Söhne wollte!«