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»Die Geister wollten dir keine Söhne gewähren, weil sie Weiber geworden wären, die einem großen Haus Chinas Schande gebracht hätten! Du bist die Verräterin! Du bist zum Flughafen gegangen und hast Verbindung mit unseren Feinden aufgenommen und damit zugelassen, daß ein Verbrecher entkam! Dir wäre es gleichgültig, wenn wir tausend Jahre versklavt wären - «

»Und du würdest uns auf zehntausend Jahre zu Vieh machen!«

»Du weißt nicht, was Freiheit ist, Weib!«

»Freiheit? Aus deinem Mund? Du willst mir einreden - willst uns einreden-, du würdest uns die Freiheiten zurückgeben, die unsere Eltern und Großeltern in dem wahren China hatten, aber welche Freiheiten, du Lügner! Die Freiheit, die blinden Gehorsam verlangt, die meinem Kind den Reis nimmt, einem Kind, das sein Vater verleugnet, weil er nur an Herren glaubt -Kriegsherren, Herren der Erde! Aiya!« Die Frau wandte sich der Menge zu. »Ihr!« schrie sie. »Ihr alle! Ich habe euch nicht verraten, und unsere Sache auch nicht. Aber ich habe vieles gelernt. Es war nicht so, wie dieser große Lügner sagt! Es gibt viel Leid und Tyrannei, wie wir alle wissen, aber auch früher hat es Leid gegeben und Tyrannei! ... mein Liebhaber war kein böser Mensch, kein blinder Gefolgsmann des Regimes, sondern ein gebildeter Mann, ein sanftmütiger Mann, einer, der an das ewige China glaubte! Er wollte die Dinge, die auch wir wollen! Er verlangte nur Zeit, um all das Böse zu korrigieren, das die alten Männer in den Komitees verseucht hatte, die uns führen. Vieles wird sich ändern, hat er mir gesagt. Einiges davon spürt man bereits. Jetzt! ... Laßt nicht zu, daß der Lügner mir das antut! Laßt nicht zu, daß er es euch antut!«

»Hure! Verräterin!« Die Klinge zischte durch die Luft und enthauptete die Frau. Ihr kopfloser Körper fiel nach links, ihr Kopf nach rechts, und aus beiden spritzte das Blut. Dann ließ der Erweckungsprediger das Schwert herunterfahren, als wollte er ihre Überreste in Stücke zerhacken, aber das Schweigen, das sich über die Menge gesenkt hatte, lastete schwer und drückend. Er hielt inne; er hatte den Faden verloren. Aber er knüpfte gleich wieder daran an. »Mögen die geheiligten Geister unserer Ahnen ihr Frieden und Läuterung gewähren!« schrie er, und seine Augen schweiften über die Menge, starrten jeden einzelnen an. »Denn ich beende ihr Leben nicht aus Haß, sondern voll Mitgefühl für ihre Schwäche. Sie wird Frieden und Vergebung finden. Die Geister werden verstehen - aber wir müssen hier im Mutterland verstehen! Wir dürfen keinen Fußbreit von unserem Weg zum Ziel abweichen - wir müssen stark sein! Wir müssen -«

Borowski hatte genug von diesem Wahnsinnigen. Er war der fleischgewordene Haß. Und er war ein toter Mann. Irgendwann, irgendwo würde er sterben. Vielleicht heute noch - wenn möglich, heute!

Delta zog das Messer aus der Scheide und bewegte sich nach rechts, kroch durch das dichte Unterholz. Sein Pulsschlag war seltsam ruhig, und in ihm wuchs eine wütende Erkenntnis -David Webb war verschwunden. Es gab so viele Dinge, an die er sich aus jenen wolkenverhüllten, fernen Tagen nicht erinnern konnte, aber es gab auch viel, das für ihn jetzt wieder Gestalt annahm. Die Einzelheiten waren noch unklar, nicht aber seine Instinkte. Impulse lenkten ihn, und er war eins mit der Finsternis des Waldes. Der Dschungel war sein Verbündeter, denn er hatte ihn schon früher beschützt, ihn in jenen Tagen gerettet, an die er sich nicht klar erinnern konnte. Die Bäume und die Lianen und das Unterholz waren seine Freunde; er bewegte sich zwischen ihnen wie eine Wildkatze, mit sicherem Fuß und lautlos.

Er bog in der uralten Schlucht nach links und begann den Abstieg, den Blick die ganze Zeit auf den Baum gerichtet, wo der Killer so lässig stand. Der Redner hatte inzwischen seine Vorgehensweise geändert und sich damit auf die veränderte Stimmung in seinem Publikum eingestellt. Jetzt die tote Frau in Stücke zu hacken, wäre falsch gewesen, und er war ein Meister seiner Kunst, ein begnadeter Redner, der wußte, wann er Liebe predigen mußte und wann ewige Verdammnis.

Ein paar Helfer hatten schnell die Spuren des gewaltsamen Todes der Frau entfernt, und die zweite Frau wurde mit einer Geste des zeremoniellen Schwertes herbeigewinkt. Sie war höchstens achtzehn, ein hübsches Mädchen, und während sie nach vorne gezerrt wurde, weinte sie und übergab sich.

»Deine Tränen sind überflüssig, Kind«, sagte der Redner mit seiner väterlichsten Stimme. »Es war stets unsere Absicht, dich zu verschonen, weil man dir Pflichten abverlangt hat, für die du zu jung warst, weil dir das Privileg zuteil wurde, Geheimnisse zu erfahren, die dein Verständnis übersteigen. Die Jugend spricht häufig, wenn sie schweigen sollte ... Man hat dich in der Gesellschaft von zwei Brüdern aus Hongkong gesehen - aber nicht unseren Brüdern. Männer, die für die ehrlose englische Krone arbeiten, jene dekadente, geschwächte Regierung, die das Mutterland an die verkauft hat, die uns quälen. Sie haben dir billigen Tand gegeben, hübschen Schmuck und Rouge für deine Lippen, und französisches Parfüm aus Kowloon. Jetzt sprich, Kind, was hast du ihnen gegeben?«

Das junge Mädchen, dem immer noch Erbrochenes durch den Knebel sickerte, schüttelte wild den Kopf; die Tränen strömten ihr übers Gesicht.

»Sie hatte die Hand unter dem Tisch und zwischen den Beinen eines Mannes, das war in einem Cafe am Guangquem!« schrie einer aus der Menge.

»Das war eines der Schweine, die für die Briten arbeiten!« fügte ein anderer hinzu.

»Jugend läßt sich leicht verführen«, sagte der Redner und sah den Mann an, der gesprochen hatte, und seine Augen blitzten, als wollte er Schweigen gebieten. »In unseren Herzen ist Vergebung für die Verführten - solange die Verführung nicht zum Verrat führt.«

»Sie war am Ti-An-Men-Tor ...!«

»Sie war nicht am Tian An Men, das habe ich selbst festgestellt!« schrie der Mann mit dem Schwert. »Deine Information ist falsch. Die einzige Frage, die noch bleibt, ist ganz einfach, Kind! Hast du von uns gesprochen? Könnte es sein, daß deine Worte zu unseren Feinden gelangt sind? Hier oder im Süden?«

Das Mädchen wand sich auf dem Boden, und ihr ganzer Körper schwankte verzweifelt hin und her, als könne sie so die Anklage von sich abschütteln.

»Ich akzeptiere deine Unschuld, so wie ein Vater das würde, aber nicht deine Unvernunft, Kind. Du bist zu unvorsichtig in der Wahl deines Umgangs, in der Gier nach Tand. Wenn die nicht uns dienen, können sie gefährlich sein.«

Das Mädchen wurde einem fettleibigen, selbstgefällig blickenden Mann in mittleren Jahren zur »Unterweisung und Meditation« in Gewahrsam gegeben. Der Gesichtsausdruck des älteren Mannes ließ klar erkennen, daß er seinen Auftrag viel umfassender interpretieren würde, als der Redner das vorgeschrieben hatte. Und wenn er mit ihr fertig war, einer Kindfrau, die der nach jungen Mädchen gierenden Hierarchie Beijings Geheimnisse entlockt hatte - einer Hierarchie, die getreu den Worten Maos glaubte, solche Verbindungen würden ihre Lebenszeit verlängern - würde sie verschwinden.

Zweien der drei noch verbleibenden Chinesen wurde buchstäblich der Prozeß gemacht. Die erste Anklage lautete auf

Drogenhandel an der Achse Shanghai - Beijing. Ihr Verbrechen lag freilich nicht in der Verteilung von Narkotika, sondern darin, daß sie die Profite für sich behalten und riesige Geldsummen auf persönliche Konten bei zahlreichen Banken von Hongkong eingezahlt hatten. Einige der Zuhörer traten vor, um das Beweismaterial zu erhärten, mit der Erklärung, daß sie als nachgeordnete Verteiler den zwei »Bossen« große Bargeldsummen übergeben hätten, die nie in den geheimen Büchern der Organisation aufgezeichnet worden waren. Das war die erste Anklage, aber nicht die wichtigste. Die trug jetzt der Redner in seiner hohen Singsangstimme vor.