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»Ihr reist in den Süden, nach Kowloon. Einmal, zweimal, häufig sogar dreimal pro Monat. Der Flughafen Kai-tak ... du!« schrie der Eiferer mit dem Schwert und deutete auf den Gefangenen zu seiner Linken. »Du bist heute nachmittag zurückgeflogen. Du warst gestern nacht in Kowloon. Gestern nacht! Kai-tak! Wir sind gestern nacht in Kai-tak verraten worden!« Der Redner ging mit langsamen, unheilverheißenden Schritten aus dem Licht der Fackeln auf die zwei versteinerten Männer zu, die vorne knieten. »Eure Ergebenheit dem Geld gegenüber ist größer als eure Ergebenheit für unsere Sache«, dröhnte er jetzt wie ein besorgter, aber zorniger Patriarch. »Brüder im Blut und Brüder im Diebstahl. Wir wissen das schon seit vielen Wochen, wissen es, weil in eurer Habgier soviel Angst war. Euer Geld mußte sich vermehren, so wie Ratten in der Gosse, und deshalb seid ihr zu den verbrecherischen Triaden in Hongkong gegangen! Wie emsig, wie unternehmerisch und doch wie unglaublich dumm! Glaubt ihr etwa, daß wir diese Triaden nicht kennen, oder sie uns? Glaubt ihr, daß es nicht Bereiche gibt, wo sich unsere Interessen treffen könnten? Glaubt ihr, daß die weniger Abscheu für Verräter empfinden als wir?«

Die zwei gefesselten Brüder warfen sich flehend auf die Knie, und aus ihren geknebelten Mündern klangen unartikulierte Laute, Bitten um Gehör. Der Redner ging auf den Gefangenen zu seiner Linken zu und riß den Knebel herunter, so daß die Schnur dem Mann ins Fleisch schnitt.

»Wir haben niemanden verraten, großer Herr!« kreischte er. »Ich habe niemanden verraten! Ich war in Kai-tak, ja, aber nur in der Menge. Um zu beobachten, Herr! Um mich daran zu erfreuen!«

»Mit wem hast du gesprochen?«

»Mit niemandem, großer Herr! O ja, mit dem Angestellten der Fluggesellschaft. Um meinen Flug für den nächsten Morgen zu bestätigen, Herr, das war alles! Ich schwöre es bei den Geistern unserer Ahnen. Denen meines jungen Bruders und den meinen, Herr.«

»Das Geld. Was ist mit dem Geld, das du gestohlen hast?«

»Nicht gestohlen, großer Herr. Ich schwör es! Wir glaubten in unseren stolzen Herzen - Herzen, die unsere große Sache stolz gemacht hat -, daß wir das Geld zum Vorteil des wahren China gebrauchen konnten! Jeder Yuan unseres Gewinns sollte der Sache zurückgegeben werden!«

Die Menge grölte, und immer wieder waren die Rufe »Verrat!« und »Dieb« zu hören. Der Redner hob die Arme, worauf wieder Stille eintrat.

»Mögen alle es erfahren«, sagte er langsam und immer lauter werdend. »Diejenigen in unserer wachsenden Schar, die vielleicht Gedanken an Verrat hegen, mögen gewarnt sein. In uns ist keine Gnade, weil man auch uns keine Gnade erwiesen hat. Unsere Sache ist rechtschaffen und rein, und der bloße Gedanke an Verrat ist widerwärtig. Verbreitet das. Ihr wißt nicht, wer wir sind oder wo wir sind - ob ein Beamter in einem Ministerium oder ein Angehöriger der Sicherheitspolizei. Wir sind nirgendwo und doch überall. Diejenigen, die schwanken und zweifeln, sind tot ... Die Verhandlung gegen diese stinkenden Hunde ist vorüber. Jetzt liegt es bei euch, meine Kinder.«

Das Urteil war schnell und einstimmig: schuldig im ersten Punkt, wahrscheinlich im zweiten. Die Strafe: Der eine Bruder würde sterben, der andere leben und nach Hongkong zurückgebracht werden, wo man das Geld abholen würde. Wer leben und wer sterben sollte, sollte nach dem alten Yj'-zang-h'-Ritual entschieden werden, wörtlich »ein Begräbnis«. Jeder der beiden Männer bekam ein Messer mit rasiermesserscharfer, gezackter Klinge. Gekämpft werden sollte in einem Kreis, der zehn Schritte durchmaß. Die beiden Brüder standen einander gegenüber, und das wilde Ritual begann, als der eine verzweifelt zustieß und der andere dem Angriff auswich, wobei seine Klinge das Gesicht des Angreifers aufriß.

Das Duell in dem tödlichen Kreis und die primitiven Reaktionen der Zuschauer darauf überdeckten alle Geräusche, die Borowski verursachte, der sich für schnelles Handeln entschieden hatte. Er rannte jetzt durch das Unterholz, brach Zweige ab und wischte das hohe Gras aus dem Weg, bis er nur noch sechs Meter hinter dem Baum war, wo der Killer stand. Er würde zurückkehren und sich noch näher an ihn heranarbeiten, aber zuerst kam d'Anjou. Echo mußte wissen, daß er da war.

Der Franzose und der letzte männliche chinesische Gefangene standen am rechten Rand des Kreises, von zwei Posten bewacht. Jason kroch vor, während die Menge die zwei Gladiatoren abwechselnd brüllend schmähte und anfeuerte. Einer der Kämpfer - beide waren jetzt über und über mit Blut beschmiert -hatte seinem Gegner einen fast tödlichen Stich mit dem Messer versetzt, aber das Leben, das er beenden wollte, wollte nicht aufgeben. Borowski war höchstens noch zwei oder drei Meter von d'Anjou entfernt; er tastete auf dem Boden herum und hob einen heruntergefallenen Zweig auf. Als die Menge jetzt wieder aufbrüllte, knickte er ihn zweimal ab. Von den drei Stücken, die er in der Hand hielt, streifte er das Laub ab und hatte jetzt drei einigermaßen gerade Stöcke in der Hand. Er zielte und warf den ersten in einem flachen Bogen, so daß er dem Franzosen vor die

Beine fiel. Der zweite traf Echo in der Kniekehle. D'Anjou nickte zweimal, um Delta zu verstehen zu geben, daß er seine Anwesenheit bemerkt hatte. Dann tat der Franzose etwas Seltsames. Er bewegte langsam den Kopf vor und zurück. Echo versuchte, ihm etwas zu sagen. Dann knickte plötzlich d'Anjous linkes Bein ein, und er fiel zu Boden. Der Posten zu seiner Rechten riß ihn unsanft in die Höhe, konzentrierte sich aber dann gleich wieder auf den blutigen Kampf der zwei Brüder.

Wieder schüttelte Echo langsam den Kopf und starrte dann nach links, den Blick auf den Killer gewandt, der ein paar Schritte nach vorne getreten war, um das tödliche Duell besser sehen zu können. Und dann drehte er den Kopf wieder herum und starrte jetzt den Fanatiker mit dem Schwert an.

Wieder brach d'Anjou zusammen, kam aber diesmal von selbst auf die Beine, ehe der Posten ihn berühren konnte. Im Aufstehen schob er die schmalen Schultern vor und zurück. Borowski atmete tief und schloß dann die Augen in einem kurzen Moment der Trauer, mehr konnte er sich nicht gestatten. Die Botschaft war klar. Echo schaltete sich selbst aus und forderte Delta auf, sich den Killer vorzunehmen - und dabei den fanatischen Henker umzubringen. D'Anjou wußte, daß er zu mitgenommen, zu schwach war zum Fliehen. Er wäre nur ein Klotz am Bein gewesen, und der Killer hatte Vorrang ... Marie hatte Vorrang. Echos Leben war vorüber. Aber der Tod des fanatischen Henkers würde sein Bonus sein, jenes Henkers, der auch ihn hinrichten würde.

Ein ohrenbetäubender Schrei füllte die Schlucht; Totenstille legte sich über die Menge. Borowskis Kopf fuhr nach links herum, wo er über die Zuschauer hinausblicken konnte. Was er sah, war ebenso widerwärtig wie das, was er in den letzten Minuten gesehen hatte. Der Fanatiker hatte einem der Kämpfer sein zeremonielles Schwert in den Nacken getrieben; jetzt zog er es heraus, während die blutbesudelte Leiche zusammenbrach und auf dem Boden liegenblieb. Dann hob der Priester des Todes den Kopf und sprach: »Arzt!«

»Ja, Herr?« sagte eine Stimme aus der Menge.

»Kümmere dich um den Überlebenden. Flicke ihn für seine bevorstehende Reise nach dem Süden so gut du kannst zusammen. Wenn ich zuließe, daß das hier fortgesetzt wird, dann wären am Ende beide tot, und der Zugang zu unserem Geld versperrt. Diese Familien bringen Jahre der Feindseligkeit ins Yj zang li! Schafft seinen Bruder weg und werft ihn mit den anderen in die Sümpfe. Sie alle werden Aas, Futter für die Vögel sein.«