»Umdrehen!« befahl Borowski und drückte dem Engländer den Pistolenlauf in das linke Auge. »So, und jetzt packen Sie diesen Baum! Packen sollen Sie ihn! Mit beiden Armen, fest, ganz fest!« Jason rammte dem Killer die Waffe in den Nacken und spähte um den Baumstamm herum. Ein paar von den
Fackeln, die die Chinesen in den Boden gesteckt hatten, waren jetzt herausgerissen und ausgelöscht worden.
Aus dem Wald hallte jetzt eine weitere Folge von Explosionen herüber. In Panik geratene Männer begannen, in Richtung auf den Lärm zu feuern. Das Bein des Meuchelmörders bewegte sich! Dann seine rechte Hand! Borowski feuerte zwei Schüsse in den Baum; die Kugeln fetzten die Rinde einen knappen Zentimeter vom Schädel des Mannes weg. Er packte den Baumstamm fester, und sein Körper wurde starr.
»Lassen Sie den Kopf ganz links!« befahl Jason. »Noch eine Bewegung, und ich blase ihn weg!« Wo war er? Wo war der fanatische Henker mit dem Schwert? Soviel war Delta Echo schuldig. Wo ... da! Der Mann mit den fanatischen Augen richtete sich jetzt vom Boden auf, blickte nach allen Seiten, schrie Befehle. Jason trat einen Schritt vor und hob die Pistole. Jetzt bewegte sich der Kopf des Sektierers nicht mehr. Ihre Blicke begegneten sich. Borowski feuerte, und im selben Augenblick zog Sheng einen Wächter vor sich. Der Soldat zuckte nach hinten, sein Hals knickte unter dem Aufprall der Kugeln ab. Sheng hielt die Leiche fest, benutzte sie als Schild, während Jason noch zwei weitere Schüsse abgab, die aber nur die Leiche des Wächters zum Zucken brachten. Er konnte es nicht tun! Wer auch immer dieser Wahnsinnige war, der Leichnam eines Soldaten schützte ihn! Delta konnte nicht tun, was Echo von ihm verlangt hatte! General Dung würde überleben! Tut mir leid, Echo! Keine Zeit! Handle! Echo war nicht mehr... Marie!
Der Meuchelmörder drehte den Kopf etwas zur Seite, versuchte, etwas zu sehen. Borowski drückte ab. Baumrinde flog dem Killer ins Gesicht, als er die Hände hochriß, um seine Augen zu schützen, und dann den Kopf schüttelte, um wieder sehen zu können.
»Weg da!« befahl Jason und packte den Engländer am Hals, drehte ihn herum, auf den Weg zu, den er sich durch das Unterholz gebahnt hatte, als er in die Schlucht hinuntergerannt war. »Sie kommen mit!«
Eine dritte Folge von Feuerwerkskörpern, diesmal noch tiefer im Wald, explodierte, so daß es wie schnelle, sich überlagernde Feuerstöße klang. Sheng Chou Yang schrie hysterisch und befahl seinen Gefolgsleuten, in zwei Richtungen zu gehen, auf den Baum zu und auf den Ursprung der Detonationen. Die Explosionen hörten auf, als Borowski seinen Gefangenen in das Gestrüpp stieß und ihm befahl, sich flach hinzulegen, wobei Jason ihm den Fuß in den Nacken drückte. Borowski kauerte nieder, tastete den Boden ab; er hob drei Steine auf und warf sie nacheinander an den Männern vorbei, die die Umgebung des Baumes absuchten. Das Ablenkungsmanöver wirkte.
»Nah!«
»Shu ner!«
»Bu! Caodi ner!«
Sie bewegten sich weiter, die Waffen schußbereit. Einige rannten voraus, stürzten sich in das Unterholz. Andere schlössen sich an, als die vierte und letzte Feuerwerkskanonade ertönte. Trotz der Entfernung waren die Detonationen ebenso laut oder sogar noch lauter als die vorangegangenen. Es war die letzte Phase, der Höhepunkt der ganzen Aktion.
Delta wußte, daß ihm jetzt nur noch Minuten zur Verfügung standen, und wenn je ein Wald ein Freund gewesen war, dann mußte dieser das jetzt sein. In wenigen Augenblicken, Sekunden vielleicht, würden die Männer die Überreste der explodierten Feuerwerkskörper auf dem Boden finden. Sie würden dann wissen, was sie genarrt hatte, und eine hysterische Hetzjagd zum Tor würde einsetzen.
»Los!« befahl Borowski, packte seinen Gefangenen an den Haaren, zerrte ihn in die Höhe und trieb ihn nach vorne.
»Vergessen Sie nicht, Sie mieses Schwein, es gibt keinen Trick, den Sie gelernt haben, den ich nicht perfekt beherrsche, und das gleicht unseren Altersunterschied spielend aus! Wenn Sie in die falsche Richtung sehen, haben Sie anstatt von Augen nur noch zwei Einschußlöcher im Kopf! Weiter jetzt!«
Als sie durch die Schlucht rannten, griff Borowski in die Tasche und holte eine Handvoll Patronen heraus. Während der Meuchelmörder vor ihm rannte und sich atemlos die Augen rieb und sich das Blut von der Wange wischte, zog Jason den Ladestreifen aus seiner Pistole, füllte ihn auf und ließ das Magazin wieder in den Kolben schnappen. Als der Killer das Geräusch hörte, fuhr sein Kopf herum, aber dann begriff er gleich, daß es schon zu spät war; die Waffe war wieder schußbereit. Borowski feuerte und riß dem Killer das Ohr auf. »Ich habe Sie gewarnt«, sagte er, und sein Atem ging laut, aber regelmäßig. »Wo ist es Ihnen denn am liebsten? Mitten in die Stirn?« Er hob die Waffe.
»Du großer Gott, dieser Henker hat recht gehabt!« schrie der Brite und hielt sich das Ohr. »Sie sind wahnsinnig!«
»Und Sie sind tot, wenn Sie sich nicht bewegen. Schneller!«
Sie erreichten die Leiche des Postens, der den schmalen Weg zu der Schlucht bewacht hatte. »Nach rechts!« befahl Jason.
»Wo denn, Herrgottsakrament? Ich kann nichts sehen!«
»Es gibt einen Weg. Sie werden das schon merken. Weiter!«
Sobald sie auf dem Wegenetz des Vogelreservats angelangt waren, rammte Borowski dem Meuchelmörder immer wieder die Pistole gegen die Wirbelsäule und zwang den Killer, schneller zu laufen, schneller! Einen Augenblick lang kehrte David Webb zurück, und ein dankbarer Delta hieß ihn willkommen. Webb war ein Läufer, ein trainierter Läufer, aus Gründen, die weit in die Vergangenheit reichten, über Jason Borowski hinaus, in die Zeiten von Medusa. Die körperliche Anstrengung, der Schweiß und der Wind im Gesicht machten
David jeden Tag das Leben leichter, und im Augenblick atmete Jason Borowski zwar angestrengt, aber bei weitem nicht so gequält wie der jüngere Brite vor ihm.
Delta sah den Lichtschein am Himmel - das Tor. Höchstens noch fünfhundert Meter! Er feuerte einen Schuß zwischen die stampfenden Beine des Briten. »Ich will, daß Sie schneller rennen!« sagte er mit kontrollierter Stimme, so als würde ihm die Strapaze nichts ausmachen.
»Herrgott! Ich kann nicht! Ich bekomme keine Luft mehr!«
»Durchatmen«, befahl Jason
Plötzlich hörten sie in der Ferne hinter sich die hysterischen Schreie von Männern, die ihr fanatischer Führer anwies, zum Tor zu eilen, um dort einen Eindringling zu finden und zu töten, der so gefährlich war, daß ihr Leben und ihr ganzes Schicksal auf dem Spiel standen. Sie hatten also die ausgebrannten Feuerwerkskörper gefunden und versucht, Funkverbindung mit dem Wachhäuschen aufzunehmen, aber dort hatte sich niemand gemeldet. Findet ihn! Haltet ihn auf! Tötet ihn!
»Falls Sie auf irgendwelche dumme Gedanken kommen sollten, Major, dann vergessen Sie die!« schrie Borowski.
»Major?« sagte der Killer mit halb erstickter Stimme und rannte weiter.
»Sie sind für mich ein offenes Buch, und mir wird schlecht von dem, was ich gelesen habe! Sie haben zugesehen, wie man d'Anjou wie ein Schwein abgeschlachtet hat. Und Sie haben gegrinst, Sie Scheißkerl.«
»Er wollte sterben! Er wollte mich umbringen!«
»Ich werde Sie umbringen, wenn Sie zu laufen aufhören. Aber vorher schlitze ich Sie auf, von den Eiern bis zur Kehle, und zwar so langsam, daß Sie sich wünschten, Sie wären mit dem Mann gestorben, der Sie geschaffen hat.«