»Sie denken nicht richtig«, sagte Sheng, mit seiner Geduld am Ende. »Sie gehen das falsch an! Diese Kette ist hier nicht von einem unserer Leute angebracht worden, um den oder die Verbrecher hier festzuhalten. Nein, das soll uns Zeit kosten, wir sollen hier eingesperrt bleiben!«
»Aber es gibt doch zu viele Hindernisse -«
»Alles bedacht!« schrie Sheng Chou Yang erregt. »Muß ich mich denn wiederholen? Diese Leute sind aufs Überleben aus. Sie sind in diesem Bataillon von Kriminellen, das sich Medusa nannte, am Leben geblieben, weil sie an alles gedacht haben! Sie sind nach draußen geklettert!«
»Unmöglich«, wandte der Jüngere ein. »Dieser Stacheldraht ist elektrisch geladen. Jedes Gewicht, das dreißig Pfund übersteigt, löst sofort den Strom aus. Auf die Weise passiert den Vögeln und Tieren nichts.«
»Dann haben sie die Stromquelle gefunden und abgeschaltet!«
»Die Schalter sind innerhalb und wenigstens fünfundsiebzig Meter vom Tor entfernt im Boden versteckt. Selbst ich weiß nicht genau, wo sie sind.«
»Schicken Sie jemand hinauf«, befahl Sheng.
Sein Untergebener sah sich um. Ein paar Meter entfernt redeten zwei Männer leise miteinander. Vermutlich hatten sie das hitzige Gespräch nicht mit angehört. »Du«, sagte Shengs Untergebener und wies auf den Mann zur Linken.
»Herr?«
»Steig auf den Zaun.«
»Ja, Herr!« Der junge Mann rannte auf den Zaun zu und sprang hinauf, klammerte sich an dem Drahtgeflecht fest und kletterte schnell nach oben. Er erreichte den höchsten Punkt und beugte sich über den Stacheldraht. »Aiyaaal«
Ein statisches Knacken, blendende, blauweiße Blitze zuckten. Starr und steif, Haar und Augenbrauen bis auf die Wurzeln versengt, fiel der Mann rückwärts nach unten und prallte wie ein Stein auf den Boden. Die Lichtbündel aus zwei Taschenlampen richteten sich auf ihn. Der Mann war tot.
»Der Lastwagen!« schrie Sheng. »Das ist doch idiotisch! Holt den Lastwagen heraus und brecht durch! Tut, was ich sage. Sofort!«
Zwei Männer rannten zum Parkplatz, und binnen Sekunden dröhnte die schwere Maschine des Lkws durch die Nacht. Zahnräder knirschten, als der Rückwärtsgang eingelegt wurde, dann schob sich der schwere Lastwagen ein Stück nach hinten, und sein ganzes Fahrgestell zitterte, bis er wieder schwerfällig zum Stillstand kam. Die aufgeschlitzten Reifen drehten sich, und schwarzer Rauch kräuselte sich in die Höhe. Sheng Chou Yangs Augen blickten grimmig, als er begriff.
»Die anderen!« schrillte er. »Laßt die anderen an! Alle!«
Ein Wagen nach dem anderen wurde angelassen, und einer nach dem anderen erwies sich als bewegungsunfähig. Sheng rannte wütend zum Tor, riß eine Pistole heraus und feuerte zweimal auf die Kette. Ein Mann rechts von ihm stieß einen Schrei aus und griff sich, zu Boden stürzend, an die blutende Stirn. Sheng hob das Gesicht in den dunklen Himmel und brüllte einen urwelthaften Schrei des Protests hinaus. Dann riß er sein Schwert heraus und begann damit auf das mit einer Kette versperrte Schloß des Tors einzudreschen. Er hätte nichts Sinnloseres tun können.
Die Klinge zerbrach.
Kapitel 28
»Da ist das Haus, das mit der hohen Mauer«, sagte CIA-Agent Matthew Richards, während er den Wagen in Victoria Peak bergauf lenkte. »Nach unseren Informationen wimmelt das Grundstück von Ledernacken, und es wäre für mich verflucht unangenehm, wenn man mich mit Ihnen hier sehen würde.«
»Ich habe so das Gefühl, Sie wollen noch ein paar Dollar Schulden mehr bei mir machen«, sagte Alex Conklin, beugte sich vor und spähte durch die Windschutzscheibe. »Darüber ließe sich reden.«
»Ich will da einfach nicht hineingezogen werden, Herrgott! Und Dollars habe ich keine.«
»Armer Matt, trauriger Matt. Sie nehmen das alles zu wörtlich.«
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«
»Ich bin auch nicht sicher, ob ich das weiß, aber fahren Sie einfach an dem Haus vorbei, als ob Sie irgendwo anders hin wollten. Ich sag Ihnen, wann Sie anhalten müssen und mich aussteigen lassen.«
»Das werden Sie?«
»Unter gewissen Umständen. Die Dollars.«
»Oh, Scheiße.«
»Die sind gar nicht so schwer zu bekommen, und vielleicht verlange ich sie gar nicht zurück. So wie ich die Dinge jetzt sehe, will ich auf Eis bleiben und unsichtbar. Mit anderen Worten, ich will einen Mann drinnen haben. Ich werde Sie jeden Tag ein paarmal anrufen und fragen, ob unsere Verabredung zum Mittagessen oder zum Abendessen noch gültig ist oder ob ich Sie beim Rennen in Happy Valley sehe -«
»Nicht dort«, unterbrach Richards.
»Na schön, dann eben im Wachsfigurenkabinett - alles, was mir gerade einfällt, nur nicht die Rennbahn. Wenn Sie sagen, mein, >ich habe keine Zeitc, dann wird mir das sagen, daß man mir noch nicht nähergerückt ist. Wenn Sie >ja< sagen, dann verschwinde ich.«
»Ich weiß nicht einmal, wo Sie wohnen! Sie haben mir gesagt, ich soll Sie an der Ecke Granville Carnarvon abholen.«
»Ich vermute, daß man Ihre Einheit einsetzen wird, um die Verbindungen sauberzuhalten. Damit hat man auch die Verantwortung dort, wo sie hingehört. Die Briten werden darauf bestehen. Die lassen sich ganz bestimmt nicht darauf ein, als die Dummen dazustehen, wenn Washington Mist baut. Die Briten haben es hier zur Zeit ohnehin nicht leicht, also sorgen die dafür, daß ihr Arsch sauber bleibt.« Sie fuhren an dem Tor vorbei. Conklin musterte den viktorianischen Eingang.
»Alex, ich schwöre Ihnen, ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.«
»Das ist ja sogar noch besser. Also, wie steht's? Sind Sie mein Guru dort drinnen?«
»Zum Teufel, ja. Ich kann die Ledernacken auch nicht leiden.«
»Schön. Dann halten Sie hier. Ich steige aus und gehe zu Fuß zurück. Falls man mich fragt, bin ich mit der Straßenbahn zum Peak gefahren, hab mir ein Taxi zum falschen Haus genommen und bin dann den Rest des Weges zu Fuß gegangen. Sind Sie jetzt zufrieden, Matt?«
»Begeistert«, sagte der Agent und blickte finster, als er den Wagen zum Stehen brachte.
»Sie sollten gründlich ausschlafen. Saigon liegt jetzt ein gutes Stück zurück, und je älter wir werden, desto mehr Schlaf brauchen wir.«
»Ich habe gehört, Sie hätten angefangen zu saufen. Das stimmt doch nicht, oder?«
»Sie haben das gehört, was Sie hören sollten«, erwiderte Conklin ausdruckslos. Diesmal konnte er allerdings beide Finger kreuzen, ehe er etwas schwerfällig aus dem Wagen stieg.
Ein kurzes Klopfen, und die Tür flog auf. Havilland blickte verblüfft auf, als Edward McAllister mit aschfahlem Gesicht in das Zimmer gestürzt kam. »Conklin ist am Tor«, sagte der Staatssekretär. »Er besteht darauf, Sie zu sprechen, und sagt, er würde, wenn nötig, die ganze Nacht dort warten. Und dann hat er noch gesagt, daß er auf der Straße Feuer machen würde, um sich warm zu halten, wenn es kühl werden sollte.«
»Krüppel oder nicht, er ist immer noch derselbe Angeber«, sagte der Botschafter.
»Das kommt völlig unerwartet«, fuhr McAllister fort und rieb sich die rechte Schläfe. »Wir sind nicht auf eine Konfrontation vorbereitet.«
»Scheint nur, daß wir keine Wahl haben. Das ist eine öffentliche Straße, und falls unsere Nachbarn unruhig werden, ist das Sache der Feuerwehr.«
»Er würde doch ganz sicher nicht -«
»Er würde ganz sicher«, unterbrach ihn Havilland. »Lassen Sie ihn herein. Das ist nicht nur unerwartet, das ist auch äußerst ungewöhnlich. Er hatte nicht genug Zeit, seine Fakten in die richtige Reihenfolge zu bringen oder einen Angriff zu organisieren, der ihm einen Vorteil verschafft. Er zeigt ganz offen, daß er interessiert ist, und das tut ein Mann wie er angesichts seiner jahrzehntelangen Erfahrung in dubiosen Operationen nicht ohne weiteres. Das ist viel zu gefährlich. Er selbst hat einmal einen Mann auf die Abschußliste gesetzt.«