»Das habe ich Ihnen doch gesagt, Herr Staatssekretär«, sagte Havilland mit sanfter Stimme. »Männer, die tun, was andere nicht tun wollen, können oder dürfen. Daran ist nichts Mystisches, und es gibt auch keine diabolischen Universitäten, auf denen man uns ausgebildet hat, keinen zwanghaften Drang zur Vernichtung. Wir sind in diese Bereiche hineingedriftet, weil Lücken zu füllen waren und es nur wenige Kandidaten gab. Das alles ist recht zufällig, denke ich. Und wenn es sich dann wiederholt, dann findet man entweder heraus, daß man die Nerven dafür hat oder nicht - denn jemand muß es tun. Würden Sie mir da zustimmen, Mr. Conklin?«
»Das ist doch Zeitvergeudung.«
»Nein, das ist es nicht«, korrigierte ihn der Diplomat. »Erklären Sie es Mr. McAllister. Glauben Sie mir, er ist wertvoll, und wir brauchen ihn. Er muß uns verstehen.«
Conklin sah den Staatssekretär mit erbarmungsloser Miene an. »Er braucht keine Erklärungen von mir, er ist Analytiker. Er sieht das alles ebenso klar wie wir, wenn nicht klarer. Er weiß ganz genau, was dort unten in den Tunnels vor sich geht. Er will es nur nicht zugeben. Und die leichteste Art, sich da herauszuhalten, ist, so zu tun, als wäre man schockiert. Man hüte sich in jeder Phase dieses Gewerbes vor dem scheinheiligen Intellekt. Das, was solche Leute an Verstand einbringen, machen sie mit ihren verlogenen Anklagen wieder kaputt. Er ist wie ein Priester in einem Hurenhaus, der Material für eine Predigt sammelt, die er schreiben wird, wenn er nach Hause geht und sich selbst befriedigt.«
»Sie hatten recht«, sagte McAllister und wandte sich zur Tür. »Das ist Zeitvergeudung.«
»Edward?« Havilland, der über den verkrüppelten CIA-Mann sichtlich verärgert war, rief dem Staatssekretär mitfühlend zu: »Wir können uns die Leute, mit denen wir umgehen, nicht immer aussuchen, und das ist jetzt offenbar der Fall.«
»Ich verstehe«, sagte McAllister kühl.
»Nehmen Sie die Leute unter die Lupe, die zu Lins Stab gehören«, fuhr der Botschafter fort. »Es kann allerhöchstens zehn oder zwölf geben, die über uns Bescheid wissen. Helfen Sie ihm. Er ist Ihr Freund.«
»Ja, das ist er«, sagte der Staatssekretär und ging hinaus.
»War das nötig?« herrschte der Botschafter Conklin an.
»Ja, das war es. Wenn Sie mich davon überzeugen können, daß das, was Sie getan haben, der einzige Weg war, den Sie einschlagen konnten- was ich bezweifle -, oder wenn mir keine Lösung einfällt, die Marie und David lebend zu uns zurückbringt, jetzt einmal ohne Rücksicht darauf, ob sie dann noch bei klarem Verstand sind, dann werde ich mit Ihnen zusammenarbeiten müssen. Die andere Alternative, die Sie mir aufgezeigt haben, ist für mich nicht akzeptabel, aus mehreren Gründen, im wesentlichen persönliche, aber auch, weil ich es den Webbs schuldig bin, ihnen zu helfen. Sind wir soweit einig?«
»Wir arbeiten zusammen, so oder so. Schachmatt.«
»Und angesichts dieser Erkenntnis möchte ich, daß dieser Scheißkerl McAllister, dieses Unschuldslamm, weiß, woher ich komme. Er steckt ebenso tief drinnen wie jeder andere von uns, und ich möchte, daß sein Intellekt auch in den Dreck taucht und jede Chance und jede Möglichkeit ausfindig macht. Ich möchte wissen, wen wir umbringen sollten - auch diejenigen, die nur entfernt in Frage kommen -, um unsere Verluste zu verringern und die Webbs herauszuholen. Ich möchte, daß er weiß, daß er seine Seele nur retten kann, indem er etwas leistet. Wenn wir versagen, versagt er auch, und dann kann er nicht zurückgehen und wieder Sonntagsschule halten.«
»Sie sind zu streng mit ihm.«
»Wer, glauben Sie denn, daß den Ausführenden sagt, was sie tun müssen? Wer sagt es uns denn? Die Paladine im Kongreß? Diese blinden Mäuse?«
»Noch mal schachmatt. Sie sind so gut wie Ihr Ruf. Er hat uns zum Durchbruch verhelfen. Deshalb ist er hier.«
»Jetzt reden Sie, Sir«, sagte Conklin und richtete sich kerzengerade im Sessel auf. Sein Klumpfuß stand in einem seltsamen Winkel ab. »Ich möchte Ihre Geschichte hören.«
»Zuerst die Frau. Webbs Frau. Geht es ihr gut? Ist sie in Sicherheit?«
»Die Antwort auf Ihre erste Frage ist so klar, daß ich mich wirklich wundere, wie Sie sie stellen können. Nein, es geht ihr nicht gut. Ihr Mann ist verschwunden, und sie weiß nicht, ob er noch am Leben ist. Was die zweite betrifft, ja, sie ist in Sicherheit. Bei mir, nicht bei Ihnen. Ich kann mich bewegen, und ich kenne mich hier aus. Sie müssen hier bleiben.«
»Wir sind verzweifelt«, bettelte der Diplomat. »Wir brauchen sie.«
»Sie sind außerdem infiltriert worden und scheinen das immer noch nicht zu begreifen. Dieser Gefahr will ich sie nicht aussetzen.«
»Dieses Haus ist eine Festung!«
»Ein korrupter Koch reicht aus. Ein Irrer auf einem Treppenabsatz.«
»Conklin, hören Sie mir zu! Wir haben bei der Paßkontrolle nachgefragt - alles paßt ins Bild. Er ist es, das wissen wir. Webb ist in Peking. Jetzt. Er wäre nicht dort hingegangen, wenn er nicht hinter dem Ziel her wäre - dem einzigen Ziel. Wenn Ihr Delta irgendwie - und Gott allein weiß, wie - mit der Ware herauskommt und seine Frau nicht an Ort und Stelle ist, dann bringt er den einzigen Verbindungsmann um, den wir haben müssen! Und ohne diesen Verbindungsmann sind wir verloren. Wir alle.«
»Das war also von Anfang an das Drehbuch. Reductio ad absurdum. Jason Borowski jagt Jason Borowski.«
»Ja. So einfach, daß es weh tut. Aber ohne die sich steigernden Komplikationen wäre er nie damit einverstanden gewesen. Er würde dann immer noch in diesem alten Haus in Maine sitzen und über seinen Papieren brüten. Dann hätten wir unseren Jäger nicht.«
»Sie sind wirklich ein Schweinehund«, sagte Conklin langsam und mit weicher Stimme, aus der eine gewisse Bewunderung herausklang. »Und Sie waren überzeugt davon, daß er immer noch dazu imstande ist? Daß er immer noch mit dieser Art von Asien zu Rande kommt, so wie vor Jahren als Delta?«
»Er wird alle drei Monate gründlich von einem Arzt untersucht, das ist ein Teil des Schutzprogramms der Regierung. Er befindet sich in erstklassiger Kondition - wie ich höre, hat das mit seinem zwanghaften Lauftraining zu tun.«
»Fangen Sie ganz vorne an.« Der CIA-Mann machte es sich im Sessel bequem. »Ich will es Schritt für Schritt hören, weil ich glaube, daß die Gerüchte stimmen. Ich befinde mich in der Gesellschaft eines beschissenen Superhirns.«
»Kaum, Mr. Conklin«, sagte Havilland. »Wir tappen alle im dunklen. Ich will natürlich Ihre Meinung hören.«
»Die sollen Sie hören. Fangen Sie an.«
»Also gut. Ich werde mit einem Namen beginnen, den Sie sicherlich erkennen. Sheng Chou Yang. Kommentar?«
»Er ist ein zäher Verhandlungspartner, und ich nehme an, unter seinem jovialen Äußeren ein eiskalter Hund. Trotzdem ist er einer der vernünftigsten Männer in Peking. Es sollte ein paar Tausend wie ihn geben.«
»Wenn das der Fall wäre, dann wäre die Gefahr, daß es im Fernen Osten zu einem Holocaust kommt, noch tausendmal größer.«
Lin Wenzu schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß die neun Fotografien, die vor ihm aufgereiht waren, durcheinander flogen und die Zusammenfassungen der
Personalakten hochsprangen. Welcher? Jeder war gründlich in London untersucht, der Hintergrund jedes einzelnen überprüft, noch einmal überprüft und ein drittes Mal überprüft worden; für Irrtum war kein Raum mehr. Das waren nicht einfach gut geschulte Zhongguo ren, die den bürokratischen Auswahlprozeß durchlaufen hatten, sondern die Produkte einer intensiven Suche nach den klarsten Denkern in der Verwaltung - und in einigen Fällen auch außerhalb -, die möglicherweise für diesen heikelsten aller Dienste rekrutiert werden konnten. Lin hatte seit langer Zeit dafür gesorgt, daß das Menetekel unübersehbar war -und eine erstklassige Spezialeinheit, aufgestellt in der Kronkolonie und aus Chinesen bestehend, könnte schon vor 1997 ihre erste Verteidigungslinie bilden, und im Falle ihrer Übernahme auch nachher. Die Briten mußten die Führung im Bereich der Geheimdienstoperationen aufgeben, und dies aus Gründen, die London ebenso klar wie unangenehm waren: Der Westen war nie imstande, die ganz besonderen Feinheiten des asiatischen Denkens zu begreifen, und dies war nicht die Zeit, um aufgrund irreführender oder schlecht ausgewerteter Informationen weitreichende Entscheidungen zu treffen. London mußte wissen - der Westen mußte wissen, wie die Dinge standen ... Um Hongkongs willen und um des ganzen Pazifikraums willen.