Nicht, daß Lin geglaubt hätte, seine wachsende Zahl von Informanten sei für die politischen Entscheidungen lebenswichtig, keineswegs. Aber von einem war er felsenfest überzeugt: Der Geheimdienst der Kronkolonie mußte mit Leuten besetzt sein, die optimal für ihre Aufgabe geeignet waren, und diese Forderung schloß Veteranen, und wären sie noch so brillant, der europäisch orientierten britischen Geheimdienste aus. Zuallererst sahen sie sich alle ähnlich und waren weder mit der Umgebung noch der Sprache vertraut. Und so kam es, daß man Lin Wenzu nach Jahren der Arbeit, in denen er seinen Wert immer wieder unter Beweis gestellt hatte, nach London gerufen hatte, wo ihn eisig blickende Spezialisten drei Tage lang ins Kreuzverhör genommen hatten. Am Morgen des vierten Tages war das Eis dann gebrochen; man hatte die Empfehlung ausgesprochen, dem Major die Befehlsgewalt und weitreichende Vollmachten für die Sektion Hongkong zu übertragen. In den Jahren, die seitdem verstrichen waren, hatte er sich des Vertrauens der Kommission würdig erwiesen, das wußte er. Ebensogut wußte er aber, daß er jetzt, in der wichtigsten Operation seines beruflichen und persönlichen Lebens, versagt hatte. Seinem Kommando unterstanden achtunddreißig Beamte, und daraus hatte er für diese außergewöhnliche, verrückte Operation neun ausgewählt- handverlesen. Verrückt, bis er die außergewöhnliche Erklärung des Botschafters gehört hatte. Diese neun waren die Besten in seiner Organisation. Jeder von ihnen war, falls sein Führer ausfallen sollte, fähig, den Befehl zu übernehmen. Und er hatte versagt. Einer der handverlesenen Neun war ein Verräter.
Es war sinnlos, die Akten noch einmal zu studieren. Irgendwelche Unstimmigkeiten, auf die er vielleicht gestoßen wäre, hätten ausführliche Recherchen erfordert; schließlich waren sie ja bisher seinem erfahrenen Auge ebenso entgangen wie dem Londons. Jetzt war nicht die Zeit für komplizierte Analysen oder die qualvoll langsame Erforschung von neun Menschenleben. Er hatte nur eine Wahl. Ein frontaler Angriff auf jeden Mann, und das Wort »frontal« war der Kern seines Planes. Wenn er die Rolle eines Taipans spielen konnte, dann war er auch imstande, die Rolle eines Verräters zu übernehmen. Er begriff, daß sein Plan nicht ohne Risiko war - ein Risiko, das weder London noch die Amerikaner, ganz speziell Havilland, zugelassen hätten. Trotzdem mußte er es eingehen. Wenn er versagte, würde Sheng Chou Yang von dem geheimen Krieg erfahren, der gegen ihn geführt wurde, und seine Gegenmaßnahmen konnten katastrophal sein. Aber Lin Wenzu hatte nicht die Absicht zu versagen. Und wenn der Mißerfolg
unvermeidlich war, dann würde auch sonst nichts mehr wichtig sein, zuallerletzt sein Leben.
Der Major griff nach seinem Telefon. Er drückte den Knopf auf der Konsole, der ihn mit dem Fernmeldeoffizier in dem voll computerisierten Kommunikationszentrum von MI-6 verband.
»Ja, Sir?« meldete sich die Stimme aus dem abhörsicheren Raum.
»Wer von Libelle hat noch Dienst?« fragte Lin und bezog sich damit auf die neunköpfige Eliteeinheit.
»Zwei, Sir. Wagen drei und sieben, aber die übrigen kann ich in wenigen Minuten erreichen. Fünf haben sich gemeldet - sie sind zu Hause -, zwei haben Telefonnummern hinterlassen. Einer ist bis halb zwölf im Pagoda-Kino und wird anschließend in seine Wohnung zurückkehren, kann aber bis dahin über seinen Piepser erreicht werden. Der andere ist mit seiner Frau und ihrer Familie im Jachtclub in Aberdeen. Sie wissen ja, sie ist Engländerin.«
Lin lachte leise. »Ich wette, er wird die Rechnung dann auf unser jämmerlich bescheidenes Spesenkonto setzen.«
»Geht das denn, Herr Major? Wenn ja, würden Sie mich dann auch für Libelle in Betracht ziehen, was immer das auch sein mag?«
»Werden Sie nicht frech.«
»Tut mir leid, Sir -«
»Das war nicht ernst gemeint, junger Mann. Ich werde Sie nächste Woche auf eigene Rechnung zum Abendessen einladen. Sie arbeiten ausgezeichnet, und ich verlasse mich auf Sie.«
»Danke, Sir!«
»Ich habe zu danken.«
»Soll ich mit Libelle Kontakt aufnehmen und Alarm geben?«
»Sie können mit jedem einzelnen Kontakt aufnehmen, aber geben Sie keinen Alarm. Sie sind alle überarbeitet und haben seit ein paar Wochen keine richtige Freizeit mehr gehabt. Sagen Sie jedem, daß ich nach wie vor Berichte über Standortwechsel bekommen möchte, daß wir aber, sofern nicht gegenteilige Weisung ergeht, die nächsten vierundzwanzig Stunden sicher sind. Die Männer in Wagen drei und sieben dürfen nach Hause fahren, aber nicht in die Territories. Sagen Sie ihnen, ich hätte gesagt, sie sollten sich alle einmal gründlich ausschlafen oder tun, wozu sie sonst Lust haben.«
»Ja, Sir. Das wird sie bestimmt freuen, Sir.«
»Ich selbst nehme mir Wagen vier und fahre damit etwas herum. Könnte sein, daß Sie von mir hören. Bleiben Sie wach.«
»Selbstverständlich, Major.«
»Und das Abendessen behalten wir im Auge, junger Mann.«
»Wenn Sie gestatten, Sir«, sagte der begeisterte Fernmelder, »ich weiß, daß ich damit für uns alle spreche. Keiner von uns möchte für irgend jemand anderen arbeiten als für Sie.«
»Vielleicht noch ein Abendessen.«
Lin parkte vor einem Appartementhaus an der Yun Fing Road und holte das Mikrofon aus der Halterung unter dem Armaturenbrett. »Hier Libelle null.«
»Ja, Sir?«
»Schalten Sie mich auf eine direkte Telefonleitung mit einem Zerhacker. Daß wir auf Zerhacker sind, merke ich doch, wenn ich auf meiner Seite das Echo höre, oder?«
»Natürlich, Sir.«
Der Major drückte die Tasten; dann war das Klingeln zu hören, und eine Frauenstimme meldete sich.
»Ja?«
»Mr. Zhou. Kuai!« sagte Wenzu hastig, indem er die Frau anwies, sich zu beeilen.
»Selbstverständlich«, antwortete sie auf kantonesisch.
»Hier Zhou«, sagte der Mann.
»Xun su! Xiaoxi!« Lin sprach in kehligem Flüsterton; es sollte verzweifelt klingen. »Sheng! Sofort kontakten! Saphir ist verschwunden!«
»Was? Wer spricht denn?«
Der Major drückte die Gabel nieder und betätigte dann einen Knopf rechts am Mikrofon. Die Vermittlung meldete sich sofort. »Ja, Libelle?«
»Schalten Sie meine Privatleitung ebenfalls auf Zerhacker und legen Sie alle Anrufe hierher. Sofort! Dabei bleibt es, bis ich gegenteilige Anweisung gebe. Verstanden?«
»Ja, Sir«, sagte der junge Mann in der Zentrale etwas verwirrt.
Lins Telefon summte, und er hob ab. »Ja?« antwortete er beiläufig und gab vor, ein Gähnen zu unterdrücken.
»Herr Major, hier ist Zhou! Ich hatte gerade einen sehr seltsamen Anruf. Ein Mann hat angerufen - es klang so, als wäre er verletzt - und sagte, ich soll jemanden kontakten, der Sheng heißt. Ich sollte sagen, Saphir sei verschwunden.«
»Saphir?« sagte der Major, plötzlich hellwach. »Sagen Sie niemandem etwas, Zhou! Verdammte Computer - ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, aber der Anruf war für mich bestimmt, hat nichts mit Libelle zu tun. Ich wiederhole, sagen Sie niemandem etwas!«