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sich stets makellos kleidete, ein äußerst logisch denkender Mensch und ehemaliger Buchhalter, der sich so loyal gab, daß Lin ihn beinahe zu seinem Vertrauten gemacht hätte, sich aber dann doch zurückhielt, als er im Begriffe war, ihm Dinge zu offenbaren, die er besser für sich behielt. Vielleicht rührte diese besondere Zuneigung daher, daß er ihm vom Alter her nahestand ... andererseits, was für eine hervorragende Tarnung für einen Maulwurf aus Beijing! Mit einer Engländerin verheiratet und durch seine Heirat Mitglied des reichen und exklusiven Jachtclubs. Alles stimmte bei ihm, er war geradezu ein Muster an Respektabilität. Für Lin schien es undenkbar, daß Sheng Chou Yang an einen solchen Mann hätte herantreten und ihn bestechen können ... Nein, unmöglich! Vielleicht, überlegte der Major, sollte er doch umkehren und sich näher mit dem Agenten befassen, der gebeten hatte, ihn mit einer Dienstreise in die Antarktis zu entschuldigen. Oder mit dem geplagten Vater von Drillingen, der bereit war, sogar Telefondienst zu machen, nur um dem häuslichen Chaos zu entrinnen.

Nein! Lin Wenzu schüttelte den Kopf, als könne er sich damit von solchen unpassenden Gedanken freimachen. Jetzt, hier. Konzentriere dich! Er stand jetzt vor einer Treppe und traf seine Entscheidung. Er trat auf sie zu und ging die Stufen zum Balkon hinauf; der Projektionsraum lag unmittelbar vor ihm. Er klopfte an und trat ein, der billige, dünne Riegel gab unter seinem Körpergewicht sofort nach.

»Ting zhi!« schrie der Vorführer; er hatte eine Frau auf dem Schoß und die Hand unter ihrem Rock. Die junge Frau sprang mit einem Satz auf und drehte sich zur Wand.

»Kronpolizei«, sagte der Major und zeigte seinen Dienstausweis. »Sie haben von mir beide nichts zu befürchten, bitte, glauben Sie mir das.«

»Dazu ist auch kein Anlaß!« erwiderte der Vorführer. »Das ist ja nicht gerade ein Betsaal.« »Darüber ließe sich streiten, aber dne Kirche ist es ganz bestimmt nicht.«

»Wir haben eine Lizenz und -«

»Ich widerspreche Ihnen ja nicht«, unterbrach Lin. »Die Krone bittet lediglich um eine Gefälligkeit, und es widerspricht sicherlich Ihren Interessen nicht, uns diese Gefälligkeit zu erweisen.«

»Und die wäre?« fragte der Mann, stand auf und stellte verärgert fest, daß die Frau inzwischen durch die Tür gehuscht war.

»Halten Sie den Film an, sagen wir dreißig Sekunden lang, und schalten Sie die Beleuchtung ein. Sagen Sie den Zuschauern, daß der Film gerissen sei und repariert werden müsse.«

Der Vorführer zuckte zusammen. »Er ist doch schon fast abgelaufen! Das wird ein Geschrei geben!«

»Hauptsache, Sie machen Licht. Tun Sie es!«

Der Projektor kam pfeifend zum Stillstand; die Lichter flammten auf, und die Durchsage über den Lautsprecher erfolgte. Der Vorführer hatte recht, im Kino erhob sich Geschrei, einige Zuschauer fuchtelten wild mit den Armen und machten obszöne Handbewegungen. Unterdessen suchte Lin den Zuschauersaal ab - Reihe für Reihe.

Da war sein Mann ... zwei Männer - der Agent saß nach vorne gebeugt da und sprach mit jemandem, den Lin Wenzu noch nie gesehen hatte. Der Major sah auf die Uhr und wandte sich dann dem Vorführer zu. »Gibt es unten ein öffentliches Telefon?«

»Ja, wenn es funktioniert. Wenn es nicht kaputt ist.«

»Funktioniert es jetzt?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wo ist es?«

»Unter der Treppe.«

»Lassen Sie den Film in sechzig Sekunden wieder anlaufen.«

»Sie sagten dreißig!«

»Ich habe es mir anders überlegt. Und Sie verdanken doch Ihren guten Job einer Lizenz, nicht wahr?«

»Das dort unten sind Bestien!«

»Schieben Sie einen Stuhl gegen die Tür«, sagte Lin beim Hinausgehen. »Der Riegel ist kaputt.«

In dem Raum unter der Treppe kam der Major an dem Telefon vorbei. Im Vorbeigehen riß er die Leitung aus der Wand und eilte dann nach draußen zu seinem Wagen. Dabei kam er an einer Telefonzelle vorbei, bog von seinem Weg ab und las die Nummer, merkte sie sich und eilte zum Wagen zurück. Er stieg ein und sah auf die Uhr, dann stieß er den Wagen zurück, fuhr auf die Straße hinaus und parkte in zweiter Reihe etwa fünfzig Meter weiter vorne. Er schaltete die Scheinwerfer ab und beobachtete den Eingang.

Eine Minute und fünfzehn Sekunden später kam der Überläufer aus Beijing heraus, blickte zuerst nach rechts und dann nach links, sichtlich erregt. Dann sah er, wonach er suchte, nachdem das Telefon im Kino nicht funktionierte. Die Telefonzelle auf der anderen Straßenseite. Lin wählte, während sein Untergebener auf die Zelle zurannte und die Tür aufriß. Der Apparat klingelte, ehe der Mann seine Münzen einwerfen konnte.

»Xun su! Xiao XU« flüsterte Lin und hustete dabei. »Ich habe gewußt, daß Sie das Telefon finden würden! Sheng! Sofort kontakten! Saphir ist verschwunden« Er hängt das Mikrofon zurück, nahm aber die Hand nicht weg, da er jeden Augenblick den Anruf auf seiner Privatleitung erwartete.

Der kam nicht. Er drehte sich um und sah zu der Telefonzelle auf der anderen Straßenseite hinüber. Der Agent hatte eine Nummer gewählt, aber Lins Nummer war es nicht. Es erübrigte sich, nach Aberdeen zu fahren.

Der Major stieg aus dem Wagen, überquerte die Straße und ging auf die Telefonzelle zu. Er blieb im Dunkeln, bewegte sich langsam, bemüht, so wenig wie möglich mit seiner hünenhaften Gestalt aufzufallen, und verfluchte dabei im stillen, wie er das so oft tat, die Gene, die zu seiner Übergröße geführt hatten. Immer noch im Schatten bleibend, näherte er sich dem Telefon. Der Überläufer war noch zwei Meter von ihm entfernt, wandte Lin den Rücken zu und redete erregt und so laut, daß man ihn ohne Mühe hören konnte.

»Wer ist Saphir! Warum dieses Telefon? Warum gerade ich? ... nein, ich habe es doch gesagt, er hat den Namen des Führers gebraucht! ... ja, richtig, seinen Namen! Kein Code, kein Symbol! Das ist doch Wahnsinn!«

Lin Wenzu hatte alles gehört, was er hören mußte. Er zog seine Dienstpistole und trat schnell aus der Dunkelheit hervor.

»Der Film ist gerissen, und sie haben die Beleuchtung eingeschaltet! Mein Kontaktmann und ich -«

»Legen Sie auf!« befahl der Major.

Der Überläufer fuhr herum. »Sie!« schrie er.

Lin sprang den Mann an, und sein hünenhafter Körper preßte den Doppelagenten gegen die Wand der Telefonzelle, während er mit der linken Hand den Telefonhörer packte und ihn auf die Gabel schmetterte. »Genug!« schrie er.

Plötzlich spürte er die Messerklinge, die sich wie weißglühendes Eis in seinen Leib bohrte. Der Überläufer duckte sich, das Messer in der linken Hand, und Lin drückte ab. Die Explosion hallte über die stille Straße, während der Verräter zu Boden sank, die Kehle von der Kugel aufgerissen. Das Blut strömte über seine Kleider und besudelte den Asphalt unter seinen Füßen.

»M made!« fluchte eine Stimme zur Linken des Majors. Es war der zweite Mann, die Kontaktperson, die im Kino mit dem Überläufer gesprochen hatte. Er hob eine Waffe und feuerte, während der Major sich auf ihn stürzte, so daß sein hünenhafter, blutender Leib wie eine Mauer auf den Mann fiel. Lin spürte einen heißen Schmerz an der rechten Brustseite, aber der Killer hatte das Gleichgewicht verloren. Der Major feuerte seine Pistole ab, und der Mann stürzte, sich ans rechte Auge greifend. Er war tot.

Auf der anderen Straßenseite war der Pornofilm zu Ende gegangen, und die Menge wälzte sich mürrisch, zornig, unbefriedigt auf die Straße. Der schwerverwundete Lin nahm den Rest seiner ungeheuren Kräfte zusammen, hob die Leichen der zwei Verschwörer auf und zerrte sie zu seinem Wagen. Ein paar Leute aus dem Pagoda sahen ihm mit glasigen und desinteressierten Blicken zu. Was sie sahen, war eine Wirklichkeit, die sie nicht begreifen konnten. Sie lag außerhalb der engen Grenzen ihrer Phantasie.