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Alex Conklin erhob sich aus dem Stuhl und hinkte schwerfällig und laut zu dem abgedunkelten Fenster. »Was, zum Teufel, soll ich denn sagen?« fragte er und wandte sich um und sah den Botschafter an.

»Daß ich angesichts der Umstände den einzig möglichen Weg eingeschlagen habe, Jason Borowski zu rekrutieren.« Havilland hob die Hand. »Ehe Sie antworten, sollte ich Ihnen fairerweise sagen, daß Catherine Staples mit mir nicht übereinstimmte. Sie war der Ansicht, daß ich unmittelbar an David Webb hätte appellieren sollen. Schließlich war er ein Fachmann für den Fernen Osten, ein Experte, der Verständnis für das haben sollte, was auf dem Spiel stand, und für die Tragödie, die daraus erwachsen konnte.«

»Sie war nicht bei Trost«, sagte Alex. »Er hätte Ihnen gesagt, Sie sollten sich Ihr Ansinnen gefälligst in den Hintern stecken.«

»Vielen Dank.« Der Diplomat nickte.

»Augenblick«, unterbrach Conklin. »Er hätte das nicht gesagt, weil er gedacht hätte, daß Sie unrecht haben, sondern weil er nicht glaubte, daß er das tun könnte. Was Sie getan haben - daß Sie ihm Marie weggenommen haben -, hat ihn gezwungen, in die Vergangenheit zurückzukehren und wieder jemand zu sein, den er vergessen wollte.«

»Oh?«

»Sie sind wirklich ein Scheißkerl.«

Sirenen heulten, erfüllten das große Haus und das ganze Grundstück mit ihrem Lärm, und Scheinwerferbündel zuckten durch die Fenster. Schüsse peitschten, Reifen quietschten. Der Botschafter und der CIA-Mann warfen sich zu Boden; in wenigen Sekunden war alles vorbei. Die beiden Männer standen wieder auf, als die Tür aufflog. Über und über mit Blut besudelt, taumelte Lin Wenzu herein. Unter den Armen hielt er zwei Leichen.

»Hier ist Ihr Verräter, Sir«, sagte der Major und ließ die Leichen fallen. »Und ein Kollege. Mit diesen beiden haben wir, glaube ich, Libelle von Sheng abgeschnitten -« Wenzus Augen drehten sich nach oben, bis das Weiße sichtbar wurde. Er stöhnte und fiel zu Boden.

»Ruft einen Notarztwagen!« schrie Havilland den Leuten zu, die sich unter der Tür versammelt hatten.

»Holt Verbandstoff, Pflaster, Handtücher, Jod - um Himmels willen, alles, was ihr finden könnt!« brüllte Conklin und hinkte hastig auf den gestürzten Chinesen zu. »Wir müssen die verdammte Blutung zum Stillstand bringen!«

Kapitel 29

Borowski saß auf dem Rücksitz, während die Schatten vorbeirasten. Der Mond schien hell; im Wageninneren wechselten Licht und Dunkelheit sich hektisch ab. Immer wieder, in unregelmäßigen Abständen, wenn sein Gefangener nicht darauf gefaßt war, beugte er sich vor und preßte ihm den

Pistolenlauf in den Nacken. »Ein einziger Versuch, von der Straße abzukommen, und Sie haben eine Kugel im Schädel. Verstehen Sie mich?«

Und jedesmal kam dieselbe Antwort, mit geringer Abwandlung, in knappem militärischem Englisch. »Ich bin kein Idiot. Sie sitzen hinter mir und haben eine Waffe, und ich kann Sie nicht sehen.«

Jason hatte den Rückspiegel aus der Halterung gerissen, der Stiel war in seiner Hand ganz leicht abgeknickt. »Dann bin ich hier hinten Ihr Auge, denken Sie daran. Und zugleich bin ich das Ende Ihres Lebens.«

»Verstanden«, erwiderte der ehemalige Leiter eines Kommandotrupps Ihrer Majestät ausdruckslos.

Die Landkarte auf dem Schoß ausgebreitet, die Taschenlampe in der linken Hand, die Pistole in der rechten, studierte Borowski die Karte nach dem Süden. Und je mehr halbe Stunden verstrichen und Markierungspunkte an ihnen vorbeiflogen, desto klarer wurde Jason, daß die Zeit sein Feind war. Obwohl der rechte Arm des Killers nicht mehr kampftauglich war, wußte Borowski, daß er dem jüngeren Mann an Körperkraft und Ausdauer nicht gewachsen war. Die Ereignisse der letzten drei Tage hatten ihren Tribut gefordert, körperlich, geistig und - ob er sich das nun eingestehen wollte oder nicht - auch seelisch. Und wenn auch Jason Borowski sich das nicht einzugestehen brauchte, David Webb schrie es förmlich aus sich heraus. Der Wissenschaftler mußte in Schach gehalten werden, tief im Inneren, und seine Stimme durfte nicht laut werden.

Laß mich in Ruhe! Du kannst mir nicht helfen!

Immer wieder spürte Jason, wie ihm die Lider schwer wurden. Immer wieder riß er die Augen auf, kniff sich kräftig in das empfindliche Fleisch an der Innenseite seiner Schenkel oder grub sich die Nägel in die Lippen, damit es weh tat und die

Erschöpfung zurückdrängte. Sein Zustand war ihm bewußt - nur einem wahnsinnigen Selbstmörder wäre es nicht bewußt gewesen -, und jetzt war weder die Zeit noch der Ort, um ihm mit einem Satz Linderung zu verschaffen, den er von Echo hatte. Ruhe ist eine Waffe, vergiß das nie. Vergiß es, Echo ... tapferer Echo ... Jetzt ist nicht die Zeit zum Ausruhen und kein Ort dafür.

Und indem er seine Einschätzung der eigenen Person akzeptierte, mußte er auch akzeptieren, wie er seinen Gefangenen einschätzte. Der Killer war hellwach; das merkte man an dem Geschick, mit dem er das Steuer lenkte, denn Jason verlangte Höchstgeschwindigkeit über die fremden, nicht vertrauten Straßen. Diese angespannte Wachheit war aus seinen dauernden Kopfbewegungen zu erkennen, und in seinen Augen, jedesmal, wenn Borowski sie sah, und er sah sie häufig, jedesmal, wenn er dem Meuchelmörder Befehl gab, langsamer zu werden und nach einer Seitenstraße zur Linken oder zur Rechten Ausschau zu halten. Der Brite drehte sich dann jedesmal im Sitz herum - und der Anblick seiner so vertrauten Züge war jedesmal für Jason ein Schock - und fragte, ob die Straße vor ihnen die war, die seine »Augen« wollten. Überflüssige Fragen; der Killer war ständig bemüht, sich ein Urteil über den körperlichen und geistigen Zustand seines Bewachers zu bilden. Er war ein ausgebildeter Killer, eine tödliche Maschine, und wußte sehr wohl, daß das Überleben davon abhing, sich einen Vorteil über den Feind zu verschaffen. Er wartete, beobachtete, stellte sich auf den Moment ein, wo die Augen seines Feindes sich jenen kurzen Moment lang schlössen, oder wo vielleicht plötzlich die Waffe zu Boden fiel oder der Kopf seines Feindes sich eine Sekunde lang zurücklehnte. Dies waren die Zeichen, auf die er wartete, die Sekundenbruchteile, aus denen er Kapital schlagen konnte. Borowskis Verteidigung hing daher von seinem wachen Verstand ab, davon, daß er das Unerwartete tat und das psychologische Gleichgewicht zu seinen Gunsten erhalten blieb. Aber wie lange konnte das dauern - wie lange konnte er durchhalten?

Die Zeit war sein Feind, und der Meuchelmörder vor ihm ein zweitrangiges Problem. In seiner Vergangenheit - jener Vergangenheit, an die er sich nur vage erinnerte - hatte er öfter mit Männern wie diesem Briten zu tun gehabt, hatte sie manipuliert, weil sie menschliche Wesen waren, die den Winkelzügen seiner Phantasie unterlegen waren. Herrgott, darauf lief es hinaus! So einfach, so logisch - und er war so müde ... Sein Verstand. Sonst war ihm nichts geblieben! Er mußte fortfahren zu denken, mußte fortfahren, seine Phantasie anzustacheln. Denke. Handle. Tu das Unerwartete!

Er schraubte den Schalldämpfer von seiner Waffe, richtete ihren Lauf auf das geschlossene rechte Vorderfenster und drückte ab. Die Explosion war ohrenbetäubend, hallte durch das Wageninnere, als das Glas zersplitterte und in die Nachtluft hinausflog.

»Was, zum Teufel, soll das jetzt wieder?« schrie der Killer und klammerte sich am Steuer fest, um nicht die Herrschaft über den Wagen zu verlieren.