»Das habe ich nicht erfunden, Major«, sagte Borowski und verknotete die dünne Nylonschnur so, daß die restlichen siebzig Zentimeter locker herunterhingen. »Ich habe d'Anjou und die anderen gesehen. Die konnten nicht reden, nur an dem würgen, was sie erbrochen hatten. Sie haben sie auch gesehen und haben gegrinst. Wie fühlen Sie sich jetzt, Major? ... oh, ich hab ja vergessen, daß Sie nicht antworten können, oder?« Er stieß den Mann nach vorne, packte ihn dann an der Schulter und schob ihn nach links. »Wir schleichen uns um das Ende der Piste herum«, sagte er. »Los jetzt!«
Während sie, immer im Schutz der Dunkelheit, am äußersten Rand um das Flughafengelände herumschlichen, sah sich Jason die relativ primitive Anlage genau an. Hinter der Baracke war ein kleines, rundes Gebäude mit viel Glas, in dem aber kein Licht brannte, abgesehen von einem einzigen Scheinwerfer mitten auf dem Dach, der ein rechteckiges Gebilde beleuchtete. Bei dem Gebäude mußte es sich um den Terminal von Jinan handeln, dachte er; das schwach beleuchtete Gebilde darauf war vermutlich der Kontrollturm. Links von der Baracke, wenigstens sechzig Meter im Westen, gab es einen dunklen, offenen Wartungshangar mit ein paar riesigen Rolleitern, die in der Nähe der weiten Tore standen, und in denen sich das Licht der frühen Morgensonne spiegelte. Der Hangar war sichtlich verlassen, die Mannschaft hielt sich noch in ihren Quartieren auf. Am südlichen Rand des Flugfeldes, zu beiden Seiten der Piste, und von seinem augenblicklichen Standort aus kaum zu erkennen, standen fünf Flugzeuge, lauter Propellermaschinen, keine davon besonders eindrucksvoll. Beim Flughafen von Jinan handelte es sich um ein zweitklassiges, möglicherweise sogar drittklassiges Landefeld, das ohne Zweifel eines Tages mehr Bedeutung bekommen würde, wie so viele Flughäfen in China, jetzt, wo ausländisches Kapital zur Verfügung stand. Aber es würde noch lange dauern, bis dieser jämmerliche Provinzflugplatz internationales Niveau erreichen würde.
»Wir gehen in den Hangar«, flüsterte Jason und stieß den Killer von hinten an. »Und denken Sie daran, wenn Sie das leiseste Geräusch von sich geben, werde ich Sie gar nicht umzubringen brauchen - das werden die erledigen. Und ich werde meine Fluchtchance bekommen, weil Sie mir die verschaffen werden. Daran sollten Sie nicht zweifeln. Runter jetzt.«
Dreißig Meter entfernt kam jetzt ein Wachposten aus dem finsteren Bau; er hatte einen Karabiner über der Schulter hängen und streckte die Arme, um wohlig zu gähnen. Borowski wußte, daß dies der Augenblick zum Handeln war; ein besserer würde sich nicht bieten. Sein Gefangener lag ausgestreckt auf dem Boden, die mit Draht gefesselten Hände unter sich, den weit aufgerissenen Mund gegen die Erde gepreßt. Jason griff nach der Nylonschnur, packte den Killer an den Haaren, riß seinen Kopf in die Höhe und schlang ihm die Leine zweimal um den Hals. »Eine Bewegung, und Sie ersticken«, flüsterte Borowski und stand auf.
Er rannte lautlos zur Hangarwand, eilte dann an die Ecke und spähte herum. Der Wachposten hatte sich kaum bewegt. Dann begriff Jason - der Mann urinierte. Bestens. Das kam ihm zupaß. Borowski trat einen Schritt von dem Gebäude zurück, stemmte den rechten Fuß ins Gras und rannte los. Seine Waffe war eine starre rechte Hand, der ein weit ausschwingender linker Fuß vorausging, der den Posten am Wirbelsäulenansatz traf. Der Mann brach bewußtlos zusammen. Jason zerrte ihn zur Hangarecke zurück und dann durchs Gras zu der Stelle, wo sein gefesselter Gefangener reglos lag und sich nicht zu bewegen wagte.
»Jetzt lernen Sie etwas, Major«, sagte Borowski, packte den Killer wieder an den Haaren und zog ihm die Nylonschnur vom Hals. Die Tatsache, daß die Schnur den Mann ebensowenig erwürgt hätte wie eine Wäscheleine, die man einem Menschen lose um den Hals bindet, verriet Delta etwas. Sein Gefangener konnte unter starkem Streß nicht logisch denken. Das mußte er sich merken. »Aufstehen«, befahl Jason. Der Mann gehorchte, schnappte mit weit aufgerissenem Mund nach Luft, und seine Augen blickten wütend und haßerfüllt. »Denken Sie an Echo«, sagte Borowski, und sein Blick erwiderte den Haß des Killers. »Entschuldigen Sie, ich meine d'Anjou. Der Mann, der Ihnen Ihr Leben zurückgegeben hat - ein Leben jedenfalls, das Ihnen offenbar gut gefällt. Ihr Pygmalion, alter Junge! ... und jetzt hören Sie mir zu, und hören Sie mir gut zu. Möchten Sie, daß ich Ihnen die Schnur abnehme?«
»Ooohh!« stöhnte der Killer und nickte.
»Und Ihnen die Daumen freimache?«
»Ooohh, ooohh!«
»Sie sind kein Guerilla, Sie sind ein Gorilla«, sagte Jason und zog die Automatik aus dem Hüftgürtel. »Aber wie wir früher zu sagen pflegten - vor Ihrer Zeit, alter Junge -, es gibt da gewisse >Bedingungen<. Sehen Sie, entweder kommen wir beide lebend hier raus, oder wir verschwinden, und unsere sterblichen Überreste werden einem chinesischen Feuer überantwortet, keine Vergangenheit, keine Gegenwart - und ganz bestimmt kein Nachruf auf unsere Verdienste um die Gesellschaft ... Wie ich sehe, langweile ich Sie. Tut mir leid, dann vergessen Sie die ganze Geschichte.«
»Ooohh!«
»Okay, wenn Sie darauf bestehen. Natürlich werde ich Ihnen keine Waffe geben, und wenn ich sehe, daß Sie versuchen, sich eine zu schnappen - und ich werde es merken, wenn Sie das versuchen -, sind Sie tot. Aber wenn Sie sich manierlich benehmen, dann könnte es sein - könnte, habe ich gesagt -, daß wir entkommen. Was ich Ihnen damit wirklich sagen möchte, Mr. Borowski, ist, daß Ihr Klient hier drüben, wer auch immer er sein mag, ebensowenig zulassen kann, daß Sie überleben, wie er das bei mir zulassen kann. Verstehen Sie? Kapiert?«
»Oooohh!«
»Und noch eines«, fügte Jason hinzu und zog an der Schnur, worauf diese von der Schulter des Killers herunterfiel. »Das ist Nylon oder Polyurethan oder wie auch immer Sie das nennen. Wenn es verbrennt, dann schwillt das Zeug an wie ein Marshmallow; unmöglich aufzuknoten. Das hängt dann an Ihren Knöcheln, und die beiden Knoten schwellen zu Zement an. Sie werden dann eine Schrittweite von ungefähr eineinhalb Metern haben - nur weil ich ein Perfektionist bin. Drücke ich mich klar aus?«
Der Brite nickte, und Borowski sprang nach rechts, trat dem Killer in die Kniekehlen, so daß er zu Boden fiel und seine gefesselten Daumen zu bluten begannen. Jason kniete nieder und bohrte dem Killer die Pistole, die er in der linken Hand hielt, in den Mund, während die Finger seiner rechten Hand den Knoten im Nacken lösten.
»Allmächtiger Gott!« schrie der Killer, als die Schnur herunterfiel.
»Ich bin froh, daß Sie ein religiöser Mensch sind«, sagte Borowski, ließ die Waffe fallen, schlang dem Killer blitzschnell die Schnur um die Knöchel und sicherte sie jedesmal mit einem Knoten; dann schnippte er sein Feuerzeug an und setzte die Enden in Brand. »Das werden Sie vielleicht brauchen.« Er hob die Pistole auf, hielt sie dem Killer an die Stirn und wickelte den Draht von den Handgelenken seines Gefangenen. »Nehmen Sie sich den Rest selbst ab«, befahl er. »Vorsichtig mit den Daumen, die sind verletzt.«
»Mein rechter Arm ist auch kein Zuckerlecken!« sagte der Engländer und mühte sich ab, den Draht abzustreifen. Als seine Hände frei waren, bewegte er sie ein paarmal auf und ab und
saugte sich dann das Blut von seinen Wunden. »Haben Sie Ihren Zauberkasten, Mr. Borowski?«
»Stets griffbereit«, erwiderte Jason. »Was brauchen Sie?«
»Heftpflaster. Meine Finger bluten.«
Borowski griff hinter sich nach dem Beutel, zog ihn nach vorne und ließ ihn vor dem Killer fallen, wobei er die ganze Zeit die Pistole auf seinen Kopf gerichtet hielt. »Suchen Sie. Die Rolle müßte ganz obenauf liegen.«
»Hab sie«, sagte der andere, holte das Heftpflaster heraus und wand es sich schnell um die Daumen. »Richtig beschissen, einem so etwas anzutun«, meinte er, als er fertig war.