»Die geben uns nicht frei!« schrie der Pilot. »Wir sollen fünf Kommissare mitnehmen!«
»Wohin?«
»Baoding.«
»Das ist im Norden«, sagte Borowski.
»Nordwest«, verbesserte der Copilot.
»Gut. Fliegen Sie nach Süden.«
»Das wird nicht gestattet werden!« schrie der Pilot.
»Ihre erste Pflicht ist es, das Flugzeug zu retten. Sie wissen nicht, was dort draußen vor sich geht. Es könnte Sabotage sein, eine Revolte, ein Aufstand. Tun Sie, was ich Ihnen sage, sonst sind Sie beide tot. Mir ist das wirklich gleichgültig.«
Der Kopf des Piloten fuhr herum, und er blickte zu Jason auf. »Sie sind ein Westler! Sie sprechen chinesisch, aber Sie sind kein Chinese! Was tun Sie hier!«
»Ich beschlagnahme dieses Flugzeug. Sie haben noch genügend Startbahn übrig. Starten Sie! Süden! Und geben Sie mir die Karten.«
Die Erinnerungen stellten sich wieder ein. Entfernte Geräusche, entfernte Bilder, entfernter Donner.
»Schlangenweib, Schlangenweib! Bitte antworten! Nennen Sie Ihre Sektorkoordinaten.«
Sie hatten Kurs auf Tarn Quan, und Delta war nicht bereit, das Schweigen zu brechen. Er wußte, wo sie waren, und das war alles, worauf es ankam. Kommando Saigon konnte zum Teufel gehen, er würde den nordvietnamesischen Abhörposten keinen Hinweis geben, wohin sie unterwegs waren.
»Wenn Sie nicht antworten wollen oder können, Schlangenweib, dann bleiben Sie unter sechshundert Fuß! Hier spricht ein Freund, ihr Arschlöcher! Ihr habt hier unten nicht viele! Oberhalb von sechs-fünfzig erfaßt euch ihr Radar.«
Das weiß ich, Saigon, und mein Pilot weiß es, selbst wenn es ihm nicht paßt, aber ich werde trotzdem die Funkstille nicht brechen.
»Schlangenweib, wir haben euch völlig verloren! Kann einer von euch Schwachköpfen auf diesem Einsatz eine Flugkarte lesen?«
Ja, ich kann das sehr gut, Saigon. Glaubt ihr, ich würde mit meinem Team in den Einsatz gehen und irgendeinem von euch vertrauen? Verdammt noch mal, das dort unten ist mein Bruder! Ich bin für euch nicht wichtig, aber er ist es!
»Sie sind verrückt!« schrie der Pilot. »Bei allen Geistern, dies ist eine schwere Maschine, und wir sind nur knapp über den Baumwipfeln!«
»Dann halten Sie die Nase oben«, sagte Borowski, der eine Karte studierte. »Tauchen Sie ab und sehen Sie zu, daß Sie Höhe bekommen, das ist alles.«
»Das ist aber auch verrückt!« schrie der Copilot. »Eine falsche Bö in dieser Höhe, und wir landen im Wald! Dann sind wir erledigt!«
»In den Wetterberichten über Funk heißt es, daß nicht mit Turbulenzen gerechnet wird -«
»Das ist oben«, kreischte der Pilot. »Sie verstehen nicht, was für Risiken das bedeutet! Nicht hier unten!«
»Wie lautete der letzte Bericht aus Jinan?« fragte Jason, der diesen Bericht sehr wohl kannte.
»Sie haben versucht, diesen Flug nach Baoding anzupeilen«, sagte der Offizier. »Das ist ihnen in den letzten drei Stunden nicht gelungen. Jetzt suchen sie die Hengshui-Berge ab ... Bei den Großen Geistern, warum sage ich das Ihnen! Sie haben die Berichte doch selbst gehört! Sie sprechen besser chinesisch als meine Eltern, und das waren gebildete Leute!«
»Zwei Pluspunkte für die Luftstreitkräfte der Volksrepublik.... okay, wenden Sie in zweieinhalb Minuten um hundertsechzig Grad und steigen Sie auf tausend Fuß. Dann sind wir über Wasser.«
»Dann sind wir auch in Reichweite der Japaner! Die werden uns abschießen!«
»Hängen Sie eine weiße Flagge raus - oder noch besser, ich gehe ans Funkgerät. Ich lasse mir etwas einfallen. Vielleicht geleiten die uns sogar nach Kowloon.«
»Kowloon!« kreischte der Copilot. »Man wird uns erschießen!«
»Durchaus möglich«, nickte Borowski. »Aber ich werde das nicht tun«, fügte er hinzu. »Sie müssen nämlich wissen, daß ich ohne Sie dort ankommen muß. Ich kann Sie nicht in meine Pläne einbeziehen. Das geht nicht.«
»Was Sie da sagen, gibt überhaupt keinen Sinn!« sagte der verzweifelte Pilot.
»Sie wenden einfach um hundertsechzig Grad, wenn ich es sage.« Jason studierte den Geschwindigkeitsanzeiger, berechnete die Knoten auf der Karte und kalkulierte die geschätzte Distanz, die er wollte. Durch das Fenster sah er, wie unten die Küste Chinas hinter ihnen zurücksank. Er sah auf die
Uhr; neunzig Sekunden waren verstrichen. »Jetzt wenden, Kapitän«, sagte er.
»Das hätte ich sowieso getan!« schrie der Pilot. »Ich bin kein Kamikaze. Ich fliege nicht in den eigenen Tod.«
»Nicht einmal für Ihre Regierung?«
»Das zuallerletzt.«
»Die Zeiten ändern sich«, sagte Borowski, der sich wieder auf die Flugkarte konzentrierte. »Und die Dinge.«
»Schlangenweib, Schlangenweib! Ausgeben! Wenn Sie mich hören können, dann verschwinden Sie dort und kehren Sie zum Basislager zurück. Sie haben keine Chance. Können Sie mich hören? Aufgeben!«
»Was wollen Sie machen, Delta?«
»Fliegen Sie weiter, Mister, in drei Minuten können Sie hier aussteigen.«
»Und was ist mit Ihnen und Ihren Leuten?«
»Wir werden es schaffen.«
»Sie sind ein Selbstmörder, Delta.«
»Das müssen gerade Sie mir sagen ... also gut, überprüfen Sie alle Ihre Fallschirme und halten Sie sich zum Aussteigen bereit, jemand soll Echo helfen, legt ihm die Hand um die Reißleine.«
»Deraisonable!«
Ihre Fluggeschwindigkeit blieb gleichmäßig bei 370 Meilen pro Stunde. Die Route, die Jason gewählt hatte - sie flogen in geringer Höhe über die Meerenge von Formosa, vorbei an Longhai und Shantou an der chinesischen Küste und an Hsinchu und Fengshan auf Taiwan -, betrug etwas mehr als 1435 Meilen. Die Schätzung von etwa vier Stunden war daher vernünftig. Die Inseln im Norden von Hongkong würden in weniger als einer halben Stunde in Sicht kommen.
Zweimal waren sie während ihres Fluges über Funk angerufen worden, einmal von der nationalchinesischen Garnison auf Quemoy, das andere Mal von einer Streifenmaschine mit Heimatflughafen Raoping. Borowski übernahm beide Male das Funkgerät und erklärte beim erstenmal, sie befänden sich auf einem Sucheinsatz nach einem havarierten Schiff, das taiwanesische Ware zum Festland bringen sollte, während er beim zweitenmal mit etwas drohendem Unterton erklärte, daß sie den Volkssicherheitskräften angehörten und die Küste nach Schmuggelschiffen absuchten, die ohne Zweifel den Raoping-Streifen entwischt waren. Bei dem zweiten Funkgespräch gab er sich nicht nur unangenehm arrogant, sondern benutzte auch den Namen und die - streng geheime - Erkennungsnummer eines toten Verschwörers, der unter einer russischen Limousine im Jing-Shan-Vogelreservat lag. Ob man ihm glaubte oder nicht, war für ihn in beiden Fällen belanglos. Niemand hatte Lust, sich einzumischen. Das Leben war auch so schon kompliziert genug.
Jedesmal, wenn Geräusche aus dem Funkgerät kamen und Verbindungen mit Linienmaschinen verrieten, fing der Pilot zu zittern an. »Ob Sie es nun wissen oder nicht, ich habe keinen Flugplan. Wir könnten auf Kollisionskurs mit einem Dutzend verschiedener Flugzeuge sein!«
»Dazu fliegen wir zu tief«, sagte Borowski, »und die Sicht ist ausgezeichnet. Ich habe Vertrauen zu Ihren Augen, Sie werden schon nicht irgendwo anrempeln.«
»Sie sind wahnsinnig!« schrie der Copilot.