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»Na gunzi lau« schrie Borowski und verlangte Schienen oder Stöcke für den Verletzten.

Die Frauen rannten in die Felder und kamen sofort mit langen Bambusschößlingen zurück, aus denen sie die Stäbe herausschälten, die dem armen, schmerzgequälten Mann Erleichterung verschaffen würden, wenn man ihn damit schiente. Und nachdem sie eben das bewerkstelligt hatten, dabei die ganze Zeit ihr Mitgefühl hinauskreischend, und ohne auf die Proteste des Patienten zu achten, die dieser auf englisch hinausbrüllte, nahmen sie Borowskis Geld und gingen ihrer Wege.

Nur eine nicht. Sie entdeckte einen Lastwagen, der aus dem Norden herannahte.

»Duo shao quian?« sagte sie an Jasons Ohr gebeugt und fragte, wieviel er bezahlen würde.

»Ni shuo ne«, antwortete Borowski und sagte, sie solle einen Preis nennen.

Das tat sie, und Delta war einverstanden. Mit ausgestreckten Armen trat die Frau auf die Straße hinaus, und der Wagen hielt an. Eine zweite Verhandlung mit dem Fahrer schloß sich an, und dann wurde der Killer mitsamt den Bambusschienen der Länge nach auf die Ladepritsche gehievt. Jason kletterte hinter ihm her.

»Wie fühlen Sie sich, Major?«

»Diese Kiste wimmelt ja von beschissenen Enten!« schrie der Killer und starrte die Stapel von Holzkäfigen ringsum an, von denen ein übelkeitserregender, überwältigender Geruch ausging.

Eines der Flügeltiere wählte in seiner unendlichen Weisheit diesen Augenblick, um dem Killer eine Ladung Kot ins Gesicht zu spritzen.

»Nächster Halt Kowloon«, sagte Jason Borowski und schloß die Augen.

Kapitel 30

Das Telefon klingelte. Marie fuhr im Sessel herum, aber Mo Panov hob beschwichtigend die Hand. Der Arzt ging durch das Hotelzimmer, nahm den Hörer von dem Apparat neben dem Bett ab. »Ja?« sagte er leise. Dann runzelte er die Stirn und sah dann, als wäre ihm plötzlich klargeworden, daß sein Ausdruck seine Patientin beunruhigen könnte, zu Marie hinüber und schüttelte den Kopf. »Schön«, meinte er schließlich. »Wir bleiben hier, bis wir von Ihnen hören, aber ich muß Sie fragen, Alex, und das dürfen Sie mir nicht übelnehmen: Hat man Sie mit Drinks angefüllt?« Panov zuckte zusammen und hielt den Hörer von sich weg. »Meine einzige Antwort darauf ist, daß ich zu liebenswürdig und zu erfahren bin, Sie mit Schimpfnamen zu belegen. Wir sprechen uns später.« Er legte auf.

»Was ist passiert?« rief Marie.

»Weit mehr, als er mir sagen konnte, aber es hat genügt.« Der Psychiater hielt inne und blickte auf Marie herab. »Catherine

Staples ist tot. Sie ist vor ein paar Stunden vor ihrem Appartementhaus erschossen worden -«

»Du lieber Gott«, flüsterte Marie.

»Dieser hünenhafte Abwehroffizier«, fuhr Panov fort. »Der, den wir auf dem Bahnhof gesehen haben, den Sie den Major nannten und den Catherine Staples als einen Mann namens Lin Wenzu identifiziert hat -«

»Was ist mit ihm?«

»Er ist schwer verwundet und liegt in sehr kritischem Zustand im Krankenhaus. Von dort aus hat Conklin angerufen, von einem Automaten im Krankenhaus.«

Marie musterte Panovs Gesicht. »Zwischen Catherines Tod und Lin Wenzu gibt es doch einen Zusammenhang, oder?«

»Ja. Die Ermordung von Catherine Staples läßt klar erkennen, daß die Operation infiltriert worden ist -«

»Welche Operation? Und von wem!«

»Alex hat gesagt, das würde er uns alles später erklären. Jedenfalls scheint der Siedepunkt erreicht zu sein. Dieser Lin hat möglicherweise sein Leben dafür gegeben, um die Infiltration auszuschalten - >sie zu neutralisieren< wie Conklin es formuliert hat.«

»O Gott«, schrie Marie mit aufgerissenen Augen und einer Stimme, in der Hysterie mitklang. »Operationen! Infiltrationen! Neutralisieren, Lin, selbst Catherine - eine Freundin, die mich verraten hat - ich will nichts von diesen Dingen wissen! Was ist mit David?«

»Es heißt, er sei in China.«

»Du lieber Gott, die haben ihn umgebracht!« schrie Marie und sprang auf.

Panov eilte auf sie zu und hielt sie an den Schultern fest. Er packte fester zu, zwang sie, ihn anzusehen. »Lassen Sie sich von mir sagen, was Alex mir gesagt hat ... hören Sie mir zu!«

Langsam, atemlos, so als bemühte sie sich, in ihrer Verwirrung und Erschöpfung einen Augenblick der Klarheit zu finden, stand Marie reglos da und starrte den Psychiater an. »Was?« flüsterte sie.

»Er sei in gewisser Weise froh darüber, daß David dort oben ist - oder dort draußen -, weil er seiner Ansicht nach dort eine bessere Überlebenschance hat.«

»Und das glauben Sie?« schrie David Webbs Frau. Tränen traten ihr in die Augen.

»Vielleicht«, sagte Panov und nickte. Dann fuhr er mit leiser Stimme fort: »Conklin wies darauf hin, daß David hier in Hongkong auf einer überfüllten Straße erschossen oder niedergestochen werden könnte - Menschenmengen, so sagte er, seien gleichzeitig ein Feind und ein Freund. Fragen Sie mich nicht, wo diese Leute ihre Redewendungen herhaben, ich weiß es nämlich nicht.«

»Was, zum Teufel, wollen Sie mir damit klarmachen?«

»Was Alex mir gesagt hat. Er sagte, sie hätten ihn dazu gezwungen, wieder der zu sein, den er vergessen wollte. Und dann sagte er, es habe nie jemanden gegeben, der >Delta< gleichgekommen sei. >Delta< sei der Beste gewesen, den es je gegeben habe ... David Webb war >Delta<, Marie. Ganz gleich, was er auch aus seiner Erinnerung verdrängen wollte, er war Delta, Jason Borowski kam später, eine Ausgeburt des Schmerzes, den er sich selbst zufügen mußte. Aber alles, was er gelernt hat, seine Fähigkeiten, seine Geschicklichkeit, hat er sich als Delta erworben ... In mancher Hinsicht kenne ich Ihren Mann ebensogut, wie Sie ihn kennen.«

»In der Hinsicht sicherlich wesentlich besser«, sagte Marie und lehnte den Kopf an Morris Panovs Brust. »Es hat so viele Dinge gegeben, über die er nicht sprechen wollte. Er hatte zu viel Angst oder er schämte sich zu sehr ... Oh Gott, Mo! Wird er zu mir zurückkommen?«

»Alex glaubt, daß Delta zurückkommen wird.«

Marie löste sich von dem Psychiater und sah ihm in die Augen; ihr tränenverhangener Blick war starr. »Was ist mit David?« fragte sie so leise, daß man es kaum hören konnte. »Wird er zurückkommen?«

»Das kann ich nicht beantworten. Ich wünschte, ich könnte das, aber ich kann es nicht.«

»Ich verstehe.« Marie ließ Panov los und ging ans Fenster, blickte auf die Menschenmengen hinunter, die sich durch die überfüllten, grell beleuchteten Straßen drängten. »Sie haben Alex gefragt, ob er getrunken habe, Mo. Warum haben Sie das getan, Mo?«

»Das hat mir in dem Augenblick leid getan, als es heraus war.«

»Weil Sie ihn beleidigt haben?« fragte Marie und drehte sich zu dem Psychiater herum.

»Nein. Weil ich wußte, daß Sie es gehört haben, und daß Sie eine Erklärung verlangen würden. Und die kann ich Ihnen nicht verweigern.«

»Nun?«

»Das war das letzte, was er zu mir gesagt hat - eigentlich sogar zwei Dinge. Er sagte, Sie hätten wegen Catherine Staples unrecht -«

»Unrecht? Ich habe es doch selbst erlebt. Es gesehen. Ich habe ihre Lügen gehört!«

»Sie hat versucht, Sie zu schützen, ohne Sie in Panik zu versetzen.«

»Das sind nur noch mehr Lügen! Und was war das andere?«

Panov rührte sich nicht von der Stelle, und als er sprach, sah er Marie voll in die Augen. »Alex sagte, daß das alles zwar verrückt wirke, in Wahrheit aber gar nicht so verrückt sei.«