»Mein Gott, die haben ihn umgedreht!«
»Nicht ganz. Er wird denen nicht sagen, wo Sie sind - wo wir sind. Er hat mir gesagt, wir sollten uns bereithalten, Minuten nach seinem nächsten Anruf hier auszuziehen. Er kann das Risiko nicht eingehen, hierher zurückzukommen. Er hat Angst, daß man ihm folgen könnte.«
»Also fliehen wir wieder - ohne ein Ziel, mit der einzigen Aussicht, uns erneut verstecken zu müssen. Und plötzlich ist an unserem Panzer etwas faul. Unser verkrüppelter Sankt Georg, der Drachentöter, macht sich jetzt plötzlich mit den Drachen gemein.«
»Das ist nicht fair, Marie. Das hat er nicht gesagt und ich auch nicht.«
»Blödsinn, Doktor! Das dort draußen ist mein Mann oder dort droben! Die setzen ihn ein, bringen ihn um, ohne uns zu sagen, warum! Oder vielleicht - vielleicht - überlebt er sogar, weil er das, was er tut - getan hat -, so schrecklich gut kann, obwohl er das so verabscheut hat, aber was wird dann von dem Mann noch übrig sein und von seinem Verstand? Sie sind der Fachmann, Herr Doktor! Was wird dann noch übrig sein, wenn all die Erinnerungen auf ihn einstürmen? Und das müssen sie wohl, sonst überlebt er nämlich nicht!«
»Ich habe Ihnen schon gesagt, darauf kann ich keine Antwort geben.«
»Oh, Sie sind wirklich großartig, Mo! Alles, was Sie haben, sind sorgfältig abgewogene Hypothesen und Meinungen, aber keine Antwort, nicht einmal Vermutungen. Sie verstecken sich! Rechtsanwalt hätten Sie werden müssen! Sie haben den Beruf verfehlt!«
»Ich habe eine Menge falsch gemacht, und das Flugzeug nach Hongkong hätte ich auch beinahe verpaßt.«
Marie stand reglos und wie vom Donner gerührt da. Dann brach sie in Tränen aus und rannte auf Panov zu, umarmte ihn.
»O Gott, es tut mir furchtbar leid, Mo! Sie müssen mir verzeihen, bitte, verzeihen Sie mir!«
»Ich bin derjenige, ckr sich entschuldigen sollte«, sagte der Psychiater. »Das war billig.« Er strich ihr über das Haar, das graue Haar mit den weißen Strähnen. »Herrgott, ich kann diese Perücke nicht mehr ertragen!«
»Das ist keine Perücke, Herr Doktor.«
«Ich bin kein Kosmetiker.«
»Nur Fußpfleger.«
»Die sind auch einfacher zu pflegen als Köpfe, das können Sie mir glauben.«
Das Telefon klingelte. Marie holte tief Luft, und Panov stockte der Atem. Dann drehte er sich langsam zu dem schrill klingelnden Apparat herum.
»Wenn Sie das noch einmal versuchen, oder so etwas Ähnliches, sind Sie tot!« brüllte Borowski und griff sich an den Handrücken, wo die Haut bereits anfing, sich zu verfärben. Der Killer hatte sich mit den gefesselten Händen gegen die Tür des billigen Hotels geworfen uid Jasons linke Hand im Türrahmen festgeklemmt.
»Was, zum Teufel, erwarten Sie eigentlich von mir?« brüllte der ehemalige Kommandotruppführer zurück. »Daß ich sanftmütig in die Nacht hinausgehe und meinem Erschießungskommando zulächle?«
»Gedanken lesen können Sie also auch«, sagte Borowski und sah zu, wie der Killer sich die Stelle unter dem Brustbein hielt, wo ihn Jasons rechter Fuß getroffen hatte. »Vielleicht ist es Zeit, Sie zu fragen, warum Sie in der Branche sind, der ich nie richtig angehört habe. Warum also, Major?«
»Interessiert Sie das wirklich, Mr. Original?« knurrte der Killer und ließ sich in einen ziemlich abgewetzten Sessel fallen.
»Dann bin ich wohl an der Reihe, die Frage nach dem Warum zu stellen.«
»Vielleicht weil ich mich selbst nie verstanden habe«, sagte David Webb. »Ich sehe das ganz rational.«
»Oh, ich weiß alles über Sie! Das gehörte mit zu der Ausbildung, die mir der Franzose verpaßt hat. Der große Delta war meschugge! Seine Frau und seine Kinder sind von einem Tiefflieger an einem Ort namens Phnom Penh im Wasser abgeknallt worden. Dieser ach so kultivierte Gelehrte verlor den Verstand, und es ist eine Tatsache, daß keiner ihn unter Kontrolle halten konnte, und das wollte auch keiner, weil er und die Teams, die er angeführt hat, mehr Schaden angerichtet haben als alle militärischen Einsätze zusammengenommen. In Saigon hieß es, Sie seien ein Selbstmordkommando gewesen, und von Saigons Standpunkt aus konnte denen das nur recht sein. Die wollten, daß Sie und das Pack unter Ihrem Kommando ins Gras beißen. Die waren nie daran interessiert, daß Sie zurückkamen, lästig waren Sie denen und unangenehm!«
Schlangenweib, Schlangenweib, ... hier spricht ein Freund, ihr Arschlöcher! Ihr habt hier unten nicht viele davon ... Aufgeben! Ihr habt keine Chance!
»Ich weiß, oder ich glaube zumindest, daß ich darüber Bescheid weiß«, sagte Webb. »Ich hatte nach Ihren Motiven gefragt.«
Die Augen des Killers weiteten sich, und er starrte seine gefesselten Handgelenke an. Als er dann sprach, kam seine Stimme ganz leise, nur ein Flüstern. Eine Stimme, die wie ihr eigenes Echo klang, unwirklich. »Weil ich geistesgestört bin, Sie Scheißkerl! Das weiß ich schon seit meiner Kindheit. Die häßlichen finsteren Gedanken, die Messer, die ich Tieren in den Leib stieß, nur um ihre Augen und ihre Münder zu beobachten. Die Nachbarstochter habe ich vergewaltigt, die Tochter des Pfarrers, weil ich wußte, daß sie nichts verraten durfte, und dann habe ich ihr auf der Straße aufgelauert und sie zur Schule begleitet. Elf Jahre war ich damals alt. Und später, in Oxford, habe ich einen Jungen unter Wasser gedrückt, dicht unter die Wasseroberfläche, bis er ertrank - um seine Augen zu sehen und seinen Mund. Und dann ging ich wieder in die Klasse zurück, um mich in all dem Unsinn hervorzutun und gute Noten zu bekommen, wie es jeder Idiot kann, der genügend Verstand hat, sich unterzustellen, wenn's regnet. Dort war ich der richtige Typ, so wie es dem Sohn meines Vaters gebührte.«
»Und Sie haben nie versucht, sich helfen zu lassen?«
»Mir helfen zu lassen? Mit einem Namen wie Alcott-Price?«
»Alcott - ?« Borowski starrte seinen Gefangenen an. »General Alcott-Price? Montgomerys Wunderknabe im Zweiten Weltkrieg? > Schlächter Alcott<, der Mann, der den Flankenangriff in Tobruk geführt hat und später wie eine Dampfwalze Italien und Deutschland überrollte? Englands Pattoni«
»Damals war ich noch nicht am Leben, Herrgott! Ich war das Kind seiner dritten Frau - vielleicht auch seiner vierten, so genau weiß ich das nicht. In der Beziehung war er groß - Frauen, meine ich.«
»D'Anjou hat gesagt, Sie hätten ihm nie Ihren richtigen Namen verraten.«
»Und da hat er verdammt recht! Der General in seinem ach so eleganten Club in St. James, mit dem Cognacschwenker in der Hand, hatte ja gesagt, was geschehen sollte. >Bringt ihn um! Bringt dieses verdorbene Vieh um und sorgt dafür, daß nichts bekannt wird. Er ist kein Stück von mir, die Frau war eine Hure!< Aber ich bin ein Stück von ihm, und das weiß er auch. Er weiß ganz genau, was mir Spaß macht, dieser sadistische Schweinehund, und wir haben beide eine ganze Anzahl von Auszeichnungen dafür eingeheimst, daß wir das getan haben, was wir am liebsten tun.«
»Dann wußte er es also? Das mit Ihrer Krankheit, meine ich.«
»Er wußte es ... Er weiß es. Er hat dafür gesorgt, daß ich nicht nach Sandhurst kam - das ist unsere beste Kadettenschule, falls Sie das nicht wissen -, weil er nicht wollte, daß ich seiner heißgeliebten Armee zu nahe kam. Er hätte fast einen Schlaganfall bekommen, als ich in die Armee eintrat. Und ich weiß ganz genau, daß er keine Nacht ruhig schläft, solange ihm nicht gemeldet wird, daß ich erledigt bin - tot, und alle Spuren verwischt.«