Das schäbige Hotel, das er ausfindig gemacht hatte, verfügte nicht über die Annehmlichkeit eines Telefons. Die einzige Art und Weise, mit der Umwelt in Verbindung zu treten, war ein
Klopfen an der Tür, was entweder bedeutete, daß die Polizei davor stand, oder ein mißtrauischer Hotelangestellter den Gast darüber informieren wollte, daß eine weitere Tagesmiete fällig war, falls er das Zimmer noch benötige. Borowski ging an die Tür, trat lautlos in den schmutzigen Flur hinaus und begab sich zu dem Telefonautomaten, von dem man ihm gesagt hatte, daß er sich am Ende des Korridors befand.
Er hatte sich die Telefonnummer eingeprägt und auf den Augenblick gewartet - gebetet, wenn das möglich gewesen wäre -, wo er sie wählen würde. Er schob eine Münze in den Schlitz und wählte. Sein Atem ging stoßweise, das Blut stieg ihm in den Kopf. »Schlangenweib!« sprach er ins Telefon und zog das Wort in die Länge. »Schlangenweib, Schlangen ...!«
»Qing, qing«, unterbrach ihn eine unpersöhnliche Stimme, die schnell chinesisch sprach. »Der Telefondienst ist kurzzeitig gestört, mehrere Telefone in diesem Amtsbezirk sind außer Betrieb. Wir nehmen an, daß die Anlage in Kürze wieder funktionieren wird. Dies ist eine Bandaufzeichnung ... Qing, cjing -«
Jason legte den Hörer auf, und tausend zersplitternde Gedanken kollidierten wie Glasscherben in seinem Bewußtsein. Er ging schnell den schwach beleuchteten Korridor zarück und kam an einer Prostituierten vorbei, die in einer Türnische Geld zählte. Sie lächelte ihm zu, griff sich mit beiden Händen an die Bluse; er schüttelte den Kopf und rannte in sein Zimmer. Dort wartete er eine Viertelstunde ruhig am Fenster und lauschte den kehligen Lauten, die sein Gefangener ausstieß. Dann kehrte er zur Tür zurück und trat wieder lautlos in den Korridor. Er ging ans Telefon, steckte Geld in den Schlitz und wählte.
»Qing -« Er knallte den Hörer auf die Gabel; seine Hände zitterten, an seinen Kinnladen traten Muskelstränge hervor, und er dachte an die ans Bett gefesselte »Ware«, die er zurückgebracht hatte, um sie gegen seine Frau einzutauschen. Er nahm den Hörer zum drittenmal auf, schob die letzte Münze, die er hatte, in den Schlitz und wählte Null. »Fernamt«, begann er auf chinesisch. »Das ist äußerst dringend! Ich muß unbedingt die folgende Telefonnummer erreichen.« Er gab sie ihr, und seine Stimme klang dabei fast schrill. »Ich habe eine Tonbandaufzeichnung gehört, wonach die Leitung gestört ist, aber es ist sehr dringend -!«
»Einen Augenblick bitte. Ich versuche, Ihnen zu helfen.« Dann folgte Schweigen, und jede Sekunde war von einem immer lauter werdenden Echo in seiner Brust erfüllt, in der es trommelte wie eine Kesselpauke. Seine Schläfen pochten; sein Mund war trocken, seine Kehle ausgedörrt - brannte wie vom Fieber.
»Die Leitung ist im Augenblick unterbrochen«, sagte eine zweite Frauenstimme.
»Die Leitung? Jene Leitung?«
»Ja, so ist es.«
»Nicht >mehrere Telefone< in dem Amtsbereich?«
»Sie haben sich nach einer ganz speziellen Nummer erkundigt, mein Herr. Von anderen Nummern weiß ich nichts. Wenn Sie sie mir nennen wollen, werde ich sie gern für Sie überprüfen.«
»In der Tonbandansage hieß es ganz eindeutig, mehrere Telefone, und doch sagen Sie, eine Leitung! Wollen Sie damit sagen, daß Sie keinen ... Mehrfachdefekt ... bestätigen können?«
»Einen was?«
»Ob mehrere Telefone nicht funktionieren! Sie haben doch Computer. Da kann man Störungen feststellen. Ich habe der anderen Dame schon gesagt, daß es sehr dringend ist!«
»Wenn es sich um einen Krankheitsfall handelt, rufe ich Ihnen gern einen Notarztwagen. Wenn Sie mir bitte Ihre Adresse nennen wollen -«
»Ich möchte wissen, ob mehrere Telefone nicht funktionieren, oder nur eines! Ich muß das wissen!«
»Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Es ist nach neun Uhr abends, und die Störungsstelle arbeitet mit reduzierter Belegschaft -«
»Aber die können Ihnen doch sagen, ob es ein Flächenproblem ist, verdammt noch mal!«
»Bitte, mein Herr, man bezahlt mich nicht dafür, daß ich mich beleidigen lasse.«
»Tut mir leid, wirklich, es tut mir leid! ... Adresse? Ja, die Adresse! Nennen Sie mir die Adresse der Nummer, die ich Ihnen gegeben habe!«
»Die ist nicht registriert.«
»Aber Sie haben sie!«
»Nein, ich habe sie nicht. Die Datenschutzvorschriften in Hongkong sind sehr strikt. Auf meinem Bildschirm steht nur >nicht registrierte«:
»Ich wiederhole! Es geht hier wirklich um Leben und Tod!«
»Dann lassen Sie mich mit einem Krankenhaus sprechen .... oh, warten Sie bitte, Sie hatten recht. Ich kann jetzt auf dem Bildschirm erkennen, daß die letzten drei Stellen der Nummer, die Sie mir gegeben haben, elektronisch ineinander übergehen, das heißt, die Störungsstelle ist im Augenblick damit beschäftigt, das Problem zu beheben.«
»Und die geographische Lage?«
»Die erste Ziffer ist 5, deshalb ist es auf der Insel Hongkong.«
»Etwas genauer! Wo auf der Insel?«
»Aus den Telefonnummern kann man keine Straßen oder Orte herauslesen. Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen. Es sei denn, Sie möchten mir Ihre Adresse nennen, damit ich einen Notarztwagen schicken kann.«
»Meine Adresse ...?« sagte Jason verwirrt und erschöpft, am Rande der Panik. »Nein«, fuhr er dann fort. »Ich glaube nicht, daß ich das tun werde.«
Edward Newington McAllister beugte sich über den Schreibtisch, als die Frau den Hörer auflegte. Sie war sichtlich mitgenommen und leichenblaß geworden. Das Telefonat hatte ihr schwer zugesetzt. Der Staatssekretär legte seinen Hörer auf der anderen Seite des Schreibtisches auf; er hielt einen Bleistift in der rechten Hand, und auf dem Notizblock vor ihm stand eine Adresse. »Sie waren wunderbar«, sagte er und tätschelte den Arm der Frau. »Wir haben es geschafft, wir haben ihn. Sie haben ihn lang genug aufgehalten - länger, als er das in den alten Tagen zugelassen hätte -, die Peilung ist bestätigt. Zumindest das Gebäude, und das reicht. Ein Hotel.«
»Er spricht ausgezeichnet Chinesisch. Und er hat mir nicht vertraut.«
»Das hat nichts zu bedeuten. Wir werden das Hotel umstellen. Jeden Eingang und Ausgang. Es liegt an einer Straße, die Shek Lung heißt.«
»Unterhalb vom Mongkok, genauer gesagt in Yau Ma Ti«, sagte die Dolmetscherin. »Es gibt wahrscheinlich nur einen Eingang, durch den ohne Zweifel jeden Morgen der Abfall getragen wird.«
»Ich muß Havilland im Krankenhaus erreichen. Er hätte nicht dort hingehen dürfen!«
»Auf mich hat er einen sehr besorgten Eindruck gemacht«, meinte die Dolmetscherin.
»Letzte Worte«, sagte McAllister und wählte. »Wichtige Informationen von einem Sterbenden. Das ist zulässig.«
»Ich kann Sie alle nicht verstehen.« Die Frau stand auf, und der Staatssekretär ging um den Schreibtisch herum und nahm den Platz ein, den sie freigemacht hatte. »Ich kann Ihre Anweisungen befolgen, aber ich verstehe Sie nicht.«
»Du lieber Gott, das hätte ich fast vergessen. Sie müssen jetzt gehen. Was ich zu besprechen habe, ist streng geheim ... Wir wissen das, was Sie getan haben, sehr zu schätzen, und ich kann Sie unserer Dankbarkeit versichern. Sie werden auch eine Prämie bekommen. Aber ich muß Sie jetzt leider bitten, zu gehen.«