»Sehr gerne, Sir«, sagte die Dolmetscherin. »Und das mit der Dankbarkeit können Sie vergessen, aber bitte die Prämie nicht. So viel habe ich in Wirtschaftskunde auf der Universität von Arizona gelernt.« Die Frau ging.
»Dringender Notfall. Polizei!« schrie McAllister förmlich ins Telefon. »Den Botschafter bitte. Es ist sehr dringend. Nein, nein, keinen Namen, vielen Dank, holen Sie ihn an ein Telefon, wo er ungestört sprechen kann.« Der Staatssekretär rieb sich die linke Schläfe, bis Havilland sich meldete.
»Ja, Edward?«
»Er hat angerufen. Es hat geklappt. Wir wissen jetzt, wo er ist! Ein Hotel im Yau Ma Ti.«
»Lassen Sie es umstellen, aber unternehmen Sie nichts! Conklin muß verstehen, was wir vorhaben. Wenn er Unrat wittert oder das, was er dafür hält, wird er aussteigen. Und wenn wir die Frau nicht haben, dann bekommen wir auch unseren Killer nicht. Um Himmels willen, passen Sie auf, daß ja nichts schiefgeht, Edward! Sonst könnte leicht jemand auf die Abschußliste kommen.«
»Ich bin solche Worte nicht gewöhnt, Mr. Ambassador.«
Am anderen Ende der Leitung trat eine Pause ein; als Havilland dann wieder sprach, war seine Stimme kalt. »O doch, Edward, das sind Sie sehr wohl. Sie protestieren zuviel, in dem Punkt hatte Conklin recht. Sie hätten am Anfang nein sagen können, in Sangre de Cristo in Colorado. Da hätten Sie aussteigen können, aber das haben Sie nicht getan, das konnten Sie nicht. In mancher Hinsicht sind Sie wie ich - natürlich ohne ein paar zufällige Pluspunkte zu meinen Gunsten. Wir denken und kombinieren, und unsere Manipulationen sind unser Lebenselixier. Und bei jedem Zug in dem Schachspiel mit Menschen, das wir spielen, schwillt uns vor Stolz der Kamm - in einem Spiel, wo jeder Zug schreckliche Folgen für irgend jemanden haben kann -, weil wir an etwas glauben.
Das wirkt wie ein Rauschgift, und die Sirenengesänge sind in Wirklichkeit eine Verneigung vor unserem Ego. Unser überlegener Intellekt verschafft uns unsere Macht. Geben Sie es ruhig zu, Edward, ich habe das auch zugegeben. Ich will noch einmal sagen, was ich schon gesagt habe: Jemand muß es tun.«
»Von Vorträgen zur Unzeit halte ich erst recht nichts«, sagte McAllister.
»Ich werde Ihnen keinen mehr halten. Tun Sie einfach, was ich Ihnen gesagt habe. Sichern Sie alle Ausgänge dieses Hotels, aber sagen Sie jedem Mann, daß er keine weiteren Schritte unternehmen soll. Wenn Borowski irgendwohin geht, ist ihm diskret zu folgen, aber er darf unter keinen Umständen angerührt werden. Wir müssen die Frau haben, ehe der Kontakt hergestellt wird.«
Morris Panov nahm den Hörer ab. »Ja?«
»Es ist etwas geschehen.« Conklin redete schnell und leise. »Havilland hat den Warteraum verlassen, um ein dringendes Telefonat entgegenzunehmen. Ist bei Ihnen irgend etwas?«
»Nein, nichts. Wir haben nur miteinander gesprochen.«
»Ich bin beunruhigt. Havillands Leute könnten Sie gefunden haben.«
»Du lieber Gott, wie denn!«
»Indem sie sich in jedem Hotel in der Kronkolonie nach einem weißen Mann erkundigt haben, der hinkt, ganz einfach.«
»Sie haben den Mann am Empfang dafür bezahlt, daß er den Mund hält. Sie haben gesagt, es handle sich um eine vertrauliche geschäftliche Besprechung - etwas völlig Normales.«
»Die können auch bezahlen und sagen, es handle sich um eine vertrauliche Angelegenheit der Regierung. Dreimal dürfen Sie raten, wer da den Vorrang bekommt.«
»Ich glaube, Sie sehen zu schwarz«, wandte der Psychiater ein.
»Mir ist egal, was Sie glauben, Doktor, nur sehen Sie zu, daß Sie dort verschwinden. Sofort. Vergessen Sie Maries Gepäck -falls sie welches hat. Verschwinden Sie so schnell wie möglich.«
»Und wohin sollen wir gehen?«
»Wo viele Leute sind, aber wo ich Sie finden kann.«
»Ein Restaurant?«
»Das ist zu lange her, die wechseln hier ja alle zwanzig Minuten die Namen. Hotels kommen auch nicht in Frage; die lassen sich zu leicht überwachen.«
»Wenn Sie recht haben, Alex, dann vergeuden Sie aber jetzt Zeit -«
»Ich muß nachdenken!... also gut, nehmen Sie sich ein Taxi zur Nathan Road, dort wo sie die Salisbury kreuzt - haben Sie das? Nathan und Salisbury. Sie werden das Peninsula-Hotel sehen, aber gehen Sie nicht hinein. Der Straßenzug, der von dort nach Norden führt, nennt sich die Goldene Meile. Gehen Sie auf der rechten Seite auf und ab, der Ostseite, aber nicht weiter als vier Kreuzungen. Ich komme sobald wie möglich dorthin.«
»In Ordnung«, sagte Panov. »Nathan und Salisbury, in nördlicher Richtung auf der rechten Seite bis zur vierten
Kreuzung. Alex, Sie sind auch ganz sicher, daß Sie recht haben, oder?«
»Aus zwei Gründen«, antwortete Conklin. »Zunächst einmal hat Havilland mich nicht aufgefordert, mitzukommen, um herauszufinden, um was für einen bringenden Notfall< es sich handelte - und das entspricht nicht unserer Vereinbarung. Und wenn der Notfall nicht Sie und Marie sind, dann bedeutet das, daß Webb Kontakt aufgenommen hat. Wenn das der Fall ist, will ich mein einziges Unterpfand nicht aus der Hand geben, und das ist Marie. Nicht ohne sichere Garantien. Nicht bei Botschafter Raymond Havilland. Und jetzt verschwinden Sie!«
Irgend etwas stimmte nicht! Aber was? Borowski war in das schmutzige Hotelzimmer zurückgekehrt, stand jetzt am Fußende des Bettes und beobachtete seinen Gefangenen, dessen Zuckungen noch stärker geworden waren, dessen gestreckter Körper krampfartig auf jede nervöse Bewegung reagierte. Was war es? Warum hatte ihn das Gespräch mit dem Mädchen vom Fernamt so beunruhigt? Sie war höflich und hilfsbereit gewesen; sogar seine Beleidigung hatte sie hingenommen. Was also war es? ... plötzlich drängten sich Worte aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit in sein Bewußtsein. Worte, die er vor Jahren zu einer Frau vom Fernamt, einer Frau ohne Gesicht, nur mit einer reizbaren Stimme, gesagt hatte.
Ich habe Sie nach der Nummer des iranischen Konsulats gefragt.
Die steht im Telefonbuch. Wir haben hier alle Hände voll zu tun und für solche Anfragen keine Zeit. Fragen Sie meinetwegen die Auskunft. Klick. Leitung tot.
Das war es! Die Leute beim Fernamt in Hongkong galten als die unfreundlichsten der Welt. Sie vergeudeten keine Zeit, ganz gleich, wie hartnäckig der Kunde auch war. Die viele Arbeit in dieser überfüllten, hektischen Finanzmetropole ließ das einfach nicht zu. Und doch hatte die Frau geradezu eine Engelsgeduld gehabt ... Von anderen Nummern weiß ich nichts. Wenn Sie sie mir nennen wollen, werde ich sie gern für Sie überprüfen ... Es sei denn, Sie möchten mir Ihre Adresse nennen ... Die Adresse! Und ohne richtig über die Frage nachzudenken, hatte er instinktiv geantwortet: Nein, ich glaube nicht, daß ich das tun werde. Und tief in seinem Inneren hatten Alarmglocken geschrillt.
Eine Peilung! Sie hatten ihn hingehalten, ihn lange genug an der Leitung festgehalten, um sein Gespräch auf elektronischem Wege anzupeilen! Öffentliche Telefone ausfindig zu machen, war besonders schwierig. Man mußte zuerst die Umgebung feststellen; anschließend den genauen Punkt oder das Gebäude, und schließlich den Apparat selbst, aber das war nur eine Frage von Minuten und Minutenbruchteilen zwischen dem ersten Schritt und dem letzten. War er lange genug an der Leitung geblieben? Und wenn ja, wie weit waren sie gekommen? Die Umgebung? Das Hotel? Der Telefonautomat selbst? Jason versuchte, sein Gespräch mit der Frau zu rekonstruieren. Verzweifelt und doch mit aller Präzision, derer er fähig war, versuchte er, sich den Rhythmus ihrer Worte zu vergegenwärtigen, ihrer Stimme, und erkannte, daß sie jedesmal, wenn er schneller gesprochen hatte, langsamer geworden war. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen ... Nein, ich habe sie nicht, Sir. Die Datenschutzvorschrifien in Hongkong sind sehr strikt - ein Vortrag! Oh, warten Sie bitte. Sie hatten recht... ich kann jetzt auf dem Bildschirm erkennen ... Eine Erklärung, die ihn besänftigen sollte und Zeit in Anspruch nahm. Zeit! Wie hatte er das nur zulassen können? Wie lange ...? Neunzig Sekunden - allerhöchstem zwei Minuten. Sein Zeitgefühl war stark ausgeprägt. Zwei Minuten also. Das reichte, um eine Umgebung festzustellen, möglicherweise auch einen Ort zu bestimmen, aber angesichts der Hunderttausende von Meilen Telefonleitungen reichte es wahrscheinlich nicht, um ein ganz bestimmtes Telefon zu orten. Aus irgendeinem Grund drängten sich ihm Bilder von Paris auf, und dann die verschwommenen Umrisse von Telefonzellen, und wie er und Marie von einer zur anderen rasten, durch die blendenden Straßen von Paris, und wie sie dort nicht anpeilbare Anrufe tätigten, in der Hoffnung, das Rätsel zu lösen, das Jason Borowski war. Vier Minuten. So lange dauert es, aber wir müssen aus dem Viertel verschwinden! Das haben die nämlich inzwischen!