Du kannst es immer noch. Halte dich an das Drehbuch. Du kannst das, Delta!
Keine Zeit. Jetzt war keine Zeit mehr zum Überlegen. Er durfte die wertvollen Sekunden nicht damit vergeuden, über die Existenz oder Nichtexistenz eines hünenhaften Taipans nachzudenken, der ohnehin zu Operettenhaft wirkte, als daß er hätte echt sein können. Die zwei Männer, die auf ihn zustrebten, hatten jetzt die Gasse entdeckt. Sie fingen zu laufen an - auf die Gasse zu, auf die »Ware« zu, auf die Vernichtung und den Tod von allem, was Jason in dieser verkommenen Welt wichtig war, dieser Welt, die er liebend gerne verlassen hätte, wenn nicht Marie gewesen wäre.
Die Sekunden tickten dahin, in Millisekunden vorausberechneter Gewalt, die er gleichzeitig akzeptierte und verabscheute. David Webb wurde zum Schweigen gebracht, und Jason Borowski übernahm erneut die Befehlsgewalt. Laß mich in Ruhe! Verschwinde! Das ist alles, was uns noch bleibt!
Der erste Mann fiel um, mit zerschmettertem Brustkorb, zum Schweigen gebracht mit einem Schlag gegen die Kehle. Dem zweiten Mann wurde eine Vorzugsbehandlung zuteil. Es war lebenswichtig, daß er bei Bewußtsein blieb, das, was folgte, wach in sich aufnahm. Er zerrte beide Männer in die tiefsten Schatten der Gasse, zerfetzte ihnen mit dem Messer die Kleider, fesselte sie an Armen und Füßen und knebelte sie mit den Kleiderfetzen.
Dann drückte Borowski den zweiten Mann zu Boden, preßte ihm die Arme mit dem Knie gegen den Leib und setzte sein Messer unter dem linken Auge an und verkündete ihm sein Ultimatum. »Meine Frau! Wo ist sie? Jetzt gleich! Oder Sie verlieren Ihr Auge, und dann das andere auch! Ich schneide Sie in Stücke, jung gwo, glauben Sie mir!« Er riß dem Mann den Knebel aus dem Mund.
»Wir sind nicht Ihr Feind, Zhangu!« schrie der Asiate auf englisch und gebrauchte das kantonesische Wort für Ehemann. »Wir haben uns bemüht, sie zu finden! Wir suchen überall!«
Jason starrte den Mann an, und das Messer zitterte in seiner Hand, seine Schläfen pochten wie wild. Sein persönliches Universum war im Begriff zu explodieren, der Himmel würde gleich Feuer und Schmerz auf ihn herunterregnen lassen, so viel, daß es seine Vorstellung überstieg. »Marie!« schrie er gequält. »Was habt ihr mit ihr gemacht? Man hat mir doch eine Garantie gegeben! Ich bringe die Ware heraus und man gibt mir meine Frau zurück! Ich sollte ihre Stimme am Telefon hören, aber das
Telefon funktionierte nicht! Statt dessen peilte man mich an, und plötzlich sind Sie hier, und meine Frau nicht! Wo ist sie?!«
»Wenn wir das wüßten, wäre sie hier bei uns.«
»Lügner!« schrie Borowski.
»Ich lüge Sie nicht an, Sir, und Sie dürfen mich nicht umbringen, bloß weil ich Ihnen die Wahrheit sage. Sie ist aus dem Krankenhaus entkommen -«
»Dem Krankenhaus?«
»Sie war krank. Der Arzt hat darauf bestanden. Ich war dort, vor ihrem Zimmer, habe sie bewacht! Sie war schwach, aber sie ist entkommen -«
»O Gott! Krank? Schwach? Allein in Hongkong? Mein Gott, ihr habt sie umgebracht.«
»Nein, Sir. Wir hatten Anweisung, dafür zu sorgen, daß ihr nichts fehlte -«
»Sie hatten Anweisung«, sagte Jason Borowski, und seine Stimme war ausdruckslos und kalt. »Aber nicht Ihr Taipan. Er hat andere Anweisungen befolgt, Anweisungen, wie sie zuvor in Zürich und in Paris gegeben wurden und an der Einundsiebzigsten Straße in New York. Ich habe das erlebt - wir haben das erlebt. Und jetzt habt ihr sie umgebracht. Ihr habt mich benutzt, so wie ihr mich früher benutzt habt, und als ihr gedacht habt, es sei vorbei, habt ihr sie mir weggenommen. >Was macht schon der Tod einer weiteren Tochter aus<? Schweigen ist alles.« Plötzlich packte Jason das Gesicht des Mannes mit der linken Hand, während die rechte das Messer umfaßt hielt. »Wer ist der Hüne? Raus mit der Sprache, oder ich steche zu! Wer ist der Taipan?«
»Er ist kein Taipan! Er ist von den Briten ausgebildet und geschult, ein Offizier, der in der Kronkolonie großes Ansehen genießt. Er arbeitet mit Ihren Landsleuten zusammen, den Amerikanern. Er ist vom Geheimdienst.«
»Natürlich ... es war von Anfang an ganz genauso. Nur daß es diesmal nicht der Schakal war, sondern ich. Man hat mich auf dem Schachbrett herumgeschoben, bis ich keine Wahl mehr hatte, als mich selbst zu jagen - einen Abklatsch meiner selbst, einen Mann, der sich Borowski nannte. Wenn er ihn hat, dann bringt ihn um, bringt beide um. Sie wissen zuviel.«
»Nein!« schrie der Asiate schwitzend und mit geweiteten Augen, starrte das Messer an, das sich in sein Fleisch bohrte. »Man sagt uns sehr wenig, aber davon habe ich nichts gehört!«
»Was machen Sie dann hier?« fragte Jason schroff.
»Überwachung, das schwöre ich! Das ist alles!«
»Bis die Revolverhelden anrücken?« sagte Borowski eisig. »Damit eure adretten Anzüge sauber bleiben, kein Blut an eure Hemden kommt, und damit es keine Spuren gibt, die zu diesen namenlosen, gesichtslosen Leuten führen, für die Sie arbeiten.«
»Nein, das stimmt nicht! So sind wir nicht, und unsere Vorgesetzten sind auch nicht so!«
»Ich habe Ihnen doch gesagt, ich kenne das alles. Sie sind so, glauben Sie mir ... Und jetzt werden Sie mir etwas sagen. Was auch immer das alles zu bedeuten hat, es ist schmutzig und niederträchtig und abgesichert bis zum Gehtnichtmehr. Niemand führt eine solche Operation ohne einen getarnten Stützpunkt. Wo ist dieser Stützpunkt?«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Das Hauptquartier oder Basislager oder ein abgeschottetes Haus oder ein Kommandozentrum - wie, zum Teufel, es auch immer heißt. Wo ist es?«
»Bitte, ich kann nicht -«
»Sie können. Sie werden .. denn wenn Sie es nicht tun, steche ich Ihnen die Augen aus. Jetzt!«
»Ich habe eine Frau, Kinder!
»Die hatte ich auch. Ich verliere gleich die Geduld.« Jason hielt inne, lockerte den Druck seines Messers leicht. »Außerdem, wenn Sie so sicher sind, daß Sie recht haben - daß Ihre Vorgesetzten nicht das sind, was ich behaupte, welchen Schaden können Sie dann schon anrichten? Man kann sich doch arrangieren?«
»J!« schrie der verängstigte Mann. »Arrangieren! Es sind gute Menschen. Die werden Ihnen nichts tun!«
»Dazu werden sie auch keine Chance haben«, flüsterte Borowski.
»Was, Sir?«
»Nichts. Wo ist es? Wo ist dieses ach so geheime Hauptquartier? Schnell!«
»Victoria Peak!« sagte der zu Tode erschrockene und vor Angst fast versteinerte Geheimdienstler. »Das zwölfte Haus auf der rechten Seite mit hohen Mauern ..«
Borowski hörte sich die Beschreibung eines abgeschotteten Hauses an, eines ruhigen, von Streifen bewachten Grundstücks in einem wohlhabenden Viertel.
Er hörte sich an, was er hören mußte; sonst brauchte er nichts. Dann schlug er dem Mann den schweren Griff seines Messers gegen den Schädel, stopfte ihm den Knebel wieder in den Mund und richtete sich auf.
Er sah die Feuertreppe hinauf, betrachtete die kaum erkennbaren Umrisse seines Gefangenen.
Sie wollten Jason Borowski haben und waren dafür zum Morden bereit.
Sie würden zwei Jason Borowskis bekommen und ihrer Lügen wegen sterben.
Kapitel 31
Havilland stellte sich Conklin im Korridor des Krankenhauses vor dem Einsatzraum, den die Polizei sich eingerichtet hatte. Der Diplomat hatte sich dazu entschlossen, in der überlaufenen, weißgetünchten Halle mit dem CIA-Mann zu sprechen, eben weil dort so reger Betrieb herrschte - Schwestern und Assistenzärzte, Chirurgen und Internisten, sie alle waren auf den Korridoren in beständiger Bewegung, sprachen miteinander und benutzten Telefone, die dauernd zu klingeln schienen. Unter diesen Umständen würde sich Conklin mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht auf eine laute, hitzige Auseinandersetzung einlassen; der Botschafter konnte seine Argumente unter diesen Umständen besser vortragen.