»Borowski hat Verbindung mit uns aufgenommen«, sagte Havilland.
»Gehen wir hinaus«, sagte Conklin.
»Das geht nicht«, erwiderte der Diplomat. »Lin kann jeden Augenblick sterben, es kann aber auch sein, daß man uns gleich zu ihm läßt. Auf die Chance dürfen wir nicht verzichten.«
»Dann gehen wir wieder hinein.«
»In dem Raum sind noch fünf Leute. Sie wollen genausowenig wie ich, daß die uns hören.«
»Herrgott, Sie haben auch auf alles eine Antwort, wie?«
»Ich muß an uns alle denken. Nicht nur an ein paar Leute, sondern uns alle.«
»Was wollen Sie von mir?«
»Die Frau natürlich, das wissen Sie.«
»Das weiß ich - natürlich. Und was bieten Sie?«
»Mein Gott, Jason Borowski!« »Ich will David Webb. Ich will Maries Mann. Ich will wissen, daß er lebt und daß es ihm gutgeht und daß er in Hongkong ist. Ich möchte ihn mit eigenen Augen sehen.«
»Das ist unmöglich.«
»Dann sollten Sie mir sagen, warum das unmöglich ist.«
»Ehe er sich zeigt, erwartet er, daß er binnen dreißig Sekunden nach der Kontaktaufnahme mit seiner Frau sprechen kann. So lautet die Vereinbarung.«
»Aber Sie sagten doch gerade, er hätte Kontakt hergestellt.«
»Er schon. Aber wir nicht. Das konnten wir uns ohne Marie Webb am Telefon nicht leisten.«
»Jetzt komme ich nicht mehr mit!« sagte Conklin ärgerlich.
»Er hatte Bedingungen gestellt, so ähnlich wie die Ihren, was durchaus verständlich ist. Sie haben beide -«
»Was für Bedingungen?« unterbrach ihn der CIA-Mann.
»Sein Anruf bedeutete, daß er den Mann hatte - das war die bilaterale Übereinkunft.«
»Herr und Heiland! >Bilateral<?«
»Beide Seiten hatten sich damit einverstanden erklärt.«
»Ich weiß, was das bedeutet! Sie wollen mich einfach verarschen, sonst nichts.«
»Schreien Sie nicht so ... Für den Fall, daß wir seine Frau nicht binnen dreißig Sekunden ans Telefon holen könnten, sollten wir am Telefon einen Schuß hören, und der Schuß würde bedeuten, daß der Killer tot ist, daß Borowski ihn umgebracht hatte.«
»Der gute alte Delta.« Conklins Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln. »Der hat noch nie einen Trick ausgelassen. Und ich nehme an, da kommt noch was, habe ich recht?«
»Ja«, sagte Havilland grimmig. »Ein Übergabepunkt ist zwischen beiden Seiten zu vereinbaren -«
»Nicht bilateral?«
»Halten Sie den Mund! ... er will sehen, wie seine Frau allein auf ihn zukommt, ohne fremde Hilfe. Wenn er zufrieden ist, wird er mit seinem Gefangenen hervortreten, wahrscheinlich mit der Pistole am Kopf des Gefangenen, und dann wird der Austausch durchgeführt werden. Vom ersten Kontakt bis zum Austausch soll alles innerhalb weniger Minuten ablaufen, jedenfalls darf es nicht mehr als eine halbe Stunde dauern.«
»Ja, damit keiner von außen her irgend etwas unternehmen kann.« Conklin nickte. »Aber wenn Sie nicht geantwortet haben, woher wissen Sie dann, daß er Kontakt aufgenommen hat?«
»Lin hat die Telefonleitung angezapft und nach Victoria Peak geschaltet. Borowski wurde erklärt, die Leitung sei im
Augenblick unterbrochen, und als er versuchte, sich das bestätigen zu lassen - was er unter den gegebenen Umständen ja mußte -, hat man ihn mit dem Peak verbunden. Wir haben ihn so lange hingehalten, bis wir den Standort des Telefonautomaten anpeilen konnten, den er benutzte. Wir wissen, wo er ist. Unsere Leute sind jetzt zu ihm unterwegs und haben Anweisung, sich unauffällig zu verhalten. Wenn er etwas riecht oder sieht, wird er unseren Mann umbringen.«
»Angepeilt?« Alex musterte mit finsterer Miene das Gesicht des Diplomaten. »Er hat sich von Ihnen so lange hinhalten lassen, daß dafür Zeit war?«
»Er ist außer sich vor Sorge, darauf haben wir gebaut.«
»Webb vielleicht«, sagte Conklin. »Nicht Delta. Nicht wenn er darüber nachdenkt.«
»Er wird wieder anrufen«, beharrte Havilland. »Er hat keine Wahl.«
»Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wie lange liegt sein letzter Anruf zurück?«
Der Botschafter sah auf die Uhr. »Zwölf Minuten.«
»Und der erste?«
»Etwa eine halbe Stunde.«
»Und Sie erfahren es jedesmal, wenn er anruft?«
»Ja. Die Information wird an McAllister weitergeleitet.«
»Stellen Sie fest, ob Borowski es wieder versucht hat.«
»Warum?«
»Weil er, wie Sie das ausgedrückt haben, außer sich vor Sorge ist und weiterhin anrufen wird. Er kann nicht anders.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Daß Sie möglicherweise einen Fehler gemacht haben.«
»Wo? Wie?«
»Das weiß ich nicht, aber eines weiß ich: Ich kenne Delta.«
»Was könnte er tun, ohne uns zu erreichen?«
»Töten«, sagte Alex leise.
Havilland drehte sich um, blickte den überfüllten Korridor hinunter und ging auf den Empfangstisch der Etage zu. Er sprach kurz mit einer Schwester; die nickte und griff nach einem Telefonhörer. Er sprach nicht lange und legte dann auf. Als er zu Conklin zurückkehrte, war seine Stirn gefurcht. »Seltsam«, meinte er. »McAllister hat dasselbe Gefühl wie Sie. Edward hat erwartet, daß Borowski alle fünf Minuten anrufen würde, mindestens alle fünf Minuten.«
»Oh?«
»Er muß davon ausgehen, daß die Leitung jeden Augenblick wieder funktionieren könnte.« Der Botschafter schüttelte den Kopf, als könne er damit abtun, was ihm unwahrscheinlich erschien. »Wir sind alle viel zu angespannt. Es könnte eine ganze Anzahl von Erklärungen geben, angefangen damit, daß er kein Kleingeld hat, bis zu Verdauungsstörungen.«
Die Tür zur Intensivstation ging auf, und der britische Arzt sah heraus. »Herr Botschafter?«
»Lin?«
»Ein ungewöhnlicher Mann. Was er mitgemacht hat, würde ein Pferd umbringen. Aber andererseits haben beide etwa die gleiche Größe, und ein Pferd hat keinen Überlebenswillen.«
»Dürfen wir zu ihm?«
»Das hätte keinen Sinn, er ist noch bewußtlos - manchmal bewegt er sich, aber er kann nicht zusammenhängend reden. Jede Minute Ruhe, ohne daß er einen Rückfall bekommt, ist ein Fortschritt.«
»Es ist Ihnen klar, wie dringend wir ihn sprechen müssen, ja?«
»Ja, Mr. Havilland, das ist mir klar. Vielleicht klarer, als Sie denken. Sie wissen, daß ich für das Entkommen der Frau verantwortlich war -«
»Ja, das weiß ich«, sagte der Diplomat. »Man hat mir aber auch gesagt, daß sie, wenn sie Sie täuschen konnte, wahrscheinlich auch den besten Internisten in der Mayo-Klinik getäuscht hätte.«
»Das kann ich nicht beurteilen, aber ich halte mich eigentlich schon für kompetent. Aber in dem Fall komme ich mir wie ein Idiot vor. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um Ihnen und meinem guten Freund Major Lin zu helfen. Wenn er die nächste Stunde überlebt, glaube ich, daß er eine Chance hat. Und wenn es dazu kommt, werde ich dafür sorgen, daß Sie mit ihm reden können, solange Sie sich auf knappe und einfache Fragen beschränken. Wenn ich glaube, daß er einen schweren Rückfall hat und nicht mehr zu retten ist, werde ich Sie ebenfalls rufen.«