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»Ein fairer Vorschlag, Herr Doktor. Vielen Dank.«

»Das ist das mindeste, was ich tun kann. Wenzu würde es genauso wollen. Ich gehe jetzt wieder zu ihm.«

Das Warten begann. Havilland und Alex Conklin kamen ebenfalls zu einer bilateralen Übereinkunft. Wenn Borowski das nächstemal versuchte, Schlangenweib zu erreichen, sollte ihm gesagt werden, daß die Leitung in zwanzig Minuten wieder funktionieren würde. In der Zeit würde Conklin in das Haus am Victoria Peak gebracht werden und sich darauf vorbereiten, das Gespräch zu führen. Er würde den Austausch einleiten und David sagen, daß Marie in Sicherheit sei und sich bei Morris Panov befinde. Die beiden Männer kehrten in den Vorraum der Intensivstation zurück und setzten sich einander gegenüber, und mit jeder lautlos verstreichenden Minute wuchs die Belastung.

Doch die Minuten dehnten sich zu Viertelstunden und die in eine ganze Stunde. Dreimal rief der Botschafter McAllister an, um nachzufragen, ob man etwas von Jason Borowski gehört habe. Nichts. Zweimal kam der englische Arzt heraus, um über Lins Zustand zu berichten. Der war unverändert, eine Tatsache, aus der sie Hoffnung schöpften. Einmal klingelte das Telefon, und die Köpfe von Havilland und Conklin fuhren zu der Schwester herum, die sich ganz ruhig meldete. Der Anruf war nicht für den Botschafter. Die Spannung nahm zu, und jedesmal, wenn sich die beiden Männer ansahen, las jeder in den Augen des anderen dieselbe Botschaft. Etwas stimmte nicht. Etwas war schiefgegangen. Ein chinesischer Arzt kam heraus und trat zu zwei Leuten, die hinten warteten, eine junge Frau und ein Priester; er redete leise auf sie ein. Die Frau stieß einen Schrei aus und fiel dann schluchzend dem Priester in die Arme. Es gab wieder eine Polizistenwitwe mehr. Sie wurde weggeführt, damit sie ihren Mann ein letztes Mal sah.

Stille.

Wieder klingelte das Telefon, und wieder starrten der Diplomat und der CIA-Mann zum Empfangstisch hinüber.

»Herr Botschafter«, sagte die Schwester, »für Sie. Der Herr sagt, es sei sehr dringend.« Havilland stand auf, ging zu ihr hinüber, nickte ihr dankend zu und griff nach dem Hörer.

Was auch immer es war, jetzt war es geschehen. Conklin beobachtete den Diplomaten; er hätte es nie für möglich gehalten, ihn jemals so zu Gesicht zu bekommen. Havilland wurde plötzlich aschfahl; die schmalen, normalerweise verkniffenen Lippen öffneten sich, die dunklen Augenbrauen schoben sich in die Höhe, und seine Augen wurden groß und glasig. Dann drehte er sich um und sprach mit kaum hörbarer Stimme zu Alex; es war das Flüstern der Angst.

»Borowski ist verschwunden. Sein Gefangener auch. Man hat zwei der Männer gefunden, gefesselt und schwer verletzt.« Er wandte sich wieder dem Telefon zu, und seine Augen verengten sich, während er zuhörte. »Großer Gott im Himmel!« rief er aus und drehte sich zu Conklin zurück.

Der CIA-Mann war nicht da.

David Webb war verschwunden, nur Jason Borowski blieb. Und doch war er gleichzeitig mehr und weniger als der Mann, der Carlos den Schakal gejagt hatte. Er war Delta, das Raubtier, das nur noch auf Rache aus war. Rache für ein Stück seines Lebens, ein Stück von unschätzbarem Wert, das man ihm wieder weggenommen hatte. Und wie ein rachsüchtiges Raubtier bewegte er sich in einer Art Trance, und jede Entscheidung war präzise, jede Bewegung tödlich. Er wollte jetzt nur noch töten; sein Menschenhirn war das eines Tieres geworden.

Er wanderte durch die schmutzigen Straßen des Yau Mi Ti, seinen Gefangenen im Schlepptau, gefesselt, und fand, was er suchte, zahlte Tausende von Dollar für Dinge, die nur einen Bruchteil davon wert waren. Und die Nachricht von dem seltsamen Mann und seinem noch seltsameren stummen Begleiter, der gefesselt war und um sein Leben fürchtete, sprach sich nach Mongkok herum. Andere Türen öffneten sich ihm, Türen, die Schmugglern vorbehalten waren, und die Nachricht über diesen Besessenen, der Tausende bei sich trug, war begleitet von übertriebenen Warnungen.

Er ist ein Besessener, ein Irrer, und er ist weiß und wird schnell töten. Es heißt, er habe zwei Männern, die unehrlich zu ihm waren, die Kehlen aufgeschlitzt. Es geht die Rede, ein Zhongguo ren sei erschossen worden, weil er ihn betrogen hat und das nicht geliefert, was er versprochen hatte. Er ist verrückt. Gebt ihm, was er will. Er zahlt mit harten Dollars. Wen interessiert das schon? Es ist nicht unser Problem. Laßt ihn kommen. Laßt ihn gehen. Nehmt einfach sein Geld.

Als es Mitternacht war, hatte Delta das Werkzeug, das er für sein tödliches Vorhaben brauchte. Für ihn zählte jetzt nur noch der Erfolg. Er mußte erreichen, was er sich vorgenommen hatte. Er mußte töten.

Wo war Echo? Er brauchte Echo. Der alte Echo war sein Maskottchen!

Echo war tot. Ein Wahnsinniger hatte ihn erschlagen, mit einem Zeremonienschwert in einem friedlichen Wald der Vögel. Erinnerungen.

Echo.

Marie.

Ich werde sie umbringen, weil sie dir das angetan haben!

Er hielt ein zerbeultes Taxi in Mongkok an, zeigte dem Fahrer ein paar Geldscheine und forderte ihn auf auszusteigen.

»Ja, was ist, Sir?« fragte der Mann in gebrochenem Englisch.

»Was ist Ihr Wagen wert?« sagte Delta.

»Ich nicht verstehen.«

»Wie viel? Geld? Für Ihren Wagen?«

»Du feng kuang!«

»Biu!« schrie Delta und sagte dem Fahrer damit, daß er nicht geistesgestört sei. »Wieviel wollen Sie für Ihren Wagen?« fuhr er auf chinesisch fort. »Morgen früh können Sie sagen, man hätte ihn gestohlen. Die Polizei wird ihn finden.«

»Der Wagen ist meine einzige Einkommensquelle, und ich habe eine große Familie! Sie sind verrückt!«

»Wie wäre es mit viertausend Dollar, amerikanische Dollar?«

»Nehmen Sie ihn!«

»Kuai!« sagte Jason, forderte den Mann auf, sich zu beeilen. »Helfen Sie mir mit diesem Kranken. Er hat die Schüttelkrankheit, und man muß hn festbinden, damit er sich nicht verletzt.«

Der Besitzer des Taxis half Jason, den Killer auf den Rücksitz zu legen, ohne dabei den Blick von den großen Scheinen zu wenden, die Borowski in der Hand hielt; er hielt den Mann fest, als Delta dem Gefangenen die Nylonschnüre um Knöchel, Knie und Ellbogen schlang und ihn erneut mit den Stoffetzen knebelte, die er aus dem Kopfkissenbezug gerissen hatte, und ihm die Augen verband. Da er nicht verstand, was chinesisch geschrien wurde, konnte der Gefangene nur passiven Widerstand leisten. Es war nicht nur der Schmerz, den ihm die gefesselten Handgelenke bereiteten, es war noch etwas, was ihm klar wurde, wenn er den Mann anstarrte, in dessen Gewalt er sich befand. An Jason Borowski hatte sich eine Veränderung vollzogen; er war in eine andere Welt gegangen, eine viel dunklere Welt. In seinen Augen stand der Tod.

Als sie durch den überfüllten Tunnel von Kowloon zur Insel Hongkong hinüberfuhren, bereitete Delta sich auf den Angriff vor, machte sich ein Bild von den Hindernissen, die ihm im Wege stehen würden, und überlegte sich die Gegenmaßnahmen, die er ergreifen würde. Er bereitete sich auf das Schlimmste vor.

Er hatte in den Dschungeln von Tarn Quan dasselbe getan. Da war nichts, was er nicht in Betracht gezogen hatte, und er hatte sie alle herausgebracht - alle, bis auf einen. Ein Stück Dreck, einen Mann, der keine Seele hatte, nur Gier nach Gold. Einen Verräter, der das Leben seiner Kameraden für einen kleinen Vorteil verkaufte. Dort hatte alles angefangen. Im Dschungel von Tarn Quan. Delta hatte das Stück Dreck hingerichtet, hatte ihm eine Kugel in den Kopf gejagt, während dieses Stück Dreck über Funk dem Vietcong ihre Position durchgab. Das Stück Dreck war ein Mann von Medusa, der Jason Borowski hieß und den er im Dschungel von Tarn Quan liegenließ, damit er dort verfaulte. Das war der Anfang des Wahnsinns gewesen. Und doch hatte Delta sie alle herausgebracht, darunter auch einen Bruder, an den er sich nicht erinnern konnte. Durch zweihundert Meilen feindliches Territorium hatte er sie gebracht, weil er das Wahrscheinliche bedacht und sich das Unwahrscheinliche vorgestellt hatte -wobei letzteres für ihr Entkommen viel wichtiger war, weil sein Verstand auf das Unerwartete vorbereitet war. Jetzt war es dasselbe. Es gab nichts, was ein abgeschottetes Haus am Victoria Peak gegen ihn ins Feld führen konnte, dem er nicht gewachsen war, das er nicht überwinden konnte. Der Tod würde dem Tod antworten.