Er sah die hohen Mauern um das Grundstück und fuhr einfach weiter, ganz langsam, wie ein Gast oder ein Tourist das tun würde, der sich auf der Straße nicht auskannte. Er entdeckte das Glas der versteckten Scheinwerfer und registrierte den Stacheldraht auf der Mauer. Auch die zwei Wachposten hinter dem mächtigen Tor nahm er zur Kenntnis. Sie hielten sich im Schatten auf, aber das Tuch ihrer Uniformjacken - Uniformen der Ledernacken - reflektierte das wenige Licht; ein Fehler, das Tuch hätte geschwärzt werden müssen, oder man hätte sie weniger militärisch einkleiden müssen. Für ein geübtes Auge war das abgeschottete Haus nicht zu verkennen. Für den
Ungeübten war es ganz eindeutig die Residenz eines wichtigen Diplomaten, eines Botschafters vielleicht, der wegen der gefährlichen Zeiten schutzbedürftig war. Der Terrorismus herrschte überall; man mußte sich vor Geiselnahmen schützen, sich verteidigen. Bei Sonnenuntergang wurden Cocktails serviert, zum leisen Gelächter der Elite, die die Regierungen beeinflußte, aber draußen waren die Gewehre bereit, wurden gespannt, wenn die Dunkelheit sich senkte, waren schußbereit. Delta begriff. Deshalb hatte er seinen vollen Beutel dabei.
Er lenkte den zerbeulten Wagen an den Straßenrand. Es war nicht nötig, ihn hier zu tarnen; er würde nicht zurückkommen. Es war ihm gleichgültig. Er hatte Marie verloren; alles war aus. Welche Leben er auch immer geführt hatte, sie waren zu Ende. David Webb. Delta. Jason Borowski. Sie waren die Vergangenheit. Er wollte nur Frieden. Der Schmerz war unerträglich geworden. Frieden. Aber zuerst mußte er töten. Seine Feinde, Maries Feinde. All den Feinden der Männer und Frauen überall auf der Welt, die von den namenlosen, gesichtslosen Manipulatoren getrieben wurden, würde eine Lektion erteilt werden. Natürlich nur eine kleine, belanglose Lektion, denn nachher würden die Experten geschönte Erklärungen liefern, die durch gestelzte Wortwahl und Halbwahrheiten plausibel gemacht wurden. Lügen.
Verdrängt die Zweifel, schaltet die Fragen aus, regt euch genauso auf wie die Bevölkerung und marschiert zum Trommelklang des Konsens. Das Ziel ist die Hauptsache, und die belanglosen Spieler sind nichts als notwendige Größen in den tödlichen Gleichungen. Benutzt sie, saugt sie aus, bringt sie um, wenn es sein muß, aber sorgt dafür, daß die Arbeit getan wird, weil wir das sagen. Wir sehen Dinge, die andere nicht sehen können. Stellt uns keine Fragen. Ihr habt keinen Zugang zu unserem Wissen.
Jason stieg aus dem Wagen, öffnete die Hintertür und durchschnitt mit seinem Messer die Fesseln an den Knöcheln und den Knien des Killers. Dann nahm er ihm die Augenbinde ab, ließ den Knebel aber, wo er war. Er packte seinen Gefangenen an der Schulter und Der Schlag war lähmend! Der Killer fuhr herum, schmetterte Borowski das rechte Knie in die linke Niere und ließ die ineinander verschlungenen, gefesselten Hände gegen Jasons Kehle krachen, während Delta sich zusammenkrümmte. Ein zweites Mal traf Borowski sein Knie in die Rippen; er fiel zu Boden, während der Killer auf die Straße hinausrannte. Nein. Das darf nicht geschehen! Ich brauche seine Pistole, seine Treffsicherheit. Das gehört zur Strategie!
Delta richtete sich auf, obwohl der Schmerz in der Brust und in der Nierengegend ihn zu sprengen drohte, und stürzte hinter der rennenden Gestalt her. In wenigen Sekunden würde die Dunkelheit den Killer umhüllen! Der Mann von Medusa rannte schneller, hatte den Schmerz vergessen, konzentrierte sich mit dem Teil seines Bewußtseins, der noch funktionierte, ganz auf die rennende Gestalt vor ihm. Schneller, schneller! Plötzlich kamen unten vom Hügel Scheinwerferbündel heraufgeschossen, erfaßten den laufenden Mann. Der Killer warf sich zur Seite, um dem Licht auszuweichen. Borowski blieb bis zum letzten Augenblick auf der rechten Seite des Asphalts, er wußte, daß er wertvolle Meter gewann, während der Wagen vorbeiraste. Jetzt stolperte der Killer auf dem weichen Straßenrand, er konnte die Arme nicht gebrauchen; schnell, unsicher, kroch er auf den Asphalt zurück, richtete sich auf und begann wieder zu laufen. Doch es war zu spät. Delta warf sich auf seinen Gefangenen, trieb ihm die Schulter in den Rücken; beide Männer gingen zu Boden. Das kehlige Brüllen, das der Killer ausstieß, war wie der Schrei eines wütenden Tieres. Jason drehte seinen Gefangenen um und trieb ihm brutal das Knie in den Leib.
»Hör mir zu, du Abschaum!« sagte er atemlos, und der Schweiß rann ihm über das Gesicht. »Ob Sie sterben oder nicht, ist mir gleichgültig. In ein paar Minuten interessieren Sie mich nicht mehr. Aber bis dahin sind Sie Teil des Planes, meines
Planes! Und ob Sie dann sterben oder nicht, wird von Ihnen abhängen, nicht von mir. Ich gebe Ihnen eine Chance, und das ist mehr, als Sie je für eines Ihrer Opfer getan haben. Und jetzt stehen Sie auf! Tun Sie, was ich Ihnen sage, oder ich puste Ihnen Ihre Chance mit Ihrem Schädel weg - und das ist genau das, was ich denen versprochen habe.«
Sie hatten inzwischen den Wagen wieder erreicht und blieben stehen. Delta hob seinen Beutel auf, entnahm ihm die Pistole, die er aus Beijing mitgebracht hatte, und zeigte sie dem Killer. »Auf dem Flughafen in Jinan haben Sie mich um eine Waffe angebettelt, erinnern Sie sich?« Der Killer nickte; seine Augen waren geweitet, sein Mund von dem Knebel auseinandergezerrt. »Sie gehört Ihnen«, fuhr Jason Borowski mit ausdrucksloser Stimme fort. »Sobald wir über der Mauer dort vorn sind - Sie vor mir -, gebe ich sie Ihnen.« Der Killer runzelte die Stirn, seine Augen verengten sich. »Das habe ich vergessen«, sagte Delta. »Sie konnten es ja nicht sehen. Dort vorn, vielleicht fünfhundert Fuß die Straße hinauf, ist ein abgeschottetes Haus. Wir gehen hinein. Ich bleibe dort und erledige jeden, den ich erledigen kann. Sie? Sie haben neun Schuß, und ich gebe Ihnen noch einen Bonus dazu.« Delta nahm ein Paket Plastiksprengstoff aus Mongkok aus seinem Beutel und zeigte es seinem Gefangenen. »So wie ich die Lage einschätze, schaffen Sie es unmöglich zurück über die Mauer; die würden Sie umlegen. Also ist Ihr einziger Fluchtweg durch das Tor; das liegt irgendwo schräg rechts von Ihnen. Um dorthin zu kommen, müssen Sie sich den Weg freischießen. Der Zünder an der Bombe läßt sich auf zehn Sekunden einstellen. Sie können es machen, wie Sie wollen, mir ist es egal. Kapiert?«
Der Killer hob die gefesselten Hände und deutete auf den Knebel. Die Laute, die aus seiner Kehle drangen, ließen erkennen, daß Jason seine Arme befreien und den Knebel entfernen sollte.
»An der Mauer«, sagte Delta. »Wenn ich fertig bin, schneide ich Ihnen die Fesseln durch. Aber wenn Sie versuchen, den Knebel herauszunehmen, ehe ich es Ihnen sage, ist Ihre Chance dahin.« Der Killer starrte ihn an und nickte.
Jason Borowski und sein Gefangener gingen die Straße am Victoria Peak hinauf auf das abgeschottete Haus zu.
Conklin hinkte die Krankenhaustreppe hinunter, so schnell er das konnte, hielt sich an dem Geländer in der Mitte fest und sah sich verzweifelt nach einem Taxi in der Zufahrt um. Doch da war keines; nur eine Schwester war zu sehen, die allein dastand und im Schein der Außenbeleuchtung die South China Times las. Sie blickte immer wieder auf und sah zum Eingang des Parkplatzes hinüber.