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»Und?« sagte Marie, vom abrupten Schweigen ihres Mannes beunruhigt.

»Meine sogenannten Leibwächter lachten und taten, als ginge sie das Ganze nichts an, und die zwei vorne hatte einen Riesen spaß an der ganzen Sache.«

»Und das hat dich beunruhigt?«

»Ganz instinktiv. Ich war ein ungeschütztes Zielobjekt, mitten in einer aufgeputschten Menge. Meine Nerven sagten mir das; mein Verstand brauchte das gar nicht.«

»Wer redet denn jetzt?«

»Das weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, daß in diesen paar Augenblicken für mich nichts einen Sinn ergab. Und dann, nur Sekunden später, kam der Mann von links hinter mir und sagte, als wolle er die Gedanken lesen, die ich gar nicht hatte, sagte so etwas wie >Ist das nicht großartig - oder herrlich -, daß junge Leute sich so begeistern können? Man fühlt sich dabei richtig wohl, oder?< ... Ich murmelte irgend etwas, und dann sagte er -und diesmal sind es genau seine Worte - >Und wie steht's mit Ihnen, Professor? Fühlen Sie sich jetzt wohler, wo wir hier sind, und so?<« David blickte auf und sah seine Frau an. »Ob ich mich wohler fühlte ... und jetzt? Ich.«

»Er kannte doch ihren Job«, unterbrach ihn Marie. »Sie sollen dich schützen. Er wollte bestimmt bloß fragen, ob du dich sicherer fühlst.«

»Wirklich? Meinen sie das? Diese schreienden Jugendlichen, die schwache Beleuchtung, die vorbeihuschenden Schemen, die Gesichter, die man nicht erkennen kann ... und er macht mit und lacht, alle lachen sie. Sind sie wirklich hier, um mich zu schützen?«

»Was denn sonst?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich einfach Erfahrungen gemacht, die ihnen abgehen. Vielleicht denke ich einfach zuviel. Ich denke über McAllister nach und seine Augen. Wenn man von seinem gelegentlichen Blinzeln absieht, waren das die

Augen eines toten Fisches. Man konnte alles in sie hineinlesen, was man wollte - je nachdem, wie einem zumute ist.«

»Was er dir erzählt hat, war ein Schock für dich«, sagte Marie, die jetzt mit verschränkten Armen am Ausguß lehnte und ihren Mann musterte. »Das muß schrecklich für dich gewesen sein. Für mich jedenfalls war es das.«

»Wahrscheinlich«, nickte Webb. »Eigentlich ist es seltsam, aber wie es so viele Dinge gibt, an die ich mich erinnern möchte, gibt es auch eine ganze Menge, die ich gern vergessen möchte.«

»Warum rufst du McAllister nicht an und sagst ihm, was du empfindest, was du denkst? Du hast seine Durchwahl im Büro und auch seine Nummer zu Hause. Mo Panov würde sagen, daß du das tun sollst.«

»Ja, das würde Mo.« David stocherte in seinem Ei herum. >»Wenn es eine Möglichkeit gibt, eine ganz bestimmte Angst loszuwerden, dann sollten Sie das so schnell Sie können tun.< Das würde er sagen.«

»Dann tu es.«

Webb lächelte, und sein Lächeln wirkte ebenso begeistert wie die Art, sein Ei zu essen. »Vielleicht tue ich es, vielleicht auch nicht. Ich würde eigentlich lieber eine latente oder passive oder wiederkehrende Paranoia oder wie zum Teufel sie das nennen würden nicht gerade ankündigen. Mo würde sofort herfliegen und mir das Gehirn durchkneten.«

»Wenn er das nicht tut, könnte ich das ja.«

»Ni shi nühaizi«, sagte David und tupfte sich mit der Papierserviette den Mund ab, während er aufstand und auf sie zuging.

»Und was heißt das, mein unergründlicher Ehemann und Liebhaber Nummer siebenundachtzig?«

»Launische Göttin. Das soll heißen, daß du ein kleines Mädchen bist - und zwar gar nicht so klein -, und daß ich dich immer noch in drei von fünf Fällen im Bett schaffe, wo man eine ganze Menge anderer Dinge tun kann, nicht nur dich verprügeln.«

»Und das alles in einem so kurzen Satz?«

»Die Chinesen vergeuden keine Worte. Sie malen Bilder ... Ich muß jetzt gehen. Die Vorlesung heute morgen befaßt sich mit Rama II. von Siam und den Ansprüchen, die er Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf die Malaienstaaten erhoben hat. Stinklangweilig, aber wichtig. Und was noch schlimmer ist, wir haben einen Austauschstudenten aus Moulmein in Burma, der, wie ich glaube, mehr über dieses Thema weiß als ich.«

»Siam?« fragte Marie und umarmte ihn. »Das ist Thailand.«

»Ja, heute ist das Thailand.«

»Deine Frau, deine Kinder? Tut es weh, David?«

Er sah sie an und erkannte wieder einmal, wie sehr er diese Frau liebte. »So weh kann es mir gar nicht tun, wo ich es doch nicht klar sehen kann. Manchmal hoffe ich, daß ich mich nie mehr daran erinnere.«

»Ich denke da anders. Ich möchte, daß du sie siehst, sie hörst und sie fühlst. Und ich weiß, daß ich sie auch liebe.«

»O Gott!« Er hielt sie in den Armen, und die Wärme ihrer beiden Körper gehörte nur ihnen allein.

Die Leitung war schon zum zweitenmal besetzt, und Webb legte den Hörer auf und wandte sich wieder W. F. Verllas Siam unter Rama III. zu, um nachzusehen, ob der burmesische Austauschstudent mit dem, was er über Ramas II. Konflikt mit dem Sultan von Kedah über die Insel Penang sagte, recht gehabt hatte. Eine Auseinandersetzung in den erhabenen Gefilden der Wissenschaft; an die Stelle der Pagoden von Moulmein, über die Kipling geschrieben hatte, war ein neunmalkluger

Austauschstudent getreten, der ohne jeden Respekt für Ältere und Erfahrenere war. Kipling hätte etwas dagegen unternommen.

Es klopfte, und dann öffnete sich die Tür, ehe David »Herein« sagen konnte. Es war der Leibwächter, der am Nachmittag auf dem Sportplatz mit ihm gesprochen hatte - inmitten der Menschenmenge, des Lärms und seiner Ängste.

»Herr Professor?«

»Sie sind Jim, nicht wahr?«

»Nein, ich bin Johnny. Aber das macht nichts. Kein Mensch erwartet von Ihnen, daß Sie sich unsere Namen merken.«

»Ist etwas?«

»Ganz im Gegenteil, Sir. Ich bin nur vorbeigekommen, um mich zu verabschieden - für uns alle, die ganze Gruppe. Die Luft ist sauber, und Sie sind wieder auf Normalstatus zurückgestuft. Befehl, nach B-l-L zurückzukehren.«

»Nach was?«

»Klingt albern, wie? Statt zu sagen >Kommen Sie zurück ins Hauptquartier< nennen sie es B-l-L, als ob sich das keiner zusammenreimen könnte.«

»Ich kann es nicht.«

»Basis - Eins - Langley. Wir sind vom CIA, alle sechs, aber ich nehme an, das wissen Sie.«

»Sie gehen? Sie alle?«

»Ja, allerdings.«

»Aber ... ich dachte, wir hätten hier eine Krise.«

»Die Luft ist sauber.«

»Mir hat keiner was gesagt. McAllister hat mir nichts gesagt.«

»Tut mir leid, den kenn' ich nicht. Wir haben einfach unsere Befehle.«

»Sie können doch nicht einfach hier hereinkommen und sagen, daß Sie weggehen, ohne irgendeine Erklärung! Man hat mir gesagt, ich stehe auf der Abschußliste. Ein Mann in Hongkong will mich töten!«

»Nun, ich weiß nicht, ob man Ihnen das so gesagt hat oder ob Sie sich das selbst eingeredet haben, ich weiß nur, daß wir ein Problem der Priorität A in Newport News haben. Wir brauchen noch unsere Einweisung und müssen uns dann dieser Sache annehmen.«

»Priorität A ...? Und was ist mit mir?«

»Sie sollten sich gründlich ausruhen, Herr Professor. Man hat uns gesagt, daß Sie das brauchen.« Der Mann von der CIA drehte sich ruckartig um, ging zur Tür hinaus und schloß sie hinter sich.

Nun, ich weiß nicht, ob man Ihnen das so gesagt hat oder ob Sie es sich selbst eingeredet haben ... Wie steht's mit Ihnen, Herr Professor? Fühlen Sie sich jetzt besser, wo wir hier sind, und so?

Parade? ... Scharade! Wo war McAllisters Nummer? Wo hatte er sie hingetan? Herrgott noch mal, er hatte sie zweimal, einmal zu Hause und einmal in seiner Schreibtischschublade -nein, in der Brieftasche! Er fand sie, und sein ganzer Körper zitterte vor Furcht und Zorn, als er wählte.