»Die Pistole! Lassen Sie los!«
Und Jason Borowski erstarrte. Er konnte sich nicht bewegen -nur daß irgendein Instinkt ihn dazu veranlaßte, dem Killer das Knie gegen den Hals zu schmettern, so daß der erneut zu Boden fiel. Ein Mann war hinter den zersplitterten Glastüren zur brennenden Diele aufgetaucht. Sein Gesicht war von einem Taschentuch bedeckt, aber man konnte deutlich sehen, daß er hinkte. Er hinkte! Mit ihrem Klumpfuß trat die schemenhaft erkennbare Gestalt den Rahmen der Verandatüren zur Seite und ging schwerfällig die drei Stufen zu dem kleinen, mit Steinplatten belegten Vorhof hinunter, an den sich einmal ein eleganter Park angeschlossen hatte. Er quälte sich vor und schrie, so laut er konnte, befahl den Wachen, die ihn hören konnten, das Feuer einzustellen. Die Gestalt brauchte das Taschentuch nicht wegzunehmen, Delta kannte das Gesicht. Es war das Gesicht seines Feindes. Er war in Paris, auf einem Friedhof außerhalb von Paris. Alexander Conklin war gekommen, um ihn zu töten. Er stand auf der Abschußliste.
»David! Ich bin's, Alex. Tu es nicht! Hör auf! Ich bin es, David! Ich bin hier, um dir zu helfen!«
»Du bist hier, um mich zu töten! Du bist nach Paris gekommen, um mich zu töten, und in New York hast du es wieder versucht! Treadstone einundsiebzig! Du hast ein kurzes Gedächtnis, du Schwein!«
»Und du hast gar kein Gedächtnis, verdammt! Du bist Delta geworden, das wollten die! Ich kenne die ganze Geschichte, David. Ich bin hierher geflogen, weil wir alles durchschaut haben! Marie, Mo Panov und ich! Wir sind alle hier. Marie ist in Sicherheit!«
»Lügen! Tricks! Ihr alle, ihr habt sie umgebracht. Ihr hättet sie in Paris auch umgebracht, aber da habe ich euch nicht an sie herangelassen! Ich habe sie von euch ferngehalten!«
»Sie ist nicht tot, David! Sie lebt! Ich kann sie zu dir bringen! Jetzt gleich!«
»Noch mehr Lügen!« Delta duckte sich und betätigte den Abzug, gab einen Feuerstoß aif den Vorhof ab, so daß die Kugeln in die brennende Diele hineinspritzten, aber aus Gründen, die er nicht begriff, mähten sie den Mann vor ihm nicht nieder. »Du willst mich aufhalten, damit du den Befehl erteilen kannst und ich tot bin. Klappt nicht, Vollzugsbeamter! Ich gehe jetzt hinein! Ich will die stummen Männer, die sich hinter dir verstecken! Sie sind da! Ich weiß, daß sie da sind!« Borowski packte den gestürzten Killer und zog ihn in die Höhe, reichte ihm die Pistole. »Du wolltest einen Jason Borowski, er gehört dir! Ich lasse ihn jetzt zwischen den Rosen los. Bring ihn um, während ich dich umbringe!«
Halb von Sinnen, halb zum Überleben entschlossen, warf sich der Killer nach vorne, auf die Büsche zu, weg von Borowski. Er rannte zuerst den Weg hinunter, machte aber sofort kehrt, als er sah, daß im Nord- und Südbereich der Mauer Ledernacken Stellung bezogen hatten. Wenn er sich an der Ostseite des Gartens blicken ließ, stand er zwischen zwei Feuern. Eine Bewegung, und er war ein toter Mann.
»Ich habe keine Zeit mehr, Conklin!« brüllte Borowski. Warum war er nicht imstande, den Mann zu töten, der ihn verraten hatte? Drück doch ab! Töte den letzten von Treadstone einundsiebzig. Töte, töte! Was hielt ihn ab?
Der Killer warf sich über das Blumenbeet, packte den warmen Lauf von Borowskis Maschinenpistole, riß die Waffe nach unten und richtete gleichzeitig die eigene Waffe auf Jason und feuerte. Die Kugel streifte Borowskis Stirn, und er riß wütend den Abzug der Maschinenpistole durch. Kugeln donnerten in die Erde, ließen den Boden erzittern. Er packte die Pistole des Engländers, drehte sie herum. Der verletzte rechte Arm des Killers war dem Mann von Medusa nicht gewachsen. Die Waffe entlud sich, während Borowski sie dem anderen wegriß. Der Brite fiel ins Gras, wissend, daß er verloren hatte.
»David! Um Himmels willen, hör mir zu! Du mußt -«
»Hier gibt es keinen David!« schrie Jason und rammte dem Killer das Knie in die Brust. »Mein rechtmäßiger Name ist Borowski, gezeugt von Delta und Medusa! Das Schlangenweib! Erinnerst du dich?«
»Wir müssen reden!«
»Wir müssen sterben! Du mußt sterben! Die Männer da drinnen sind mein Kontrakt mit mir selbst, mit Marie! Sie müssen sterben!«
Borowski packte den Killer am Revers und zog ihn in die Höhe. »Ich wiederhole, er ist euer Jason Borowski! Er gehört dir!«
»Nicht schießen! Bitte!« brüllte Conklin, während die verwirrten Überreste der drei Trupps von Ledernacken langsam näherrückten und die Fahrzeuge der Polizei von Hongkong mit schrillenden Sirenen an dem demolierten Tor anhielten.
Der Mann von Medusa rammte dem Killer die Schulter in den Rücken, stieß ihn in den Schein der lodernden Flammen und der Scheinwerfer. »Da ist er! Ihn habt ihr gewollt!«
Ein Feuerstoß peitschte, als der Killer davontaumelte, sich sofort zu Boden warf und sich wegwälzte, um den Kugeln zu entgehen.
»Aufhören! Nicht er! Um Himmels willen, nicht schießen. Ihr dürft ihn nicht töten!«
»Nicht ihn?« brüllte Jason Borowski. »Nicht ihn? Nur mich! Stimmt das etwa nicht, du Scheißkerl? Und jetzt wirst du sterben! Für Marie, für Echo, für uns alle!«
Er drückte den Abzug der Maschinenpistole durch, aber die Kugeln wollten immer noch nicht ihr Ziel treffen! Er wirbelte herum, richtete die tödliche Waffe auf die zwei näherrückenden Trupps von Ledernacken. Wieder gab er ein paar Feuerstöße ab, kauerte sich nieder, duckte sich, suchte hinter den Rosen Deckung. Und doch hatte er den Lauf der Waffe über ihre Köpfe gerichtet! Warum? Diese Kinder konnten ihn nicht aufhalten. Aber diese Kinder in ihren gebügelten Gl-Uniformen sollten auch nicht für die Drahtzieher sterben. Er mußte in das Haus. Jetzt! Er durfte keinen Augenblick mehr vergeuden. Jetzt mußte er hinein.
»David!« Eine Frauenstimme. O Gott, eine Frauenstimme! »David, David, David!« Eine Gestalt in weitem Rock kam aus dem Haus gerannt. Sie packte Alexander Conklin und stieß ihn weg. Jetzt stand sie allein im Hof. »Ich bin es, David! Ich bin hier! Ich bin in Sicherheit! Alles ist gut, mein Liebster!«
Wieder ein Trick, wieder eine Lüge. Es war eine alte Frau mit grauem Haar, mit weißem Haar! »Gehen Sie mir aus dem Weg, Lady, sonst muß ich Sie töten. Sie sind wieder nur eine Lüge, ein Trick!«
»David, ich bin es! Kannst du mich nicht hören -«
»Sehen kann ich Sie! Ein Trick!«
»Nein, David!«
»Ich heiße nicht David. Ich habe Ihrem Freund schon gesagt, daß es hier keinen David gibt!«
»Nicht!« schrie Marie, schüttelte verzweifelt den Kopf und rannte vor ein paar Ledernacken weg, die jetzt aus dem Gras gekrochen waren, weg von den wirbelnden, sich langsam verziehenden Gaswolken. Sie waren auf den Knien, konnten Borowski deutlich sehen und begannen, ihre Karabiner auf ihn zu richten. Marie stellte sich zwischen die sich langsam erholenden Wachen und ihr Ziel. »Habt ihr ihm noch nicht genug angetan? Um Himmels willen, kann denn keiner die aufhalten?«