»Damit so ein Schweinehund von einem Terroristen uns in die Luft jagt?« schrie eine jugendliche Stimme von der vorderen Mauer.
»Er ist nicht das, was Sie denken! Was auch immer er ist - die Leute dort drinnen haben ihn dazu gemach!. Sie haben ihn doch gehört. Er wird nicht auf Sie feuern, wenn Sie nicht schießen!«
»Er hat bereits gefeuert!« brüllte ein Offizier.
»Sie stehen aber doch noch!« brüllte Alex Conklin vom Rand des Innenhofs zurück. »Und der ist ein besserer Schütze, und zwar mit mehr Waffen als irgendeiner hier! Das sollten Sie überlegen!«
»Ich brauche dich nicht«, donnerte Jason Borowski und gab wieder einen Feuerstoß auf die brennende Wand des Hauses ab.
Plötzlich war der Killer aufgesprungen, duckte sich kurz und warf sich auf den Ledernacken in seiner Nähe, einen jungen Mann ohne Mütze, der immer noch hustete. Der Killer packte seinen Karabiner, trat ihm gegen den Schädel und feuerte die Waffe auf den ihm am nächsten stehenden Ledernacken ab, worauf der zurücktaumelte und sich den Leib hielt. Der Killer fuhr herum; er entdeckte einen Offizier mit einer Maschinenpistole, ähnlich der, die Borowski in der Hand hielt; er schoß ihm ins Genick und entriß dem Stürzenden die Waffe.
Er brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um seine Chancen abzuwägen. Dann riß er die Maschinenpistole unter dem linken Arm hoch. Delta sah zu und wußte instinktiv, was der Killer tun würde, wußte zugleich, daß jetzt sein Ablenkungsmanöver anlaufen würde.
Und der Killer handelte wie erwartet. Er feuerte wieder, gab einen Schuß nach dem anderen auf die Reihen der jungen, unerfahrenen Ledernacken an der vorderen Mauer ab, raste im Zickzack über den kurzen Rasenstreifen auf die schulterhohen Blumenrabatten auf Borowskis linker Seite zu. Das war sein einziger Fluchtweg, die am wenigsten beleuchtete eingestürzte rechte Mauer.
»Haltet ihn auf!« schrie Conklin und hinkte schnell über die Platten des Innenhofs. »Aber nicht schießen! Ihr dürft ihn nicht töten! Um Himmels willen, nicht töten!«
»Blödsinn!« rief einer der Ledernacken von der linken Mauer. Der Killer hetzte geduckt und im Zickzack, die Waffe auf Repetierfeuer geschaltet, auf die zerbrochene Mauer zu, hielt die Ledernacken mit schnellen Feuerstößen in Schach. Jetzt war der Ladestreifen seines Karabiners leergeschossen; er warf die Waffe weg, riß die mörderische Maschinenpistole hoch und setzte zur letzten Etappe seines Rennens auf die Mauer zu an, feuerte unablässig auf die Ledernacken, die sich zu Boden geworfen hatten. Jetzt war er angelangt! Die Dunkelheit dahinter war sein Fluchtweg!
»Du beschissenes Arschloch!« Das war der Schrei eines Teenagers, eine noch brüchige Stimme, gequält, aber nichtsdestoweniger tödlich. »Du hast meinen Kumpel umgebracht! Und jetzt mußt du dran glauben, du Scheißer!«
Ein junger schwarzer Ledernacken sprang auf, von seinem toten weißen Kameraden weg, und feuerte vier Schüsse ab.
Ein qualvoll langgezogener, hysterischer Schrei ertönte, ein Schrei, in dem sich Hohn und Herausforderung mischten. Es war der Schrei des Todes; der Killer, die Augen vor Haß geweitet, fiel zu Boden. Major Alcott-Price war tot.
Borowski setzte sich in Bewegung, die Waffe erhoben. Marie rannte an den Rand des Plattenbelags, war jetzt nur noch ein oder zwei Meter von ihm entfernt. »Tu es nicht, David!«
»Ich bin nicht David, Lady. Fragen Sie doch Ihren Freund hier, das Dreckstück, wir kennen uns schon lange. Aus dem Weg!« Warum konnte er sie nicht töten? Ein Schuß, und er war frei, würde das tun können, was er tun mußte! Warum?
»Also gut!« schrie Marie, ohne von der Stelle zu weichen. »Es gibt also keinen David, okay? Du bist Jason Borowski. Du bist Delta! Du bist alles, was du sein willst, aber du gehörst auch mir! Du bist mein Mann!« Auf die Wachen, die das hörten, wirkte das wie ein Blitzschlag. Die Offiziere hoben die Hände -der in der ganzen Welt gültige Befehl, das Feuer einzustellen -, und sie und ihre Männer starrten erstaunt auf die Szene, die sich ihnen darbot.
»Ich kenne Sie nicht!«
»Das ist meine Stimme. Du kennst sie, Jason.«
»Ein Trick! Eine Schauspielerin! Eine Lüge! Das wäre nicht das erstemal.«
»Und wenn ich anders aussehe, dann deinetwegen, Jason Borowski!«
»Gehen Sie mir aus dem Weg, sonst sind Sie tot!«
»Du hast mir das in Paris beigebracht! An der Rue de Rivoli, das Hotel Meurice, der Zeitungsstand an der Ecke. Kannst du dich nicht erinnern? Die Zeitungen mit der Geschichte aus Zürich, mein Foto auf allen Titelblättern! Und das kleine Hotel am Montparnasse, der Portier, der die Zeitung las und mein Bild sah! Du hattest solche Angst, daß du zu mir gesagt hast, ich soll hinausrennen ... Das Taxi! Erinnerst du dich an das Taxi? Auf dem Weg nach Issy-les-Moulineaux - den Namen werde ich nie vergessen. >Du mußt dein Haar verändernc, hast du gesagt. >Kämm es nach oben oder nach hinten!< Du hast gesagt, es sei dir egal, was ich tun würde, solange ich es nur veränderte! Du hast mich gefragt, ob ich einen Augenbrauenstift hätte - du hast mir gesagt, ich solle meine Brauen dicker machen, länger! Deine Worte, Jason! Wir rannten um unser Leben, und du wolltest, daß ich anders aussah, ich sollte jede Ähnlichkeit mit dem Foto vertuschen, dem Foto, das in ganz Europa verbreitet wurde! Ich mußte zu einem Chamäleon werden, weil Jason Borowski ein Chamäleon war. Er mußte es der Frau beibringen, die er liebte, seiner Frau! Das ist alles, was ich getan habe, Jason!«
»Nein!« schrie Delta und zog das Wort zu einem Schrei in die Länge, und die Nebel der Verwirrung hüllten ihn ein, trieben ihn an den Rand der Panik. Da waren die Bilder! Rue de Rivoli, der Montparnasse, das Taxi. Hör mir zu. Ich bin ein Chamäleon, das man Kain nennt, und ich kann dich viele Dinge lehren, die ich dich nicht lehren möchte, aber das muß ich. Ich kann meine Farbe verändern und mich dem Wald anpassen, ich kann mich mit dem Wind bewegen, indem ich ihn wittere. Ich kann mich in Dschungeln zurechtfinden, natürlichen Dschungeln und solchen, die Menschen gemacht haben. Alpha, Bravo, Charlie, Delta ... Delta ist für Charlie und Charlie ist für Kain. Ich bin Kain. Ich bin der Tod. Und ich muß, dir sagen, wer ich bin, und dich verlieren.
»Also erinnerst du dich!« schrie David Webbs Frau.
»Ein Trick! Die Drogen - ich habe die Worte gesagt. Die haben Ihnen die Worte beigebracht! Sie sollen mich aufhalten!«
»Gar nichts haben sie mir beigebracht! Ich will nichts von denen. Ich will nur meinen Mann! Ich bin Marie!«
»Eine Lüge sind Sie! Die haben sie getötet!« Delta betätigte den Abzug, und der Feuerstoß ließ die Erde um Maries Füße aufspritzen. Schnell hoben sich Karabiner in Feuerstellung.
»Nicht!« schrie Marie und riß den Kopf in die Höhe, sah die Ledernacken mit funkelnden Augen an, und ihre Stimme war ein Befehl. »Also gut, Jason, wenn du mich nicht erkennst, dann will ich nicht leben. Deutlicher kann ich es nicht sagen, mein Liebster. Deshalb verstehe ich auch, was du tust. Du wirfst dein Leben weg, weil ein Teil von dir, der dich jetzt ganz beherrscht, denkt, es gäbe mich nicht mehr, und du nicht ohne mich leben willst. Ich kann das sehr gut verstehen, weil ich auch nicht ohne dich leben will.« Marie ging ein paar Schritte über das Gras und blieb reglos stehen.