Delta hob die Maschinenpistole, und das Korn auf dem Lauf richtete sich auf das graue Haar mit den weißen Strähnen. Sein Zeigefinger schloß sich um den Abzug. Und dann begann plötzlich, ohne daß er das wollte, seine rechte Hand zu zittern, und dann die linke. Die mörderische Waffe begann zu zucken, zuerst langsam, dann schneller, und Borowskis Kopf schwankte krampfartig; das Zittern breitete sich aus.
In der Menge, die sich um die rauchenden Überreste des Tors und des Wachhäuschens gebildet hatte, begann sich etwas zu bewegen. Ein Mann versuchte, sich Zutritt zu verschaffen; zwei Ledernacken hielten ihn fest. »Laßt mich durch, ihr gottverdammten Idioten! Ich bin Arzt, sein Arzt!« Mit fast übermenschlicher Gewalt riß Morris Panov sich los und rannte quer über den Rasen in das grelle Licht der Scheinwerfer. Sechs Meter vor Borowski blieb er stehen. Delta begann zu stöhnen; das Geräusch und der Rhythmus waren barbarisch. Jason Borowski ließ die Waffe fallen ... und David Webb fiel auf die Knie, weinte. Marie eilte auf ihn zu.
»Nicht!« befahl Panov mit leiser Stimme und doch eindringlich, brachte Webbs Frau zum Stehen. »Er muß zu Ihnen kommen. Er muß.«
»Er braucht mich!«
»Aber nicht auf die Weise. Er muß Sie erkennen. David muß Sie erkennen und seinem anderen Ich befehlen, ihn freizulassen. Das können Sie nicht für ihn tun. Er muß es für sich selbst tun.«
Stille. Scheinwerfer. Feuer.
Und wie ein verängstigtes, geschlagenes Kind hob David Webb den Kopf, und die Tränen strömten ihm über die Wangen. Langsam, unter Schmerzen, richtete er sich auf und lief in die Arme seiner Frau.
Kapitel 33
Sie waren jetzt in dem abgeschotteten Haus, in dem Kommunikationszentrum mit den weißen Wänden - in einer antiseptischen Zelle, die zu einem futuristischen Laborkomplex gepaßt hätte. Weißgesichtige Computer ragten über den weißen Theken zur Linken auf, Dutzende schmaler, dunkler, rechteckiger Münder mit Digitalanzeigen als Zähnen und ausdruckslosen Gesichtern, auf denen grüne Zahlen auf und ab tanzten. Zur Rechten stand ein weißer Konferenztisch auf dem weiß gekachelten Boden, und die einzige Abweichung vom antiseptischen Weiß waren ein paar schwarze Aschenbecher. Die Spieler hatten rings um den Tisch Platz genommen. Man hatte die Techniker weggeschickt, alle Systeme in Wartestellung versetzt, nur der Red-Alert für Notfälle, eine acht mal zwanzig Zentimeter große Tafel auf dem Computer in der Mitte, blieb aktiv; vor der verschlossenen Tür wartete ein Operator für den Fall, daß die beunruhigenden roten Lichter aufleuchten sollten. Außerhalb dieses geheiligten, isolierten Raumes löschte die Feuerwehr von Hongkong die letzten schwelenden Spuren des Brandes, während die Polizei die erschrockenen Bewohner aus den umliegenden Anwesen von Victoria Peak beruhigte - von denen viele überzeugt waren, daß Armageddon gekommen sei, in Gestalt eines Angriffs vom Festland -, indem sie jedem sagten, die schrecklichen Ereignisse seien das
Werk eines geistesgestörten Verbrechers, den inzwischen Sondereinheiten der Regierung getötet hätten. Doch das reichte nicht aus, die skeptischen Bewohner des exklusiven Viertels zu beruhigen. Ihre Welt war ohnehin bedroht, und sie wollten Beweise. Deshalb wurde die Leiche des Meuchelmörders auf einer Bahre an den neugierigen Zuschauern vorbeigetragen, die Plane ein Stück zur Seite gezogen, so daß man den von Kugeln durchbohrten, blutüberströmten Leichnam sehen konnte. Erst jetzt kehrten die Reichen vom Victoria Peak in ihre Villen zurück, und mancher von ihnen überlegte schon jetzt im stillen, ob er Schadenersatzansprüche an seine Versicherung stellen könne.
Die Spieler saßen auf weißen Plastikstühlen, lebende, atmende Roboter, die auf ein Signal warteten; keiner von ihnen hatte den Mut oder die Energie, den Anfang zu machen. In ihre Erschöpfung mischte sich die Angst vor gewaltsamem Tod, zeichnete ihre Gesichter - alle, mit Ausnahme eines einzigen. Auch in sein Gesicht hatte die Erschöpfung tiefe Furchen eingegraben, aber in seinem Blick war keine Furcht, nur Verwirrung. Er begriff immer noch nicht ganz, was eigentlich geschehen war. Noch vor Minuten hatte der Tod für ihn keinen Schrecken mehr besessen; er war dem Leben vorzuziehen. Jetzt, da seine Frau neben ihm saß und seine Hand hielt, konnte er spüren, wie tief in ihm der Zorn anschwoll, in den Tiefen seines verwirrten Bewußtseins aufwallte und nach oben drängte, wie weit entfernter Donner über einem See, wenn ein Sommergewitter naht.
»Wer hat uns das angetan?« sagte David Webb mit einer Stimme, die kaum lauter als ein Flüstern war.
»Ich«, antwortete Havilland, am Ende des rechteckigen weißen Tisches. Der Botschafter beugte sich langsam vor und erwiderte Webbs tödlich starren Blick. »Wenn ich jetzt vor Gericht stünde, würde ich auf mildernde Umstände plädieren müssen.«
»Und die wären?« fragte David mit monotoner Stimme.
»Zunächst wäre da die Krise zu erwähnen«, sagte der Diplomat. »Zum zweiten Sie.«
»Das müssen Sie erklären«, unterbrach Alex Conklin vom anderen Ende des Tisches her und sah Havilland an. Webb und Marie saßen links von ihm, vor der weißen Wand, Morris Panov und Edward McAllister ihnen gegenüber. »Und lassen Sie nichts aus«, fügte der CIA-Mann hinzu.
»Das ist nicht meine Absicht«, sagte der Botschafter, ohne den Blick von David zu wenden. »Die Krise ist echt, die Katastrophe steht unmittelbar bevor. Eine Gruppe von Fanatikern in Peking hat eine Verschwörung angezettelt; der Anführer ist ein Mann, der in der Hierarchie seiner Regierung einen so fest verwurzelten Platz hat und als Philosophenfürst so verehrt wird, daß es unmöglich ist, ihn bloßzustellen. Niemand würde es glauben. Jeder, der den Versuch machte, würde zum Paria werden. Schlimmer noch, der bloße Versuch würde zu einem solchen Aufschrei der Empörung führen, daß Peking sich beleidigt und argwöhnisch zurückziehen würde und zu keinerlei Verhandlungen mehr bereit wäre. Wenn aber andererseits die Verschwörung nicht zerschlagen wird, dann wird sie die Verträge von Hongkong zunichte machen und damit die Kronkolonie in den Abgrund stürzen. Die sofortige Besetzung durch die Volksrepublik würde die Folge sein. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was das bedeuten würde - wirtschaftliches Chaos, Gewalt, Blutvergießen, und ohne Zweifel Krieg. Wie lange würde es möglich sein, solche Feindseligkeiten einzudämmen, bis andere Nationen sich gezwungen sähen, Partei zu ergreifen? Das Risiko ist unvorstellbar.«
Stille. Blicke, die sich nicht losließen.
»Fanatiker der Kuomintang«, sagte David mit ausdrucksloser und kalter Stimme. »China gegen China. Der Schlachtruf, den die Wahnsinnigen schon seit vierzig Jahren brüllen.«
»Aber nur brüllen, Mr. Webb. Worte, Gerede, aber keine Taten, keine Anschläge, keine Strategien.« Havilland verschränkte die Hände auf dem Tisch und atmete tief. »Und die gibt es jetzt. Die Strategie liegt vor. Eine so heimtückische, raffinierte Strategie, die so gründlich durchdacht ist, daß sie glauben, sie könne nicht scheitern. Aber natürlich wird sie scheitern, und dann wird die Welt sich einer geradezu katastrophalen Krise gegenübersehen. Sie könnte durchaus die allerletzte Krise auslösen, eine Krise, die wir nicht überleben können. Der Pazifikraum würde ganz bestimmt nicht überleben.«
»Damit sagen Sie mir nichts, was ich nicht selbst gesehen hätte. Sie haben alle wichtigen Stellen unterwandert und gewinnen wahrscheinlich immer noch Anhänger dazu, aber trotzdem sind sie Fanatiker, eine Randgruppe. Und wenn die anderen genauso sind wie der Irre, den ich gesehen habe, dann würde man sie alle auf dem Tian-An-Men-Platz aufhängen. Man könnte die Exekution über Fernsehen übertragen, und sogar die Gegner der Todesstrafe würden es billigen. Er war - er ist - ein Sadist, ein Schlächter. Schlächter sind keine Staatsmänner. Man nimmt sie nicht ernst.«