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»Hitler hat man ernst genommen, damals, neunzehnhundertdreiunddreißig«, meinte Havilland. »Und den Ayatollah Khomeini vor erst ein paar Jahren auch. Aber offenbar wissen Sie nicht, wer der wahre Rädelsführer ist. Er würde sich niemals zeigen, unter gar keinen Umständen, wenn auch nur die entfernteste Chance bestünde, daß Sie ihn sehen könnten. Trotzdem kann ich Ihnen versichern, daß er ein Staatsmann ist und sehr ernst genommen wird. Aber, um es noch einmal zu sagen, sein Ziel ist nicht Peking. Es ist Hongkong.«

»Ich habe gesehen, was ich gesehen habe, und gehört, was ich gehört habe, und es wird lange dauern, bis ich das werde vergessen können ... Sie brauchen mich nicht, Sie haben mich nie gebraucht. Sie müssen diese Leute nur isolieren, dafür sorgen, daß das Zentralkomitee erfährt, was gespielt wird, und Taiwan auffordern, sie fallenzulassen - und Taiwan wird das tun! Die Zeiten haben sich geändert. Taiwan will ebensowenig einen Krieg wie Peking.«

Der Botschafter musterte den Mann von Medusa und bemühte sich, abzuschätzen, wieviel David wußte. Er begriff, daß Webb in Peking etliches gesehen hatte, woraus er eigene Schlüsse ziehen konnte, aber nicht soviel, daß er begriff, worum es bei der Hongkong-Verschwörung ging. »Dazu ist es zu spät. Das Spiel ist schon im Gang. Verrat auf der höchsten Ebene der Regierung Chinas, Verrat an die verachteten Nationalchinesen, denen man unterstellt, finanziell mit dem Westen unter einer Decke zu stecken. Selbst die ergebenen Anhänger von Deng Xiaoping könnten einen solchen Schlag gegen Pekings Stolz nicht hinnehmen, einen derartigen Gesichtsverlust vor der ganzen Welt - die Rolle eines hereingelegten Tölpels. Wir würden es auch nicht einfach hinnehmen können, wenn bekannt würde, daß General Motors, IBM und die New Yorker Börse von Verrätern Amerikas geführt wurden, ausgebildet von den Sowjets, von Verrätern, die Milliarden in Projekte gesteckt haben, die dem nationalen Interesse zuwiderlaufen.«

»Die Analogie stimmt«, unterbrach McAllister, die Finger gegen die rechte Schläfe gedrückt. »Alles zusammengenommen ist es nämlich genau das, was Hongkong für die Volksrepublik sein wird - das und noch hunderttausendmal mehr. Aber es gibt noch ein anderes Element, und das ist ebenso beunruhigend wie alles andere, was wir bis jetzt erfahren haben. Das möchte ich jetzt darlegen - in meiner Position als Aialytiker, als jemand, dessen Aufgabe es ist, die Reaktionen von Gegnern und potentiellen Gegnern zu kalkulieren -«

»Machen Sie es kurz«, unterbrach Webb. »Sie reden zuviel und reiben sich zuviel den Kopf, und ich mag Ihre Augen nicht.

Sie haben Augen wie ein toter Fisch. Sie haben in Maine zuviel geredet. Sie sind ein Lügner.«

»Ja. Ja, ich verstehe, was Sie sagen und warum Sie es sagen. Aber ich bin ein anständiger Mann, Mr. Webb. Ich glaube an Anstand.«

»Ich nicht. Nicht mehr. Fahren Sie fort. Das ist alles ungeheuer interessant, und ich verstehe kein Wort, weil bis jetzt kein gottverfluchter Satz mit Sinn und Verstand gesagt worden ist. Was haben Sie für einen Beitrag zu geben, Sie Lügner?«

»Ich meine den Faktor des organisierten Verbrechertums.« McAllister schluckte, als David die Beleidigung wiederholte, brachte seine Worte aber doch so vor, als erwarte er, daß jeder begreife. Als er nur verständnislose Blicke erntete, fügte er hinzu: »Die Triaden!«

»Mafia auf asiatisch«, sagte Marie, ohne den Blick von dem Staatssekretär zu wenden. »Kriminelle Bruderschaften.«

McAllister nickte. »Rauschgift, illegale Einwanderung, Glücksspiel, Prostitution, Geldverleih - das ganze Spektrum.«

»Und mehr«, fügte Marie hinzu. »Sie haben sich ein eigenes Wirtschaftssystem aufgebaut. Sie besitzen Banken natürlich durch Strohmänner getarnt - in ganz Kalifornien, Oregon, dem Staate Washington und auch in meinem Land, in British Columbia. Sie waschen Millionensummen von Geld, jeden Tag tun sie das, durch Transaktionen ins Ausland.«

»Was die Krise nur noch verschlimmert«, sagte McAllister eifrig.

»Warum?« fragte David. »Worauf wollen Sie hinaus?«

»Verbrechen, Mr. Webb. Die Führer der Volksrepublik haben dem Verbrechen einen erbitterten Kampf angesagt. Wir haben Berichte darüber, daß in den letzten drei Jahren über hunderttausend Hinrichtungen stattgefunden haben, wobei kaum ein Unterschied zwischen kleineren Vergehen und schweren

Straftaten gemacht wird. Das paßt zu dem Regime - der Herkunft des Regimes. Alle Revolutionsregimes halten sich für einen Ausbund an Tugend; daß ihre Sache sauber bleibt, ist das allerwichtigste. Peking ist zwar bereit, sich ideologisch anzupassen, um Nutzen aus den westlichen Märkten zu ziehen, wenn es um das organisierte Verbrechen geht, versteht Peking überhaupt keinen Spaß.«

»Das klingt ja, als ob das alles miteinander Paranoiker wären«, warf Panov ein.

»Das sind sie auch. Etwas anderes können sie sich gar nicht leisten.«

»Aus ideologischen Gründen?« fragte der Psychiater skeptisch.

»Der Einwohnerzahl wegen, Doktor. Daß die Revolution sauber bleiben soll, ist ein Vorwand. In Wirklichkeit haben sie Angst, weil das Land riesengroß, ungeheuer dicht besiedelt ist und gigantische Ressourcen hat. Mein Gott, wenn sich da das organisierte Verbrechen breitmachte - und bei einer Milliarde Menschen sollten Sie nicht einmal einen Moment lang glauben, daß es dafür nicht genügend Interessenten gäbe-, könnte China eine Nation von Triaden werden. Marktflecken, Dörfer, ganze Städte könnten in >Familien<-Territorien aufgeteilt werden, die alle vom westlichen Kapital und der westlichen Technik profitieren. Es würde eine Schwemme illegaler Exporte geben, die die ganze Welt überfluten würde. Rauschgift von zahllosen Hügeln und Feldern, die man unmöglich überwachen könnte, Waffen aus Fabriken, die sonst das Militär beliefern - Textilien aus Untergrundspinnereien, die gestohlene Maschinen und Bauernarbeit einsetzen würden, und damit die Industrien im Westen vernichten würden. Verbrechen.«

»Das wäre ein großer Sprung nach vorne, wie ihn in den letzten vierzig Jahren niemand geschafft hat«, sagte Conklin.

»Wer hätte es auch gewagt, den Versuch zu unternehmen?« fragte McAllister. »Wenn man dafür hingerichtet werden kann, daß man fünfzig Yuan gestohlen hat, wer wagt es da, es auf hunderttausend abzusehen? Dazu braucht es Protektion, Organisation und Helfershelfer in hoher Position. Das ist es, was Peking fürchtet, und daher dieser Verfolgungswahn. Die Führer der Volksrepublik haben panische Angst vor Korruption auf den oberen Ebenen der Hierarchie. Das könnte zu einer Erosion der politischen Infrastruktur führen. Die Führer würden die Kontrolle verlieren, und das werden sie nicht riskieren. Ich wiederhole, solche Ängste sind paranoid, aber für die chinesische Führung sind sie schrecklich real. Jede leiseste Andeutung, daß mächtige kriminelle Gruppierungen im Verein mit Verschwörern aus dem Inneren den Versuch unternehmen, ihre Wirtschaft zu infiltrieren, würde für sie ausreichen, die Verträge zu brechen und ihre Truppen nach Hongkong zu schicken.«

»Der Schluß, den Sie ziehen, liegt auf der Hand«, sagte Marie. »Aber wo ist die Logik? Wie könnte das geschehen?«

»Es geschieht bereits, Mrs. Webb«, antwortete Botschafter Havilland. »Und deshalb haben wir Jason Borowski gebraucht.«

»Jetzt sollte jemand einmal am Anfang beginnen«, sagte David.

Das tat der Diplomat. »Es begann vor über dreißig Jahren, als ein hochintelligenter junger Mann aus Taiwan in das Land seiner Väter zurückgeschickt wurde, wo man ihm einen neuen Namen, eine neue Familie gab. Es war ein langfristig angelegter Plan, der in Fanatismus und Rachsucht wurzelte ...«