»Also gut«, sagte Webb und schloß plötzlich die Augen.
»David -« Marie berührte sein Gesicht.
»Tut mir leid.« Webb griff nach dem Aktendeckel, der vor ihm lag und schlug ihn dann auf. Auf dem ersten Blatt war eine Fotografie zu sehen, darunter in Druckbuchstaben ein Name. Der Name lautete Sheng Chou Yang, aber das war keine
Überraschung. Es war das Gesicht. Es war das Gesicht des Schlächters! Des Wahnsinnigen, der Frauen und Männer mit seinem juwelenbesetzten Zeremonienschwert zerhackte, der Brüder dazu zwang, mit rasiermesserscharf geschliffenen Messern gegeneinander zu kämpfen, bis einer den anderen tötete, der das Leben des tapferen, gemarterten Echo mit einem Schwertstreich nahm. Borowski hörte zu atmen auf, und die unvorstellbare Grausamkeit brachte sein Blut in Wallung, als diese schrecklichen Bilder ihm wieder vor Augen traten. Während er die Fotografie anstarrte, drängte sich ihm der Anblick Echos auf, d'Anjous, der sein Leben wegwarf, um Delta zu retten. Delta wußte, daß es Echos Tod zuzuschreiben war, daß er den Killer hatte fangen können. Echo war mutig gestorben, trotzig, hatte seinen schrecklichen Tod hingenommen, auf daß ein anderer Mann von Medusa nicht nur fliehen konnte, sondern auch, um mit dieser letzten Geste auszudrücken, daß der Wahnsinnige mit dem Schwert getötet werden mußte!
»Das«, flüsterte Jason Borowski, »ist der Sohn Ihres unbekannten Taipan?«
»Ja«, sagte Havilland.
»Ihr verehrter Philosophenfürst? Der chinesische Heilige -?«
»Ja, der ist es.«
»Dann haben Sie sich geirrt! Er hat sich gezeigt! Herrgott, und wie er sich gezeigt hat!«
Der Botschafter war völlig perplex. »Sind Sie sicher?«
»Und ob.«
»Dann müssen das außergewöhnliche Umstände gewesen sein«, sagte McAllister verblüfft. »Und das bestätigt auch, daß der falsche Borowski nie lebend aus China herausgekommen wäre. Trotzdem, der Grund dafür muß ja ein wahres Erdbeben gewesen sein!«
»Das war es auch. Niemand außerhalb Chinas wird je davon erfahren. Maos Mausoleum wurde zu einer Schießbude. Das war ein Teil der Falle, und sie haben verloren. Echo hat auch verloren.«
»Wer?« fragte Marie, die immer noch seine Hand festhielt.
»Ein Freund.«
»Maos Mausoleum?« wiederholte Havilland. »Wie ungeheuerlich!«
»Ganz und gar nicht«, sagte Borowski. »Wie raffiniert. Der letzte Ort in China, an dem jemand einen Angriff erwarten würde. Er geht hinein und meint, er sei der Verfolger, der sein Opfer verfolgt und damit rechnet, es hier zu fangen. Das Licht ist schwach, er ist unaufmerksam. Und die ganze Zeit ist er das Opfer, gejagt, isoliert, in der Falle. Raffiniert.«
»Sehr gefährlich für die Jäger«, sagte der Botschafter. »Für Shengs Leute. Nur eine falsche Bewegung, und es wäre ihr Ende gewesen. Wahnsinn!«
»Falsche Bewegungen waren nicht möglich. Sie hätten ihre eigenen Leute getötet, wenn ich das nicht getan hätte. Das verstehe ich jetzt. Als alles schiefging, verschwanden sie einfach. Mit Echo.«
»Zurück zu Sheng. Bitte, Mr. Webb.« Havilland wirkte
selbst wie ein Besessener, und seine Augen flehten David an. »Sagen Sie uns, was Sie gesehen haben, was Sie wissen.«
»Er ist ein Ungeheuer«, sagte Jason leise, und seine Augen starrten glasig die Fotografie an. »Eine Ausgeburt der Hölle, ein Savonarola, der martert und tötet - Männer, Frauen, Kinder -und dabei lächelt. Er hält Predigten wie ein Prophet, der zu Kindern spricht, aber darunter ist er ein Verrückter, der seine Bande von Besessenen mit schierem Terror beherrscht. Diese Bewacher, von denen Sie sprachen, diese ihm persönlich ergebenen Männer, sind keine Soldaten, es sind Söldner, sadistische Schläger, die ihr Handwerk von einem Meister gelernt haben. Er ist Auschwitz, Dachau und Bergen-Belsen, alles in einem. Gott steh uns bei, wenn er je an die Macht gelangen sollte.«
»Das kann er, Mr. Webb«, sagte Havilland leise, und sein entsetzter Blick war fest auf Jason Borowski gerichtet. »Und das wird er. Sie haben gerade einen Sheng Chou Yang beschrieben, den die Welt nie gesehen hat, und in diesem Augenblick ist er der mächtigste Mann in China. So wie Adolf Hitler als Sieger in den Reichstag marschierte, wird Sheng ins Zentralkomitee marschieren und alle Mitglieder zu Marionetten machen. Was Sie uns erzählt haben, ist viel katastrophaler als alles, was wir uns je vorgestellt haben - China gegen China ... Und danach Armageddon. Großer Gott!«
»Er ist eine Bestie«, flüsterte Jason heiser. »Er muß töten wie ein Raubtier, aber aus reiner Mordlust. Er tötet zum Vergnügen.«
»Was Sie da sagen, sind Gemeinplätze.« McAllister unterbrach ihn fast brutal, aber eindringlich. »Wir müssen mehr wissen - ich muß mehr wissen!«
»Er hat eine Versammlung einberufen.« Borowski sprach wie im Traum, sein Kopf schwankte dabei leicht, und seine Augen hingen wie gebannt an der Fotografie. »Das war die erste Nacht des Großen Schwertes, wie er sagte. Es gab einen Verräter, sagte er. Eine solche Versammlung konnte nur ein Irrer veranstalten. Überall Fackeln, draußen auf dem Lande, eine Stunde von Peking entfernt, in einem Vogelreservat - können Sie sich das vorstellen? Ein Vogelreservat - und er hat wirklich das getan, was ich gesagt habe. Er hat einen Mann getötet, der an Seilen hing, hat mit seinem Schwert auf den schreienden Körper eingeschlagen. Und dann eine Frau, die ihre Unschuld beteuerte, und er hat ihr den Kopf abgeschlagen - den Kopf! Vor allen! Und dann zwei Brüder ...«
»Ein Verräter?« flüsterte McAllister. »Hat er einen gefunden? Hat jemand gestanden? Gibt es so etwas wie einen Gegenaufstand?«
»Hören Sie auf!« schrie Marie.
»Nein, Mrs. Webb! Er durchlebt das jetzt aufs neue. Sehen Sie ihn doch an. Sehen Sie das nicht? Er ist dort.«
»Ich fürchte, unser Kollege hat recht, Marie«, sagte Panov leise und sah Webb an. »Er schwankt hin und her, versucht, in die Realität zurückzufinden. Es ist schon in Ordnung. Lassen Sie ihn nur. Es könnte uns allen viel Zeit sparen.«
»Quatsch!«
»... da war kein Verräter, keiner, der sprach, nur die Frau, die an ihm gezweifelt hatte. Er hat sie getötet. Und dann herrschte Stille, eine schreckliche Stille. Er warnte alle, sagte allen, sie wären überall und doch gleichzeitig unsichtbar. In den Ministerien, der Sicherheitspolizei, überall ... und dann hat er Echo umgebracht, aber Echo wußte, daß er sterben mußte. Er wollte schnell sterben, weil er ohnehin nicht mehr lange leben konnte. Nachdem sie ihn gefoltert hatten, wußte er, daß er keine Chance mehr hatte. Trotzdem, er hat mir Zeit verschafft ... «
»Wer ist Echo, David?« fragte Morris Panov. »Bitte, sagen Sie es uns.«
»Alpha, Bravo, Charlie, Delta, Echo ... Foxtrott -«
»Medusa«, sagte der Psychiater. »Das ist Medusa, nicht wahr? Echo war bei Medusa.«
»Er war in Paris. Der Louvre. Er hat versucht, mir das Leben zu retten, aber ich habe das seine gerettet. Das war in Ordnung, das war richtig. Er hat dafür vor Jahren meines gerettet. >Ruhe ist eine Waffec, sagte er. Er hat die anderen um mich herum aufgestellt und mich zum Schlafen gezwungen. Und dann entkamen wir dem Dschungel.«
»>Ruhe ist eine Waffe< ..«, sagte Marie leise, schloß die Augen und drückte die Hand ihres Mannes. Tränen liefen ihr über die Wangen. »O Gott