»... Echo sah mich im Wald. Wir benutzten die alten Signale, die wir früher schon benutzt hatten, Jahre davor. Er hatte das nicht vergessen. Keiner von uns vergißt das je.«
»Sind wir auf dem Land, in dem Vogelreservat, David?« fragte Panov und packte McAllister an der Schulter, um ihn davon abzuhalten, Webb jetzt zu unterbrechen.
»Ja«, erwiderte Jason Borowski, und seine Augen wirkten jetzt blicklos. »Wir wissen es beide. Er wird sterben. So einfach, so klar. Sterben. Tod. Nicht mehr. Nur Zeit kaufen, wertvolle Minuten. Dann schaffe ich es vielleicht.«
»Was schaffen Sie - Delta! Panov zog den Namen in die Länge, leise und betont.
»Dann erledige ich den Unmenschen Den Schlächter. Er verdient es nicht zu leben; er hat kein Recht zu leben. Er tötet zu leicht - und lächelt dabei. Echo hat es gesehen. Ich habe es gesehen. Und jetzt geschieht es - alles geschieht gleichzeitig. Die Explosionen im Wald, alle rennen, schreien, jetzt kann ich es tun! Ganz einfach .. Er sieht mich! Er starrt mich an! Er weiß, daß ich sein Feind bin! Ich bin dein Feind, Schlächter! Ich bin das letzte Gesicht, das du sehen wirst! ... Was habe ich falsch gemacht? Irgend etwas stimmt nicht! Er schützt sich! Er zieht jemand vor sich. Ich muß hinaus! Ich kann es nicht tun!«
»Sie können nicht oder Sie wollen nicht?« fragte Panov und beugte sich vor. »Sind Sie Jason Borowski oder sind Sie David Webb? Wer sind Sie?«
»Delta!« schrie das Opfer, und sein Ausbruch ließ alle am Tisch zusammenfahren. »Ich bin Delta! Ich bin Borowski! Kain ist für Delta, und Carlos ist für Kain!« Das Opfer, wer auch immer er in diesem Augenblick war, sackte in dem Stuhl zusammen. Dann war es still.
Es dauerte einige Minuten - niemand wußte, wie lange, niemand achtete darauf -, bis der Mann, der seine eigene Identität nicht mehr finden konnte, den Kopf hob. »Es tut mir leid«, sagte David Webb. »Ich weiß nicht, was mit mir los war. Es tut mir leid.«
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, David«, sagte Panov. »Sie sind zurückgegangen. Das ist schon verständlich. Es ist in Ordnung.«
»Ja, ich bin zurückgegangen. Verrückt, nicht wahr?«
»Ganz und gar nicht«, sagte der Psychiater. »Das ist ganz natürlich.«
»Ich muß zurückgehen, das ist doch auch verständlich, oder nicht, Mo?«
»David!« schrie Marie und griff nach ihm.
»Ich muß«, sagte Jason Borowski und hielt vorsichtig ihre Handgelenke fest.
»Das kann sonst keiner, so einfach ist das. Ich kenne die Codes, und ich weiß den Weg ... Echo hat sein Leben für meines gegeben, weil er glaubte, daß ich es tun würde. Daß ich den Schlächter töten würde. Und ich habe versagt. Aber diesmal werde ich nicht versagen.«
»Und was ist mit uns?« Marie klammerte sich an ihm fest, und ihre Stimme hallte von den weißen Wänden wider. »Bedeuten wir denn gar nichts?«
»Ich komme zurück, das verspreche ich dir«, sagte David, schob ihre Arme von sich und sah ihr in die Augen. »Aber ich muß dorthin zurück, kannst du das nicht verstehen?«
»Für diese Leute? Diese Lügner!«
»Nein, nicht für sie. Für jemanden, der leben wollte - mehr als alles andere. Du hast ihn nicht gekannt; er war ein Überlebenstyp. Aber er wußte, daß sein Leben nicht den Preis meines Todes wert war. Ich mußte leben und das tun, was ich tun mußte. Ich mußte leben und zu dir zurückkommen, das wußte er auch. Er hat sich die Gleichung angesehen und seine Entscheidung getroffen. Irgendwann kommt für uns alle der Augenblick, wo wir diese Entscheidung treffen müssen.«
Borowski drehte sich zu McAllister herum.
»Gibt es hier jemanden, der ein Foto von einer Leiche machen kann?«
»Von wessen Leiche?« fragte der Staatssekretär.
»Von meiner«, sagte Jason Borowski.
Kapitel 34
Das grausige Foto wurde auf dem weißen Konferenztisch gemacht. Morris Panov gab, wenn auch ungern, Regieanweisungen. Ein blutbeflecktes weißes Laken bedeckte Webbs Körper; man hatte es ihm schräg über den Hals gelegt, so daß das blutüberströmte Gesicht gut zu erkennen war.
»Entwickeln Sie den Film so schnell wie möglich und bringen Sie mir die Kontaktabzüge«, wies Conklin an.
»Zwanzig Minuten«, sagte der Techniker und eilte zur Tür, während McAllister den Raum betrat.
»Was gibt es Neues?« fragte David und setzte sich auf den Tisch. Marie wischte ihm das Gesicht mit einem warmen, feuchten Tuch ab.
»Die Presseleute des Konsulats haben die Medien verständigt«, erwiderte der Staatssekretär. »Sie haben gesagt, sie würden in etwa einer Stunde eine Erklärung abgeben, sobald alle Fakten zur Verfügung stehen. Im Augenblick sind sie gerade damit beschäftigt, die Erklärung zusammenzuschustern. Ich habe ihnen die Rahmenhandlung geliefert und ihnen erlaubt, meinen Namen zu benutzen. Die werden jetzt ihren üblichen diplomatischen Schmus dazutun und uns das Ganze noch einmal vorlesen, ehe sie es freigeben.«
»Irgendwas Neues über Lin?« fragte der CIA-Mann.
»Eine Nachricht vom Arzt. Sein Zustand ist immer noch kritisch, aber er hat sich nicht verschlechtert.«
»Was ist mit der Presse dort draußen?« fragte Havilland. »Die müssen wir über kurz oder lang hereinlassen. Je länger wir warten, desto eher meinen die, daß wir hier was vertuschen wollen. Das können wir uns aber auch nicht leisten.«
»Da haben wir noch etwas Zeit«, sagte McAllister. »Ich habe ihnen ausrichten lassen, die Polizei sei - unter großem persönlichem Risiko - damit beschäftigt, das Gelände nach noch nicht detonierten Sprengkörpern abzusuchen. Unter solchen Umständen haben sogar Reporter eine Engelsgeduld. Übrigens habe ich dem Konsulat gesagt, sie sollen in der Presseerklärung hervorheben, der Mann, der das Haus angegriffen hat, sei offensichtlich ein Sprengstoffspezialist gewesen.«
Jason Borowski, einer der fähigsten Sprengstoffspezialisten, die Medusa hervorgebracht hatte, sah McAllister an. Der wandte den Blick ab. »Ich muß hier raus«, sagte Jason. »Ich muß so schnell wie möglich nach Macao.«
»David, um Himmels willen!« Marie stand vor ihrem Mann und starrte ihn an. Ihre Stimme war leise und eindringlich.
»Mir wäre es doch auch lieber, wenn das nicht sein müßte«, sagte Webb und stieg vom Tisch. »Wirklich, das wäre mir lieber«, wiederholte er mit leiser Stimme. »Aber es geht nicht anders. Ich muß hin. Ich muß mich an Shengs Fersen heften, ehe die Geschichte über das hier morgen in allen Zeitungen steht, ehe dieses Foto erscheint und die Nachricht bestätigt, die ich durch Kanäle zu ihm sende, von denen er überzeugt ist, daß keiner sie kennt. Er muß glauben, daß ich sein Lohnkiller bin, der Mann, den er umbringen wollte, und nicht der Jason Borowski von Medusa, der ihn in jener Waldschlucht zu töten versuchte. Er muß Nachricht von mir erhalten - von dem, für den er mich hält -, ehe er irgendwelche anderen Informationen bekommt. Weil die Information, die ich ihm zukommen lasse, das letzte ist, was er hören will. Alles andere wird ihm dann belanglos vorkommen.«
»Der Köder«, sagte Alex Conklin. »Wenn man ihm zuerst die kritische Information zukommen läßt und die Tarnung funktioniert, weil er verblüfft ist, dann akzeptiert er die gedruckte offizielle Version, ganz besonders das Foto in den Zeitungen.«
»Was werden Sie ihm sagen?« fragte der Botschafter, wobei sein Tonfall keinen Zweifel daran ließ, daß er gar nicht von der Aussicht begeistert war, die Kontrolle über diese besonders finstere Geheimoperation zu verlieren.