»Was Sie mir gesagt haben. Einen Teil Wahrheit und einen Teil Lüge.«
»Bitte deutlicher, Mr. Webb«, sagte Havilland mit fester Stimme. »Wir stehen tief in Ihrer Schuld, aber -«
»Sie stehen so tief in meiner Schuld, daß Sie mich nicht bezahlen können!« herrschte Jason Borowski ihn an. »Es sei denn, Sie jagen sich hier vor mir eine Kugel in den Schädel.«
»Ich kann Ihnen die Wut nachfühlen, aber ich muß trotzdem darauf bestehen. Sie werden nichts tun, was das Leben von fünf Millionen Menschen gefährdet, oder die vitalen Interessen der Vereinigten Staaten.«
»Ich bin froh, daß Sie die richtige Reihenfolge gewählt haben
- wenigstens dieses eine Mal. Also schön, Herr Botschafter, ich sage es Ihnen. Ich hätte es Ihnen schon vorher gesagt, wenn Sie den Anstand besessen hätten, den Anstand, zu mir zu kommen und ehrlich zu sein. Es überrascht mich, daß Ihnen das nie in den Sinn gekommen ist - nein, überrascht ist das falsche Wort, es erschüttert mich - aber das sollte es wahrscheinlich nicht. Sie glauben an Ihre Manipulationen, an all die äußeren Symbole
Ihrer leisen Macht... Wahrscheinlich glauben Sie, Sie hätten das alles verdient, weil Sie so verflucht clever sind. Sie sind alle gleich. Sie genießen es, wenn die Dinge kompliziert sind, und Sie sie erklären können - und deshalb haben Sie einfach keinen Sinn dafür, daß manchmal der gerade, einfache Weg sehr viel wirksamer ist.«
»Ich warte darauf, aufgeklärt zu werden«, sagte Havilland kalt.
»Also gut«, sagte Borowski. »Ich habe mir Ihre großspurigen Erklärungen sehr genau angehört. Sie haben sich große Mühe gegeben, uns zu erklären, warum niemand offiziell an Sheng herantreten und ihm das sagen konnte, was Sie wußten. Und Sie hatten auch recht. Er hätte Sie ausgelacht oder Ihnen ins Gesicht gespuckt oder Ihnen gesagt, Sie könnten ihn mal. Bestimmt hätte er das getan. Schließlich verfügt er über genügend Macht. Wenn Sie Ihre >empörenden< Anklagen nicht fallenlassen, sorgt er einfach dafür, daß Peking sich nicht an die HongkongVerträge hält. Und dann verlieren Sie. Und wenn Sie andererseits versuchen, ihn zu übergehen, dann viel Glück. Dann verlieren Sie nämlich auch. Sie haben keine Beweise, nur das Wort von ein paar toten Männern, denen man die Kehle durchgeschnitten hat. Mitglieder der Kuomintang, die alles sagen würden, um Parteifunktionäre in der Volksrepublik in Mißkredit zu bringen. Er lächelt nur und läßt Sie ohne ein Wort wissen, daß es für Sie besser wäre, sein Spiel mitzuspielen. Sie andererseits sind der Ansicht, daß Sie das nicht können, weil die Risiken zu groß sind - wenn Sheng hochgeht, geht der ganze Pazifikraum hoch. Auch in dem Punkt hatten Sie recht - wenn auch mehr aus den Gründen, die >Edward< uns geliefert hat, als aus denen, die Sie genannt haben. Peking könnte möglicherweise etwas Korruption und ein paar Provisionen als eine kleine Konzession an die menschliche Habgier übersehen, aber es würde ganz bestimmt nie zulassen, daß eine sich ausdehnende chinesische Mafia sich in seiner Industrie oder unter seinen Arbeitskräften oder gar in seiner Regierung einnistet. Wie >Edward< gesagt hat, könnte sie das ihre Jobs kosten -«
»Ich warte immer noch, Mr. Webb«, sagte der Diplomat.
»Okay. Sie haben mich rekrutiert, aber Sie haben die Lektion von Treadstone einundsiebzig vergessen. Man muß einen Meuchelmörder ausschicken, um einen Meuchelmörder zu fangen.«
»Das ist das einzige, was wir nicht vergessen haben«, unterbrach ihn der Diplomat, jetzt erstaunt. »Wir haben alles darauf abgestellt.«
»Aber aus den falschen Gründen«, sagte Borowski scharf. »Es gab eine bessere Möglichkeit, an Sheng heranzutreten und ihn so herauszulocken, daß man ihn töten konnte. Mich hätten Sie dazu nicht gebraucht. Meine Frau auch nicht! Aber das konnten Sie nicht erkennen. Ihr Superhirn mußte alles komplizieren.«
»Was konnte ich nicht erkennen, Mr. Webb?«
»Daß man einen Verschwörer schicken kann, um einen Verschwörer zu fangen. Inoffiziell - Dazu ist es jetzt zu spät, aber das hätte ich Ihnen geraten.«
»Ich bin nicht sicher, daß Sie mir alles gesagt haben.«
»Ein Teil Wahrheit, ein Teil Lüge - Ihre eigene Strategie. Ein Kurier wird zu Sheng geschickt, vorzugsweise ein seniler alter Mann, den man über einen Strohmann bezahlt und über Telefon informiert hat. Ohne feststellbare Quelle. Er überbringt eine mündliche Nachricht, nur für Shengs Ohren, nichts Schriftliches. Die Nachricht enthält gerade so viel Wahrheit, daß Sheng wie gelähmt ist. Nehmen wir beispielsweise an, der Mann, der die Nachricht schickt, wäre jemand in Hongkong, der Millionen verlieren würde, falls Shengs Plan scheitert, ein Mann, der so intelligent und so verängstigt ist, daß er seinen Namen nicht nennt. Die Nachricht könnte Anspielungen auf undichte Stellen oder auf Verräter in den entsprechenden Firmen
enthalten, oder auf Triaden, die man ausgeschlossen hat und die sich jetzt zusammenrotten, weil sie auch beteiligt sein möchten -all die Dinge, von denen Sie sicher sind, daß sie geschehen werden. Die Wahrheit. Sheng muß der Nachricht nachgehen, er kann es sich nicht leisten, das nicht zu tun. Kontakte werden hergestellt und ein Zusammentreffen arrangiert. Der
Verschwörer in Hongkong ist genauso darauf aus, sich zu schützen, wie Sheng selbst, und ebenso mißtrauisch, verlangt also einen neutralen Treffpunkt. Und der wird zur Falle ausgebaut.« Borowski hielt inne und sah McAllister an. »Selbst ein drittklassiger Sprengstoffspezialist könnte Ihnen zeigen, wie man so etwas macht.«
»Sehr schnell und sehr professionell«, sagte der Botschafter. »Nur mit einem einzigen unübersehbaren Schwachpunkt. Wo finden wir in Hongkong einen solchen Verschwörer?«
Jason Borowski sah den Diplomaten an, und sein
Gesichtsausdruck grenzte an Verachtung. »Sie erfinden ihn«, sagte er. »Das ist die Lüge.«
Havilland und Alex Conklin waren allein in dem Raum mit den weißen Wänden. Sie saßen sich an den beiden Enden des Konferenztisches gegenüber und schauten sich an. McAllister und Morris Panov waren in das Büro des Staatssekretärs gegangen, um sich an zwei Telefonen das erfundene Profil eines amerikanischen Killers anzuhören, mit dem das Konsulat die Presse abspeisen sollte. Panov hatte sich bereit erklärt, die psychiatrische Fachterminologie beizusteuern, damit alles ganz amtlich klang. David Webb hatte darum gebeten, mit seiner Frau allein sein zu dürfen, bis er gehen mußte. Man hatte sie in ein Zimmer im Obergeschoß gebracht; dabei war niemandem aufgefallen, daß es sich um ein Schlafzimmer handelte. Es war einfach eine Tür, die in ein leeres Zimmer auf der Südseite des alten viktorianischen Hauses führte, abseits von den
klatschnassen Männern und Trümmern an der Nordseite.
McAllister hatte geschätzt, daß Webb in höchstens fünfzehn Minuten würde abfahren müssen. Jason Borowski und der Staatssekretär würden von einem Wagen zum Kai-tak-Flughafen gebracht werden. Weil Eile geboten war und weil die Tragflügelboote nur bis 21.00 Uhr verkehrten, würde sie ein Rettungshubschrauber nach Macao fliegen, wo alle Papiere vorbereitet waren, so daß sie dringend benötigte Arzneimittel in das Kiang-Wu-Krankenhaus an der Rua Coelho Do Amaral bringen konnten.
»Es hätte nie geklappt, das wissen Sie«, sagte Havilland und sah Conklin an.
»Was hätte nicht geklappt?« fragte der Mann von Langley, den der Diplomat aus tiefen Gedanken gerissen hatte. »Was David Ihnen gesagt hat?«
»Sheng hätte sich nie bereit erklärt, sich mit jemandem zu treffen, den er nicht kannte, mit jemandem, der sich nicht zu erkennen gab.«
»Das kommt darauf an, wie man es ihm verkauft. So ist das bei solchen Dingen immer. Wenn die kritische Information wirklich umwerfend ist und die Fakten authentisch sind, hat der Betreffende keine große Wahl. Er kann den Boten nicht befragen - der weiß nämlich nichts -, also muß er zur Quelle gehen. Webb hatte schon recht, er kann sich einfach nicht leisten, das nicht zu tun.«