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»Lieber stürze ich mit dir ab, als ohne dich zu leben. Versteh mich recht: Für mich ist die Hauptsache, daß du am Leben bleibst.«

»Das ist kein Argument.«

»Aber immerhin etwas, worüber du nachdenken solltest.«

»Ich werde nur sagen, was zu tun ist, nicht selbst handeln.«

»Was, zum Teufel, soll das jetzt wieder bedeuten?«

»Ich möchte, daß Sheng erledigt wird, umgebracht, das ist mein absoluter Ernst. Er verdient es nicht, weiter zu leben, aber ich werde ihn nicht persönlich erledigen -«

»Spiel nicht den lieben Gott, das paßt nicht zu dir!« unterbrach ihn Marie scharf. »Laß doch andere darüber entscheiden. Halt du dich raus und bring dich in Sicherheit.«

»Du hast mir nicht richtig zugehört. Ich war dort und habe ihn gesehen - ihn gehört. Er verdient es nicht, daß er weiterlebt. Er hat das Leben als ein wertvolles Geschenk bezeichnet. Darüber läßt sich streiten, je nachdem, um was für ein Leben es sich handelt, aber für ihn bedeutet Leben überhaupt nichts. Er will töten - vielleicht muß er das, ich weiß es nicht; da mußt du Panov fragen -, das steht in seinen Augen geschrieben. Er ist Hitler und Mengele und Dschingis-Khan ... der Kettensägenmörder - was auch immer, aber er muß weg. Und ich muß dafür sorgen, daß er verschwindet.«

»Aber warum?« flehte Marie. »Du hast mir immer noch nicht geantwortet!«

»Das habe ich, aber du hast mir nicht zugehört. Ich würde ihn so oder so jeden Tag sehen, seine Stimme hören. Ich würde ihn dabei beobachten, wie er mit von Schrecken gelähmten Menschen spielt, ehe er sie umbringt, sie abschlachtet. Versuche doch zu verstehen. Ich habe es versucht und bin kein Experte dafür, aber ich habe einiges über mich gelernt. Nur ein Idiot lernt nichts über sich selbst. Es sind die Bilder, Marie, die verdammten Bilder, die immer wiederkehren, Türen, die sich öffnen - Erinnerungen, von denen ich nichts wissen will, die ich aber doch nicht los werde. Einfach ausgedrückt, ich kann das nicht mehr ertragen. Ich kann nicht zulassen, daß meine Sammlung von Schreckensbildern sich vergrößert. Siehst du, ich will, daß es besser wird - ich erwarte nicht, daß ich wieder ganz gesund werde, doch damit könnte ich leben -, aber ich will auf keinen Fall wieder in diese Hölle zurück. Um unser beider willen.«

»Und du meinst, du wirst diese Bilder los, wenn du für den Tod eines Menschen sorgst?«

»Ich glaube, das wird helfen, ja. Alles ist relativ, und ich wäre nicht hier, wenn Echo nicht sein Leben weggeworfen hätte, damit ich leben kann. So was auszusprechen ist ein bißchen aus der Mode, aber wie die meisten Menschen habe auch ich ein Gewissen. Vielleicht ist es auch Schuldgefühl, weil ich überlebt habe. Ich muß es einfach tun.«

»Du hast dich selbst davon überzeugt?«

»Ja, das habe ich. Ich bin am besten dafür ausgerüstet.«

»Und du sagst, du gibst nur die Anweisungen, führst sie nicht selber aus?«

»Anders möchte ich es nicht haben. Ich komme zurück, weil ich noch ein langes Leben mit dir zusammen führen möchte, Lady.«

»Und was für eine Garantie bekomme ich? Wer wird denn die Anleitungen ausführen?«

»Der Zuhälter, der uns in all das hineingeritten hat.«

»Und wer ist der Zuhälter?«

»McAllister. Der Mann, der an Anstand glaubt und so lange ein scheinheiliges Gesicht macht, bis die Herren an der Macht von ihm verlangen, daß er als Zuhälter auftritt. Wahrscheinlich wird er Havilland zu Hilfe rufen, und das soll mir recht sein. Zu zweit werden sie es schaffen.«

»Aber wie?«

»Es gibt Männer - und Frauen -, die bereit sind zu töten, wenn nur der Preis hoch genug ist. Diese Leute haben vielleicht kein Ego wie der legendäre Jason Borowski oder der reale Schakal Carlos, aber in diesem gottverfluchten, stinkenden Reich der Finsternis gibt es sie überall. Edward, dieser Zuhälter, hat uns gesagt, daß er sich überall im Fernen Osten Feinde gemacht hat, von Hongkong bis zu den Philippinen, von Singapur bis Tokio. Und alles im Namen Washingtons, das hier Einfluß wollte. Wenn man sich Feinde macht, weiß man, wer sie sind, und kennt die Signale, die man aussenden muß, um sie zu erreichen. Und das wird er jetzt tun, mit Hilfe von Havilland. Ich werde alles vorbereiten, aber irgendein anderer wird die Tat selbst begehen, und es ist mir völlig egal, wie viele Millionen es sie kostet. Ich werde aus der Ferne zusehen, um sicher zu sein, daß der Schlächter getötet wird, daß Echo das bekommt, was ihm zusteht, daß China ein Ungeheuer los wird, das es sonst in einen schrecklichen Krieg stürzen könnte - aber das ist alles, was ich tun werde. Zusehen. McAllister ahnt davon noch nichts. Aber er kommt mit mir.«

»Wer spricht jetzt?« fragte Marie. »David oder Jason?«

Ihr Mann machte eine Pause, dachte nach. »Borowski«, sagte er schließlich. »Es muß Borowski sein, bis ich zurück bin.«

»Und das weißt du?«

»Das akzeptiere ich. Ich habe keine andere Wahl.«

Ein leises, schnelles Klopfen an der Schlafzimmertür: »Mr. Webb. Ich bin's, McAllister. Es ist Zeit.«

Kapitel 35

Der Helikopter donnerte über die Wasserfläche von Victoria Harbor, vorbei an den Inseln im Südchinesischen Meer, auf Macao zu. Die Streifenboote der Volksrepublik waren über die Marinestation in Gongbei informiert worden; die tieffliegende Maschine würde auf ihrem Noteinsatz nicht beschossen werden. McAllister hatte Glück, ein hoher Parteifunktionär aus Peking war mit Blutungen im Zwölffingerdarm in das Kiang-Wu-Krankenhaus eingeliefert worden und brauchte rhesusnegatives Blut, das Mangelware war. Laßt sie kommen, laßt sie gehen. Wenn der Funktionär ein Bauer aus den Bergen von Zhuhai wäre, würde man ihm das Blut einer Ziege geben und ihn hoffen lassen, daß alles gutgeht.

Borowski und der Staatssekretär trugen die weißen Overalls und Mützen des Royal Medical Corps, ohne Rangabzeichen an den Ärmeln; sie waren einfach Überbringer von Blutkonserven für einen Zhongguo ren, eines Regimes, das im Begriff war, das Empire noch weiter zu verkleinern. Alles in dem neuen Geist der Kooperation zwischen der Kronkolonie und ihren künftigen Herren und Meistern, korrekt und effizient ausgeführt. Laßt sie kommen, laßt sie gehen. Das alles liegt noch eine Generation in der Zukunft und ist ohne Bedeutung für uns. Wir werden keinen Nutzen davon haben; den haben wir nie. Nicht von denen, nicht von denen oben.

Man hatte den Parkplatz hinter dem Krankenhaus geräumt. Vier Scheinwerfer strahlten den Landepunkt an. Die Maschine senkte sich vorsichtig dem Beton entgegen. Die Scheinwerferbalken und das Dröhnen des Helikopters hatten vor dem Krankenhaustor an der Rua Coelho Do Amaral zu einem

Menschenauflauf geführt. Ganz zweckmäßig, dachte Borowski, der aus der Luke hinunterblickte. Wenn der Hubschrauber dann in etwa fünf Minuten wieder abflog, würden hoffentlich noch mehr Zuschauer da sein. Das langsame Weiterrotieren der Drehflügel, die strahlenden Scheinwerfer und die Polizeisperre signalisierten die Ungewöhnlichkeit des Vorgangs. Ein Menschenauflauf war das beste, was er und McAllister sich erhoffen konnten; in dem Durcheinander würden sie unter den neugierigen Zuschauern untertauchen, Teil von ihnen werden, während zwei andere Männer in den weißen Overalls der königlichen Sanitäter ihre Rolle übernahmen und wieder zu der Maschine rannten, um nach Hongkong zurückzufliegen.

Jason mußte widerwillig McAllisters Geschick bewundern, mit dem er seine Schachfiguren bewegte. Er verstand sich wirklich darauf. In der augenblicklichen Krise war die Schachfigur ein Arzt im Kiang-Wu-Krankenhaus, der vor einigen Jahren Gelder aus dem Internationalen Währungsfonds in seine eigene Klinik am Almirante Sergio hatte fließen lassen. Da Washington einer der Sponsoren des Fonds war und McAllister den Arzt auf frischer Tat ertappt hatte, hätte er ihn auffliegen lassen können und hatte ihm das auch angedroht. Aber der Arzt hatte McAllister gefragt, wie er ihn denn ersetzen wolle - in Macao waren tüchtige Ärzte rar. Wäre es nicht besser, wenn der Amerikaner seine Unkorrektheit übersehen würde? Der Moralapostel in McAllister hatte klein beigegeben, aber er hatte sich diese Unkorrektheit gemerkt und nicht vergessen, daß der Arzt in seiner Schuld stand. Und an diesem Abend wurde diese Schuld nun beglichen.