Alles war vorbei.
»Hauen wir ab«, sagte Jason. »Wir müssen weiter.«
»Wissen Sie, Mr. Webb, Sie haben da zwei Befehle, die mir langsam auf die Nerven gehen. >Ab< und >weiter<.«
»Beide sind aber genau richtig.« Sie überquerten die Do Amaral.
»Mir ist genauso klar wie Ihnen, daß wir uns beeilen müssen, nur daß Sie mir noch nicht erklärt haben, wo wir hingehen.«
»Das weiß ich schon«, sagte Borowski.
»Ich glaube, das wird auch langsam Zeit.« Im Weitergehen beschleunigte Borowski die Schritte. »Sie haben mich einen Zuhälter genannt«, fuhr der Staatssekretär fort.
»Das sind Sie auch.«
»Weil ich einverstanden damit war, was getan werden muß?«
»Weil die Sie benutzt haben. Die Kerle am Drücker haben Sie benutzt und werden Sie ohne Skrupel fallenlassen. Sie haben an Ihre Karriere gedacht, an Staatskarossen und Gipfelkonferenzen, und konnten dem nicht widerstehen. Sie waren bereit, mein Leben einfach wegzuschmeißen, ohne nach einer Alternative zu suchen - und genau dafür bezahlt man Sie. Sie waren bereit, das Leben meiner Frau aufs Spiel zu setzen, weil das Ihren Zwecken nutzte. Ein Dinner mit dem Rat der Vierzig, vielleicht sogar Ratsmitglied; vertrauliche Zusammenkünfte im Oval Office mit dem gefeierten Botschafter Havilland. Für mich heißt das, daß Sie ein Zuhälter sind. Man wird Sie, wiederhole ich, ohne Skrupel fallenlassen.«
Schweigen. Fast einen Häuserblock lang. »Und Sie glauben, ich weiß das nicht, Mr. Borowski?«
»Was?«
»Daß die mich fallenlassen.«
Wieder blickte Jason auf den Bürokraten an seiner Seite. »Das wissen Sie?«
»Natürlich. Ich gehöre nicht zu denen, und die wollen mich auch nicht bei sich haben. Oh, die Voraussetzungen dazu hätte ich und den Verstand, aber nicht den Leistungsdruck, unter dem die stehen. Ich mache mir nichts vor. Vor einer Fernsehkamera würde ich vor Aufregung erstarren - obwohl ich immer wieder erlebe, wie Idioten, die keine Kamerascheu haben, die albernsten Fehler machen. Sie sehen, ich kenne meine Grenzen. Und da ich nicht kann, was diese Leute können, muß ich tun, was für sie und für das Land das Beste ist. Ich muß für sie denken.«
»Sie haben für Havilland gedacht? Sie sind in Maine zu uns gekommen und haben mir meine Frau weggenommen! In Ihrem aufgeblasenen Hirn gab es keine Alternativen?«
»Keine, die mir eingefallen wären. Keine, die alles so gründlich abgedeckt hätten, wie Havillands Strategie. Der Meuchelmörder war die garantiert unsichtbare Verbindung zu Sheng. Wenn Sie imstande waren, ihn aufzuspüren und zu uns zu bringen, war das die Chance, Sheng herauszuholen.«
»Sie hatten mehr Zutrauen zu mir als ich selbst.«
»Wir hatten Zutrauen zu Jason Borowski. Zu Kain - zu dem Mann von Medusa, der sich Delta nannte. Sie hatten das stärkste Motiv, das man sich vorstellen kann: Sie wollten Ihre Frau zurückholen, die Frau, die Sie so lieben. Und es würde keinerlei Verbindung zu unserer Regierung geben -«
»Wir haben den Braten von Anfang an gerochen!« explodierte Borowski. »Ich habe das gerochen, und Conklin auch.«
»Riechen ist nicht schmecken«, wandte der Analytiker ein, während sie durch eine dunkle kopfsteingepflasterte Gasse eilten. »Sie wußten nichts Konkretes, das Sie hätten preisgeben können, kannten keinen Mittelsmann, der auf Washington deutete. Sie waren davon besessen, einen Killer zu finden, der sich als Sie ausgab, damit ein wütender Taipan Ihnen Ihre Frau zurückgeben würde - ein Mann, dessen eigene Frau angeblich von dem Meuchelmörder umgebracht worden war, der sich Jason Borowski nannte. Zuerst hielt ich das für Wahnsinn; aber dann habe ich die aberwitzige Logik des Ganzen durchschaut. Havilland hatte recht. Wenn es überhaupt einen Menschen gab, der den Meuchelmörder herbeischaffen und auf die Weise Sheng neutralisieren konnte, dann waren das Sie. Aber Sie durften keinerlei Verbindungen zu Washington haben. Deshalb mußte man Sie in ein solches Lügengespinst verstricken. Sonst hätten Sie normaler reagiert. Sie hätten zur Polizei gehen können oder den Regierungsbehörden, zu Leuten, die Sie von früher kannten, oder zu Stellen, an die Sie sich aus der Vergangenheit erinnerten -«
»Ich bin zu Leuten gegangen, die ich von früher kannte.«
»Und haben nichts erfahren, nur daß die Regierung Sie, je mehr Sie drohten, Ihr Schweigen zu brechen, um so eher wieder in ein Sanatorium stecken würde. Schließlich kamen Sie von Medusa und waren als Amnesiepatient bekannt, sogar als Schizophrener.«
»Conklin ging zu anderen -«
»Und erfuhr anfänglich nur so viel, daß wir rausfinden konnten, was er wußte, was er sich zusammengereimt hatte. Es heißt, er war einmal einer unserer besten Leute.«
»Das war er. Das ist er noch.«
»Von Ihnen hat er gesagt, Sie seien nicht zu retten.«
»Lange her. Unter den gegebenen Umständen hätte ich vielleicht dasselbe getan. Er hat in Washington eine ganze Menge mehr als ich erfahren.«
»Man hat ihn dazu gebracht, genau das zu glauben, was er glauben wollte. Das war einer der brillantesten Schachzüge Havillands. Vergessen Sie nicht, Alexander Conklin ist ein ausgebrannter, verbitterter Mann. Er empfindet alles andere als Liebe für die Welt, in der er sein Leben verbracht hat, und für die Leute, mit denen er dieses Leben geteilt hat. Man hat ihm gesagt, daß eine mögliche Geheimoperation möglicherweise schiefgelaufen war, daß möglicherweise die Regie feindliche Elemente übernommen hatten.« McAllister hielt inne, als sie aus der Gasse hervortraten und sich vorübergehend unter die nächtlichen Passanten mischten - überall blitzten bunte Lichter. »Es war eine geschickte Lüge, die ihn weit zurückwarf, können Sie das nicht erkennen?« fuhr der Analytiker fort. »Conklin war überzeugt, daß sich tatsächlich jemand anders eingeschaltet hatte, daß Ihre Lage hoffnungslos war, und ebenso die Ihrer Frau, es sei denn, Sie spielten in dem neuen Stück mit.«
»So hat er es mir dargestellt«, sagte Jason mit gerunzelter Stirn. Er erinnerte sich an die Bar im Dulles-Flughafen und an die Tränen, die ihm in die Augen getreten waren. »Er hat mir gesagt, ich soll die Rolle laut Drehbuch weiterspielen.«
»Es blieb ihm nichts anderes übrig.« McAllister packte plötzlich Borowskis Arm und deutete mit einer Kopfbewegung auf eine dunkle Ladenfassade rechts vor ihnen.
»Wir müssen reden.«
»Wir reden doch«, sagte der Mann von Medusa scharf. »Ich weiß, wohin wir gehen, und wir dürfen keine Zeit vergeuden.«
»Sie müssen sich die Zeit nehmen«, beharrte der Analytiker. Die Verzweiflung in seiner Stimme veranlaßte Borowski, stehenzubleiben und ihn anzusehen und ihm dann in die finstere
Ladennische zu folgen. »Sie müssen verstehen, ehe Sie irgend etwas unternehmen.«
»Was muß ich verstehen? Die Lügen?«
»Nein, die Wahrheit.«
»Sie wissen doch gar nicht, was die Wahrheit ist«, sagte Jason.
»Doch, das weiß ich, vielleicht besser als Sie. Das ist mein Job. Havillands Strategie hätte sich als richtig erwiesen, wenn Ihre Frau nicht gewesen wäre. Sie ist geflohen, sie ist uns entkommen. Und damit war die Strategie im Eimer.«
»Das ist mir bekannt.«
»Dann ist Ihnen sicherlich auch bewußt, daß Sheng, ob er sie nun identifiziert hat oder nicht, von ihr weiß, und ihre Bedeutung begreift.«
»Darüber habe ich nie nachgedacht.«
»Dann tun Sie es jetzt. In Lin Wenzus Einheit gab es einen Verräter, als diese Einheit und ganz Hongkong nach ihr suchten. Catherine Staples ist umgebracht worden, weil sie mit Ihrer Frau in Verbindung stand und weil man erkannte, daß sie durch diese mysteriöse Frau entweder bereits zuviel erfahren hatte oder etwas sehr Verhängnisvolles erfahren würde. Sheng hat mit Sicherheit Anweisung erteilt, jede auch nur mögliche Opposition auszuschalten. Wie Sie in Peking selbst erlebt haben, ist er ein Fanatiker mit Paranoia.«