»Worauf wollen Sie hinaus?« fragte Borowski ungeduldig.
»Außerdem hat er einen brillanten Verstand, und seine Leute sind überall in der Kronkolonie.«
»Und?«
»Wenn die Morgenzeitungen und das Fernsehen die Nachricht bringen, wird er sich seine Gedanken machen und dann das Haus auf dem Victoria Peak und jeden Angehörigen von MI-6 auf Herz und Nieren untersuchen lassen, selbst wenn er das
Anwesen daneben in seine Gewalt bringen und doch noch einmal den britischen Geheimdienst infiltrieren muß.«
»Verdammt noch mal, worauf wollen Sie hinaus?«
»Er wird Havilland finden, und dann Ihre Frau.«
»Und?«
»Angenommen, das, was Sie vorhaben, scheitert? Angenommen, Sie kommen dabei um? Sheng wird keine Ruhe geben, solange er nicht alles erfahren hat, was es zu erfahren gibt. Der Schlüssel ist ohne Zweifel die Frau bei Havilland, die große Frau, nach der alle gesucht haben. Das muß sie sein. Wenn Ihnen irgend etwas zustößt, wird Havilland sie gehenlassen müssen. Und dann wird Sheng sie in seine Gewalt bringen - in Kai-tak oder in Honolulu oder in Los Angeles oder New York. Glauben Sie mir, Mr. Webb, er wird so lange keine Ruhe geben, bis er sie hat. Er muß wissen, was gegen ihn gespielt wird, und sie ist der Schlüssel. Sonst gibt es niemanden.«
»Noch einmal, worauf wollen Sie hinaus?«
»Alles könnte aufs neue anfangen, nur diesmal mit viel schrecklicheren Folgen.«
»Das Drehbuch?« fragte Jason, und schreckliche Bilder aus der Schlucht in dem Vogelreservat drängten durch einen blutroten Schleier auf ihn ein.
»Ja«, sagte der Analytiker mit fester Stimme. »Nur daß diesmal Ihre Frau wirklich entführt würde, nicht nur als Teil der Strategie, um Ihre Mitwirkung zu erzwingen. Sheng würde dafür sorgen.«
»Nicht, wenn Sheng tot ist!«
»Aber das Risiko, daß unser Plan scheitert, besteht ja - das Risiko, daß er am Leben bleibt.«
»Sie versuchen hier etwas zu sagen und sprechen es nicht aus!«
»Also gut, dann will ich das jetzt tun. Als Killer sind Sie das Bindeglied zu Sheng, der, der an ihn heran kann, aber ich bin derjenige, der ihn herauslocken kann.«
»Sie?«
»Das war der Grund, weshalb ich der Botschaft gesagt habe, daß sie meinen Namen bei der Presseverlautbarung benutzen sollen. Sehen Sie, Sheng kennt mich, und ich habe sehr gut zugehört, als Sie Havilland Ihre Theorien erklärt haben. Er hat Ihnen die nicht abgenommen, und ich, offen gestanden, auch nicht. Sheng würde sich nicht zu einem Treffen mit einer unbekannten Person bereit finden, wohl aber zu einem Treffen mit jemandem, den er kennt.«
»Warum mit Ihnen?«
»Teils Wahrheit, teils Lüge«, sagte der Analytiker und wiederholte damit Borowskis Worte.
»Danke, daß Sie so aufmerksam zugehört haben. Aber jetzt müssen Sie mir das erklären.«
»Zuerst die Wahrheit, Mr. Webb oder Borowski oder wie Sie sonst genannt werden wollen. Sheng weiß sowohl, was ich für meine Regierung getan habe, und auch, daß ich ganz offensichtlich damit nicht vorwärtsgekommen bin. Ich bin ein intelligenter, aber unauffälliger, unb ekannter Bürokrat, den man übergangen hat, weil mir jene Eigenschaften fehlen, die meinem Fortkommen förderlich wären, die dazu führen könnten, daß ich prominent werde und schließlich eine lukrative Stellung in der Privatwirtschaft bekomme. In gewisser Weise bin ich wie Alexander Conklin, ohne sein Alkoholproblem, aber nicht ohne ein gewisses Maß seiner Verbitterung. Ich war so gut wie Sheng, und das wußte er, und er hat es geschafft und ich nicht.«
»Eine rührende Beichte«, sagte Jason, wieder ungeduldig geworden. »Aber warum sollte er sich mit Ihnen treffen? Wie könnten Sie ihn herauslocken - so daß man ihn töten kann?«
»Weil ich ein Stück von seiner Hongkong-Beute haben möchte. Ich hätte gestern nacht ums Leben kommen können. Das war der letzte Schlag für meine Selbstachtung, und jetzt, nach all den Jahren, will ich etwas für mich selbst, für meine Familie. Das ist die Lüge.«
»Ich höre Ihnen zu. Aber was Sie sagen, ergibt keinen Sinn. Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen.«
»Weil Sie nicht zwischen den Worten hören. Dafür bezahlt man mich, haben Sie das vergessen? ... Ich habe es satt, ich komme nicht weiter, sehe keine Chancen mehr für mich. Man hat mich hierhergeschickt, um einem Gerücht aus Taiwan nachzugehen und es zu analysieren. An diesem Gerücht über eine wirtschaftliche Verschwörung in Peking schien mir etwas dran zu sein, und wenn es stimmte, konnte es in Peking dafür nur eine Quelle geben: einen alten Verhandlungspartner aus den chinesisch-amerikanischen Handelskonferenzen, die Macht, die hinter Chinas neuer Handelspolitik steht. Nichts dergleichen könnte ohne ihn geschehen. Also ging ich davon aus, daß im besten Fall so viel an dem Gerücht dran war, um mit ihm Verbindung aufzunehmen, nicht um das Ganze auffliegen zu lassen, sondern offiziell, um das Gerücht um den richtigen Preis zu beseitigen. Ich könnte sogar so weit gehen und sagen, ich könne nichts erkennen, was den Interessen meiner Regierung zuwiderläuft und ganz sicher nicht den meinen. Das Wesentliche ist jedenfalls, daß er sich mit mir treffen müßte.«
»Und was dann?«
»Dann würden Sie mir sagen, was zu tun ist. Sie haben doch gesagt, ein einfacher Agent wäre dazu imstande, warum also nicht ich? Nur daß ich nicht mit Sprengstoff umgehen kann, dafür bin ich nicht ausgebildet. Aber eben mit einer Waffe.«
»Sie würden umgelegt werden.«
»Das Risiko gehe ich ein.«
»Warum?«
»Weil es getan werden muß, in dem Punkt hat Havilland recht. Und in dem Augenblick, wo Sheng sieht, daß Sie nicht der Doppelgänger sind, sondern das Original, der, der versucht hat, ihn in diesem Vogelreservat zu töten, würden seine Leibwächter Sie abknallen.«
»Ich hatte nie vor, daß er mich sehen sollte«, sagte Borowski leise. »Dafür hätten Sie sorgen sollen, aber nicht so.«
Im Schatten der dunklen Ladenfassade starrte McAllister den Mann von Medusa an. »Sie nehmen mich mit, nicht wahr?« fragte der Analytiker schließlich. »Zwingen mich, falls das notwendig sein sollte.«
»Ja.«
»Das habe ich mir gedacht. Sonst hätten Sie nicht so bereitwillig zugestimmt, daß ich mit Ihnen nach Macao gehe. Sie hätten mir sagen können, wie ich Sheng vom Flughafen aus erreiche, und verlangen, daß wir Ihnen eine bestimmte Zeitspanne geben, ehe wir handeln. Wir hätten uns auch daran gehalten, wir hatten viel zuviel Angst. Aber wie dem auch sei, Sie begreifen jetzt, daß Sie mich nicht zu zwingen brauchen. Ich habe sogar meinen Diplomatenpaß mitgebracht.« McAllister hielt einen Augenblick lang inne und fügte dann hinzu: »Und einen zweiten, den ich mir aus der Akte des Technikers besorgt habe - er gehört diesem Mann, der das Foto von Ihnen gemacht hat, das auf dem Tisch.«
»Was haben Sie?«
»Das technische Personal des Außenministeriums, das mit geheimen Vorgängen befaßt ist, muß seine Pässe abgeben. Das ist eine Sicherheitsmaßnahme und dient nur ihrem eigenen Schutz -«
»Ich habe drei Pässe«, unterbrach Jason. »Wie glauben Sie denn, daß ich mich sonst bewegen kann?«
»Wir wußten aus den Borowski-Akten, daß Sie wenigstens zwei hatten. Einen davon haben Sie auf dem Flug nach Peking benutzt, den, in dem steht, daß Sie braune Augen haben. Wie haben Sie das geschafft?«