»Ich habe eine Brille getragen mit Spezialglas. Von einem Freund mit einem eigenartigen Namen - und der ist besser als alle Ihre Leute.«
»O ja. Ein schwarzer Fotograf, der sich Cactus nennt. Tatsächlich war er auch für Treadstone tätig, aber daran haben Sie sich ja offensichtlich erinnert, oder vielleicht daran, daß er Sie in Virginia besucht hat. Nach den Akten mußte man ihn gehen lassen, weil er mit Kriminellen zu tun hat.«
»Wenn Sie ihm ein Haar krümmen, mache ich Sie fertig.«
»Nicht nötig. Im Augenblick übertragen wir einfach eines der drei Fotos, das am besten zu der Beschreibung im Paß des Technikers paßt.«
»Das ist Zeitvergeudung.«
»Ganz und gar nicht. Diplomatenpässe bieten beträchtliche Vorteile, ganz besonders hier. Sie machen die zeitraubende Visabeschaffung überflüssig, und obwohl ich sicher bin, daß Sie über Quellen verfügen, sich ein Visum zu kaufen, ist es so einfacher. China will unser Geld, Mr. Borowski, und unsere Technologie. Man wird uns schnell über die Grenze lassen, und Sheng wird bei der Einwanderungsbehörde nachfragen und sich vergewissern können, daß ich der bin, der ich zu sein behaupte. Außerdem haben wir dann keinerlei Schwierigkeiten mit Verkehrsmitteln, und das könnte wichtig sein, je nach unseren diversen Telefongesprächen mit Sheng und seinen Mitarbeitern.«
»Unseren diversen was?«
»Sie werden in der entsprechenden Reihenfolge mit seinen Untergebenen sprechen. Ich werde Ihnen sagen, was Sie sagen müssen, aber wenn wir dann endgültig grünes Licht haben, werde ich mit Sheng Chou Yang sprechen.«
»Sie spinnen!« schrie Jason McAllister an. »Sie sind in diesem Geschäft ein Amateur!«
»In Ihrem Geschäft bin ich das tatsächlich. Aber nicht in meinem.«
»Warum haben Sie Havilland nichts von diesem großartigen Plan gesagt?«
»Weil er nicht zugestimmt hätte. Er hätte mich unter Hausarrest gestellt, weil er es mir nicht zugetraut hätte. Das meint er immer. Ich verkaufe mich schlecht. Ich eigne mich nicht für diese glatten Antworten, die so aufrichtig klingen, aber so jämmerlich nichtssagend sind. Aber hier geht es um etwas völlig anderes, und diese großspurigen Typen, die sich so großartig verkaufen, wissen das ganz genau, weil alles in ihr theatralisches Weltbild paßt. Abgesehen von wirtschaftlichen Fragen, ist dies eine Verschwörung, um die Führung eines mißtrauischen, autoritären Regimes zu unterminieren. Und wer steht im Zentrum dieser Verschwörung, die scheitern muß! Wer sind diese Infiltratoren, denen Peking so vertraut? Chinas überzeugteste Feinde - die eigenen Brüder aus der Kuomintang auf Taiwan. Und auch diesmal wird, um es vulgär auszudrücken, dann, wenn die Kacke am Dampfen ist, alle Welt ein Geschrei anstimmen von Verrat und einem gerechtfertigten >inneren Umsturz<, weil sie nichts anderes können. Und dann wird es zu Gewalttaten kommen, zu ganz massiven.«
Jetzt starrte Borowski den Analytiker an; er war zum erstenmal betroffen. Und er erinnerte sich an Maries Worte, die sie in anderem Zusammenhang gesprochen hatte, die aber haargenau auf die augenblickliche Situation paßten. »Das ist keine Antwort«, sagte er. »Das ist ein Standpunkt, aber keine Antwort. Warum Sie! Ich hoffe, Sie tun das nicht, um Ihren Anstand zu beweisen. Das wäre unsinnig. Und sehr gefährlich.«
»Sie glauben mir vielleicht nicht«, sagte McAllister, runzelte die Stirn und blickte zu Boden. »Soweit es Sie und Ihre Frau betrifft, glaube ich, daß das ein Teil davon ist - ein kleiner Teil.« Dann hob er die Augen wieder und fuhr ruhig fort: »Aber der wesentliche Grund, Mr. Borowski, ist der, daß ich es leid bin, Edward Newington McAllister zu sein, vielleicht ein brillanter, aber ganz sicher ein belangloser Analytiker. Ich bin der Experte im Hintergrund, den man ruft, wenn die Dinge zu kompliziert werden, und der seine Schuldigkeit getan hat, wenn er seinen Senf dazu gibt. Vielleicht möchte ich bloß einen Augenblick im Rampenlicht stehen.«
Jason musterte sein Gegenüber in der dunklen Nische. »Vorhin haben Sie gesagt, es bestehe die Gefahr, daß mir nicht gelingt, was ich vorhabe, und ich bin in diesem Geschäft erfahren. Sie sind es nicht. Haben Sie über die Folgen nachgedacht, wenn Ihr Plan scheitert?«
»Ich glaube nicht, daß er das wird.«
»Sie glauben nicht, daß er das wird«, wiederholte Borowski leise. »Darf ich fragen, warum?«
»Weil ich ihn mir gründlich überlegt habe.«
»Das ist ja beruhigend.«
»Nein, wirklich«, protestierte McAllister. »Die Strategie ist ganz einfach: Ich muß mit Sheng allein sein. Mir kann das gelingen, Ihnen nicht. Ich brauche nur ein paar Sekunden - und eine Waffe.«
»Wenn ich das zuließe, weiß ich nicht, was mir mehr Angst machen würde: Ihr Erfolg oder Ihr Scheitern. Darf ich Sie daran erinnern, daß Sie Staatssekretär der Regierung der Vereinigten Staaten sind? Was ist, wenn man Sie erwischt? Dann gute Nacht, schöne Welt.«
»Darüber habe ich seit meiner Ankunft in Hongkong nachgedacht.«
»Was haben Sie?«
»Ich habe wochenlang gedacht, daß das die Lösung sein könnte, daß ich die Lösung sein könnte. Die Regierung ist abgesichert. Ich habe alles schriftlich am Victoria Peak hinterlassen, mit einer Kopie für Havilland und einer zweiten, die dem chinesischen Konsulat in Hongkong nach zweiundsiebzig Stunden zu übergeben ist. Vielleicht hat der Botschafter die seine schon gefunden. Sie sehen also, es gibt kein Zurück.«
»Was, zum Teufel, haben Sie getan?!«
»Ich habe etwas beschrieben, was auf einen persönlichen Racheakt an Sheng hinausläuft. Bei meiner Vorgeschichte und der Zeit, die ich hier verbracht habe, und Shengs bekanntem Hang zur Geheimnistuerei ist das Ganze sogar recht plausibel. Seine Feinde im Zentralkomitee jedenfalls werden sich darauf stürzen. Wenn ich ums Leben komme oder festgenommen werde, wird sich so viel Aufmerksamkeit auf Sheng richten, wird man trotz allen Leugnens so viele Fragen stellen, daß er nicht wagen wird, etwas zu unternehmen - falls er überlebt.«
»Gütiger Gott«, sagte Borowski.
»Es ist nicht nötig, daß Sie die Einzelheiten kennen. Im wesentlichen werfe ich ihm vor, daß er sein Wort gebrochen hat, daß er mich in Hongkong kaltgestellt hat, nachdem ich ihm jahrelang bei seinen Machenschaften geholfen habe. Er schaltet mich aus, weil er mich nicht mehr braucht und weiß, daß ich unmöglich etwas sagen kann, weil ich dann ruiniert wäre. Ich habe geschrieben, daß ich sogar Angst um mein Leben hätte.«
»Vergessen Sie es!« schrie Jason. »Vergessen Sie die ganze verdammte Geschichte! Das ist verrückt!«
»Sie gehen davon aus, daß ich scheitern werde. Oder daß man mich festnimmt. Ich glaube weder das eine noch das andere -Ihre Hilfe natürlich vorausgesetzt.«
Borowski atmete tief und senkte dann die Stimme. »Ich bewundere Ihren Mut, selbst Ihren unterschwelligen Sinn für
Anstand, aber es gibt einen besseren Weg. Sie werden Ihren Augenblick im Rampenlicht bekommen, Mr. Analytiker, aber nicht so.«
»Wie dann?« fragte der Staatssekretär verwirrt.
»Ich habe gesehen, wie Sie arbeiten, und Conklin hat recht gehabt. Sie sind zwar ein Schweinehund, aber Sie verstehen sich auf Ihr Handwerk. Sie haben sich hier sechs Jahre mit schmutzigen Tricks befaßt und haben im Namen der gutnachbarlichen Zusammenarbeit Killer und Diebe und Zuhälter aufgespürt. Sie wissen, welchen Knopf man drücken muß, und wissen, wo die Leichen im Keller liegen. Sie haben sich sogar an einen Arzt hier in Macao erinnert, der Ihnen eine Gefälligkeit schuldig war, und ihn dazu gebracht, sich zu revanchieren.«