»Ich kann ihm nicht helfen, weil er nicht will, daß man ihm hilft. Er wird seine letzte Flasche Whisky im Himmel trinken müssen. Mich würde es wundern, wenn er bis zu seiner Pensionierung am Jahresende durchhält. Andererseits, wenn er so weitersäuft, könnte es sein, daß die ihn in eine Zwangsjacke stecken und darin aus dem Verkehr ziehen. Ich habe keine Ahnung, wie er es schafft, jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Aber die Aussicht auf Pension ist die beste Überlebenstherapie -besser als alles, was Freud uns hinterlassen hat.«
Es lag höchstens fünf Monate zurück, daß Panov diese Worte gesprochen hatte. Und Conklin war immer noch im Dienst.
Tut mir leid, Mo. Sein Überleben - so oder so - ist mir gleichgültig. Soweit es mich betrifft, ist sein Status >tot<.
Aber jetzt war er nicht tot, dachte David, als er die Stufen zur Terrasse hinaufrannte. Alex Conklin war sehr lebendig, ob nun betrunken oder nicht, und selbst wenn er mehr Bourbon als Blut in den Adern hatte, verfügte er doch noch über seine Verbindungsleute, die Kontakte aus einem langen Leben der Hingabe an eine Schattenwelt, die ihn am Ende ausgestoßen hatte. In jener Welt gab es Verbindlichkeiten, Schulden, und solche Schulden wurden aus Furcht bezahlt.
Alexander Conklin. Die Nummer eins auf Jason Borowskis Todesliste.
Er öffnete die Tür und stand wieder in der Halle, aber diesmal sahen seine Augen das Chaos nicht. Statt dessen befahl ihm der Logiker in ihm, in sein Arbeitszimmer zurückzugehen und zu tun, was zu tun war; er mußte sich zur Ordnung rufen, denn ohne Ordnung gab es nichts als Konfusion, und Konfusion führte zu Fragen - und die konnte er sich nicht leisten. In der Realität, die er jetzt zu schaffen im Begriff war, mußte alles präzise sein, um die Neugierigen von der Realität abzulenken, die wirklich war.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch und versuchte sich zu konzentrieren. Vor ihm lag wie immer das Spiralheft aus dem Collegeladen. Er schlug die erste liniierte Seite auf und griff nach einem Bleistift ... Er konnte ihn nicht aufheben! Seine Hand zitterte so sehr, daß sein ganzer Körper bebte. Er hielt den Atem an und machte eine Faust, krampfte sie so zusammen, daß die Fingernägel sich ins Fleisch bohrten. Er schloß die Augen, öffnete sie wieder und zwang seine Hand, zu dem Bleistift zurückzukehren, befahl ihr, ihre Arbeit zu tun. Langsam, ungeschickt, packten seine Finger den dünnen gelben Stab und brachten den Bleistift in die richtige Position. Die Worte waren kaum lesbar, aber sie waren da.
Die Universität - den Präsidenten anrufen und den Dekan. Familienkrise, nicht Kanada - kann überprüft werden. Erfinden - ein Bruder in Europa vielleicht. Ja, Europa. Sonderurlaub -kurzer Sonderurlaub. Sofort. Werde mich wieder melden.
Haus - Verwaltung anrufen, dieselbe Geschichte. Jack bitten, regelmäßig nachzusehen. Hat Schlüssel. Thermostaten auf 16° drehen.
Post - Formular auf dem Postamt ausfüllen. Alle Post einlagern.
Zeitungen - abbestellen.
Die Kleinigkeiten, die gottverdammten Kleinigkeiten - die unwesentlichen Alltäglichkeiten wurden entsetzlich wichtig, und man mußte sich um sie kümmern, damit es überhaupt keine Anzeichen einer überstürzten Abreise ohne Rückkehr geben konnte. Das war sehr wichtig; er mußte sich bei jedem Wort daran erinnern. Man mußte dafür sorgen, daß die Fragen auf ein Minimum reduziert blieben, daß sich die unvermeidlichen Spekulationen auf ein Maß beschränkten, das man im Griff behalten konnte. Und das hieß: Er mußte mit dem naheliegenden Schluß fertig werden, daß die Leibwächter, die er in letzter Zeit gehabt hatte, irgendwie mit seinem Urlaub in Verbindung standen. Die plausibelste Erklärung war, die kurze Dauer seiner Abwesenheit hervorzuheben und die ganze Angelegenheit einfach abzutun, zum Beispiel mit >Übrigens, falls Sie sich fragen sollten, ob das etwas damit zu tun hat, daß ... nun, das hat es nicht. Das ist vorbei; hat ohnehin nicht viel genützt.< Wenn er mit dem Rektor der Universität und dem Dekan sprach, würde er besser wissen, wie er antworten mußte; ihre eigenen Reaktionen würden ihn lenken. Wenn ihn überhaupt etwas lenken konnte. Wenn er imstande war, zu denken! Du darfst nicht zurückrutschen! Du mußt vorwärtsgehen, bewege deinen Bleistift! Du mußt dieses Blatt füllen mit Dingen, die es zu tun gibt, und dann noch ein Blatt und noch eines! Pässe, Initialen auf Geldbörse und Brieftasche und Hemden - sie mußten mit den Namen übereinstimmen, die er verwendete; Reservierungen bei Fluggesellschaften - Verbindungsflüge, keine direkten Routen - Gott! Wohin? Marie, wo bist du?
Hör auf! Du mußt dich zusammenreißen. Du bist dazu fähig. Du mußt dazu fähig sein. Du hast keine Wahl, also sei, was du einmal warst. Du mußt eiskalt sein.
Und dann wurde die Schale, die er um sich herum aufzubauen im Begriff war, von dem ohrenzerfetzenden Klang des Telefons zerschmettert, das neben seiner Hand auf dem Schreibtisch stand. Er sah es an, schluckte, fragte sich, ob er imstande sein würde, auch nur entfernt normal zu klingen. Es klingelte erneut, und das Klingeln war penetrant. Du hast keine Wahl. Er nahm den Hörer ab, packte ihn mit solcher Kraft, daß seine Fingerknöchel weiß wurden. Irgendwie schaffte er es, das eine Wort herauszuquetschen: »Ja?«
»Hier spricht die Vermittlung für Luft-Boden-Gespräche, Satellitenübertragung -«
»Wer? Was haben Sie gesagt?«
»Ich habe ein Funkgespräch für einen Mr. Webb. Sind Sie Mr. Webb, Sir?«
»Ja.« Und dann zerbarst die Welt, die er kannte, in tausend zackige Spiegel, und jeder war ein Bild schreiender Qual.
»David!«
»Marie?«
»Keine Panik, David! Hörst du mich, keine Panik!« Ihre Stimme drang durch das Rauschen; sie gab sich große Mühe, nicht zu schreien, konnte aber nicht anders.
»Bist du in Ordnung? Auf dem Zettel stand, du seist verletzt -verwundet!«
»Mir fehlt nichts. Ein paar Kratzer, das ist alles.«
»Wo bist du?«
»Über dem Meer, soviel werden sie dir sagen. Mehr weiß ich nicht; man hat mir Beruhigungsmittel gegeben.«
»O Gott! Ich halte das nicht aus! Sie haben dich entführt!« »Reiß dich zusammen, David. Ich weiß, was sie dir damit antun, aber sie nicht. Verstehst du mich? Sie wissen es nicht!«
Damit sandte sie ihm eine verschlüsselte Nachricht; sie war nicht schwer zu dechiffrieren. Er mußte der Mann sein, den er haßte. Er mußte Jason Borowski sein, und der Meuchelmörder lebte und es ging ihm gut und er wohnte im Körper von David Webb.
»In Ordnung. Ich war dabei, den Verstand zu verlieren!«
»Deine Stimme wird über Lautsprecher verstärkt ...«
»Natürlich.«
»Die lassen mich zu dir sprechen, damit du weißt, daß ich lebe.«
»Haben sie dir weh getan?«
»Nicht absichtlich.«
»Was, zum Teufel, sind das für >Kratzer<?«
»Ich hab mich gewehrt, um mich geschlagen. Ich bin schließlich auf einer Ranch aufgewachsen.«
»O mein Gott -«
»David, bitte! Du darfst nicht zulassen, daß die dir das antun!«
»Mir? Dir tun sie es an!«
»Ich weiß, Darling. Ich denke, die stellen dich auf die Probe, verstehst du?«
Wieder die Botschaft. Sei Jason Borowski, um ihrer beider willen - um ihrer beider Leben willen. »In Ordnung. Ja, in Ordnung.« Er versuchte, sich zu beherrschen, seine Stimme unter Kontrolle zu bringen. »Wann ist es passiert?« fragte er.