»Heute morgen, etwa eine Stunde nachdem du weggegangen warst.«
»Heute morgen? Herrgott, den ganzen Tag? Wie?«
»Sie kamen an die Tür. Zwei Männer -« »Wer?«
»Man hat mir erlaubt zu sagen, daß sie aus dem Fernen Osten sind. Ich weiß tatsächlich nicht mehr als das. Sie haben mich aufgefordert, sie zu begleiten, und ich habe mich geweigert. Ich bin in die Küche gerannt und habe ein Messer gesehen. Ich habe einen von ihnen in die Hand gestochen.«
»Der Handabdruck an der Tür ...«
»Ich verstehe nicht.«
»Das ist unwichtig.«
»Ein Mann will mit dir reden, David. Hör ihn dir an, aber nicht im Zorn - nicht in Wut - kannst du das verstehen!«
»Ja, in Ordnung. Schon gut. Ich verstehe.«
Jetzt war die Stimme des Mannes zu hören. Sie kam stockend, aber präzise, mit fast britischem Akzent, jemand, den ein Engländer die englische Sprache gelehrt hatte, oder jedenfalls jemand, der in England gelebt hatte. Trotzdem war nicht zu verkennen, daß es sich um einen Asiaten handelte. Der Akzent deutete auf Südchina, der Tonfall, die kurzen Vokale und scharfen Konsonanten klangen kantonesisch.
»Wir wollen Ihrer Frau nichts zuleide tun, Mr. Webb, aber wenn es notwendig ist, wird es unvermeidbar sein.«
»Das würde ich nicht tun, wenn ich Sie wäre«, sagte David kalt.
»Jason Borowski?«
»Ja.«
»Diese Bestätigung ist der erste Schritt in unserer Übereinkunft. «
»Welcher Übereinkunft?«
»Sie haben einem Mann etwas von großem Wert genommen.«
»Sie haben mir etwas von großem Wert genommen.«
»Sie ist am Leben.«
»Das sollte sie auch besser bleiben.«
»Eine andere ist tot. Sie haben sie getötet.«
»Wissen Sie das genau?« Borowski würde nicht ohne weiteres zustimmen, wenn es nicht seinen Zwecken diente.
»Sehr genau.«
»Was für Beweise haben Sie?«
»Man hat Sie gesehen. Ein großer Mann, der sich im Schatten hielt und mit den Bewegungen einer Bergkatze durch Hotelkorridore rannte und über Feuerleitern kletterte.«
»Dann hat man mich aber doch nicht wirklich gesehen, oder? Das konnte man auch nicht. Ich war Tausende von Meilen weg.« Borowski würde sich stets eine Hintertür offenlassen.
»Was ist in unserem Jetzeitalter schon Entfernung?« Der Asiate hielt inne und fügte dann scharf hinzu: »Sie haben vor zweieinhalb Wochen fünf Tage Urlaub genommen.«
»Und wenn ich Ihnen jetzt sagte, daß ich in Boston an einem Symposion über die Sung- und Yuan-Dynastien teilgenommen habe - was keineswegs Urlaub ist, sondern zu meinen Obliegenheiten gehört -«
»Es verblüfft mich«, unterbrach der Mann höflich, »daß Jason Borowski sich so jämmerlich schwacher Ausreden bedient.«
Er hatte nicht nach Boston fahren wollen. Das Thema des Symposions war von seinen Vorlesungsfächern Lichtjahre entfernt, aber er war offiziell aufgefordert worden teilzunehmen. Die Aufforderung kam aus Washington, im Rahmen des Kulturaustauschs, und war durch die Fakultät für Orientalistik der Universität zu ihm gelangt. Herrgott! Jedes einzelne Rädchen war an seiner Stelle! »Eine Ausrede wofür?«
»Um an einem Ort zu sein, wo man nicht war. Viele Menschen, die sich zwischen den Ausstellungsgegenständen drängten, und gewisse Leute, die man bezahlt hat, zu beschwören, daß Sie dort waren.«
»Das ist lächerlich, hirnrissig. Ich bezahle nicht.«
»Man hat Sie bezahlt.«
»Mich? Wie?«
»Über dieselbe Bank, die Sie das letztemal benutzt haben. In Zürich. Die Gemeinschaftsbank in Zürich - in der Bahnhofstraße natürlich.«
»Seltsam, daß ich keinen Kontoauszug bekommen habe«, sagte David.
»Als Sie als Jason Borowski in Europa waren, haben Sie nie Bankauszüge gebraucht, weil Sie ein Dreifach-Null-Konto hatten - und das ist in der Schweiz absolut geheim. Aber wir haben bei den Papieren eines Mannes - eines toten Mannes natürlich - einen Überweisungsbeleg gefunden, der auf die Gemeinschaftsbank ausgestellt war.«
»Natürlich. Aber nicht bei dem Mann, den angeblich ich getötet habe.«
»Nein. Aber bei einem, der den Befehl gegeben hat, diesen Mann zu töten, und zugleich etwas, was für meinen Auftraggeber einen sehr hohen Wert besitzt.«
»Dieses Etwas von hohem Wert ist eine Trophäe, nicht wahr?«
»Trophäen gewinnt man, Mr. Borowski. Genug. Sie sind Sie. Begeben Sie sich ins Regent-Hotel in Kowloon. Tragen Sie sich unter irgendeinem Namen ein, der Ihnen gefällt, aber verlangen Sie Suite sechs-neun-null - sagen Sie, man habe sie Ihres Wissens für Sie reserviert.«
»Wie bequem. Meine eigenen Räumlichkeiten.«
»Das spart Zeit.«
»Es wird mich aber Zeit kosten, hier alles vorzubereiten.«
»Wir gehen davon aus, daß Sie niemand Anlaß geben, Alarm zu schlagen, und daß Sie sich so schnell auf den Weg machen, wie Sie können. Seien Sie Ende der Woche dort.«
»Verlassen Sie sich auf beides. Lassen Sie mich noch einmal mit meiner Frau sprechen.«
»Bedaure, das kann ich nicht.«
»Herrgott, Sie können doch alles hören, was wir sagen.«
»Sie werden in Kowloon mit ihr sprechen.«
Ein Klicken, dann das Echo und dann nichts mehr, nur Rauschen. Er legte den Hörer auf und merkte, daß er ihn mit solcher Kraft festgehalten hatte, daß sein Daumen und Zeigefinger verkrampft waren. Er löste die Hand von dem Apparat und schüttelte sie heftig und war zugleich dankbar, daß der Schmerz es ihm ermöglichte, langsam wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren. Er packte die rechte Hand mit der linken, hielt sie fest und preßte seinen linken Daumen ... und während er zusah, wie seine Finger sich lösten, wußte er, was er zu tun hatte - zu tun, ohne auch nur eine Stunde an die so wichtigen unwichtigen Alltäglichkeiten zu vergeuden. Er mußte Conklin in Washington erreichen, die Kanalratte, die auf der 71. Straße in New York versucht hatte, ihn am hellichten Tag zu töten. Alex, ob betrunken oder nüchtern, machte keinen Unterschied zwischen den Stunden des Tages und der Nacht, denn wo es um seine Arbeit ging, gab es weder Tag noch Nacht, nur das konturenlose Licht der Neonröhren in Büros, die nie schlössen. Wenn es sein mußte, würde er Alexander Conklin so lange unter Druck setzen, bis ihm das Blut aus den Rattenaugen quoll; er würde erfahren, was er wissen mußte, und Conklin konnte ihm die Information verschaffen.
Webb erhob sich leicht schwankend aus dem Sessel und ging in die Küche, wo er sich einen Drink eingoß und dankbar zur Kenntnis nahm, daß seine Hand nicht mehr so heftig zitterte wie vorher.
Gewisse Dinge konnte er delegieren. Jason Borowski delegierte nie etwas, aber er war immer noch David Webb, und es gab in der Universität etliche Leute, denen er vertrauen konnte - nicht etwa, daß er ihnen die Wahrheit hätte anvertrauen können, aber eine nützliche Lüge. Als er dann in sein Arbeitszimmer und zum Telefon zurückkehrte, hatte er sich seinen Verbindungsmann ausgewählt. Verbindungsmann - V-Mann, beim Himmel! Ein Wort aus der Vergangenheit, von dem er geglaubt hatte, er würde es vergessen können. Aber der junge Mann würde das tun, worum er ihn bat; schließlich würde er eines Tages sein Berater, ein gewisser David Webb, seine Arbeit benoten. Nutze den Vorteil, ob völlige Dunkelheit oder grelles Sonnenlicht herrscht. Aber nutze ihn, um Angst einzujagen oder auch voll Zartgefühl - was eben gerade nützt.
»Hallo, James? Hier David Webb.«
»Tag, Mr. Webb. Was hab ich denn verbockt?«
»Gar nichts, Jim. Mir hat man einiges verbockt, und ich könnte ein wenig private Hilfe brauchen. Wäre Ihnen das möglich?«
»Dieses Wochenende? Das Spiel?«