»Nein, bloß morgen früh. Vielleicht eine Stunde, wenn überhaupt. Und etwas, was in Ihren Studienpapieren gar nicht schlecht aussehen wird, falls Ihnen das nicht zu hochgestochen klingt ...«
»Nämlich?«
»Nun, im Vertrauen gesagt - und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mit niemandem darüber sprechen würden -, ich muß für eine Woche, vielleicht für zwei verreisen und will nachher gleich die Fakultät anrufen und vorschlagen, daß Sie für mich einspringen. Ihnen wird das keine Schwierigkeiten bereiten. Es geht um den Mandschu-Umsturz und die Chinesisch-Russischen Verträge, die ja heute ziemlich bekannt sind.«
»Also neunzehnhundert bis etwa neunzehnhundertsechs«, sagte der Doktorand voll Selbstgefühl. »Sie können das ja ein wenig ausbauen, und übersehen Sie die Japaner und Port Arthur und den alten Teddy Roosevelt nicht. Stellen Sie da Beziehungen her; das habe ich auch gemacht.«
»Das geht. Das mach ich. Ich werd mir die entsprechenden Quellen heraussuchen. Und was ist morgen?«
»Ich muß noch heute abreisen, Jim. Meine Frau ist bereits vorausgefahren. Haben Sie einen Bleistift zur Hand?«
»Ja, Sir.«
»Sie wissen ja, was man von den Zeitungen sagt, die sich am Gartentor auftürmen. Es wäre nett, wenn Sie die Zustellung anrufen, und dann gehen Sie bitte auf die Post und sagen Sie denen, sie sollen alles einlagern - unterschreiben Sie eben, was die Ihnen vorlegen. Und dann rufen Sie die Hausverwaltung Scully an und sprechen Sie mit Jack oder Adele und sagen Sie ihnen, die sollen ...«
Damit war dieser Punkt abgehakt. Das nächste Telefonat verlief viel einfacher, als David das erwartet hatte, da der Rektor der Universität vom Präsidenten bei einem Dinner geehrt werden sollte und sich daher viel mehr für seine bevorstehende Rede als für einen obskuren - wenn auch ungewöhnlichen -Gastdozenten und dessen Urlaub interessierte. »Bitte, sprechen Sie mit dem Dekan, Mr. Webb. Ich hab im Augenblick noch den ganzen Spendenkram am Hals.«
Mit dem Dekan ging es nicht so leicht. »David, hat das etwas mit diesen Leuten zu tun, die letzte Woche dauernd mit Ihnen herumliefen? Ich meine, alter Junge, schließlich bin ich einer der wenigen hier, die wissen, daß Sie in Washington mit Staatsgeheimnissen zu tun hatten.«
»Überhaupt nichts, Doug. Das war von Anfang an Unsinn; aber was mich jetzt beschäftigt, ist was anderes. Mein Bruder ist ernsthaft verletzt worden, sein Wagen ist ein Wrack. Ich muß für ein paar Tage nach Paris, vielleicht eine Woche, länger wird es nicht dauern.«
»Ich war vor zwei Jahren in Paris. Die Leute fahren dort alle wie die Irren.«
»Auch nicht schlimmer als in Boston, Doug, und viel besser als in Kairo.«
»Nun, ich denke, das wird sich irgendwie regeln lassen. Eine Woche ist ja nicht so schlimm, Johnson ist wegen seiner Lungenentzündung fast einen Monat ausgefallen -«
»Ich habe bereits das Nötige veranlaßt - Ihre Zustimmung vorausgesetzt. Jim Crowther, ein junger Doktorand, wird meine Vorlesungen übernehmen. Er ist mit dem Stoff vertraut.«
»O ja, Crowther, ein tüchtiger junger Mann, trotz seines Bartes. Ich habe zu Bärtigen nie Vertrauen gehabt, aber schließlich war ich auch in den sechziger Jahren hier.«
»Versuchen Sie doch mal, sich einen Bart stehen zu lassen. Das macht Sie vielleicht frei.«
»Das spar ich mir lieber. Sind Sie auch ganz sicher, daß das nichts mit diesen Leuten aus dem Außenministerium zu tun hat? Ich muß die Fakten haben, David. Wie heißt Ihr Bruder? In welchem Krankenhaus in Paris liegt er?« »Ich kenne das Krankenhaus nicht, aber Marie wird das wissen - sie ist heute morgen schon geflogen. Wiedersehn, Doug. Ich ruf Sie morgen oder übermorgen an. Ich muß zum Logan Airport in Boston.«
»David?«
»Ja?«
»Warum habe ich eigentlich das Gefühl, daß Sie nicht ganz ehrlich mit mir sind?«
Webb erinnerte sich. »Weil ich mich noch nie in dieser Lage befunden habe«, sagte er. »Weil ich noch nie einen Freund um eine Gefälligkeit bitten mußte, wo es um jemanden geht, an den ich lieber nicht denken möchte.«
David legte den Hörer auf.
Der Flug von Boston nach Washington war zum Verrücktwerden. Das kam von dem verknöcherten Professor der Pedanterie - was er wirklich lehrte, fand David nicht heraus -, der auf dem Platz neben ihm saß. Die Stimme des Mannes war so penetrant wie die behäbigen Töne eines Schauspielers im Fernsehen, der die Rolle des uralten Chefs einer Maklerfirma übernommen hatte und immer nur sagte: »Die haben es nicht besser verdient!«
Der Satz wiederholte sich unablässig in Webbs Bewußtsein, ganz gleich, was der Mann sagte - und er sagte eine ganze Menge. Erst als sie auf dem National Airport landeten, gestand der Pedant die Wahrheit.
»Ich muß Sie schrecklich gelangweilt haben, verzeihen Sie mir. Ich habe furchtbare Angst vor dem Fliegen, also rede ich die ganze Zeit. Albern, nicht wahr?«
»Ganz und gar nicht, aber warum haben Sie das nicht gesagt? Ist doch schließlich kein Verbrechen.«
»Angst vor Spott, denke ich.«
»Das werde ich mir merken, wenn ich das nächste Mal neben jemandem wie Ihnen sitze.«
Webb lächelte nur ganz kurz. »Vielleicht könnte ich dann helfen.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Und sehr anständig. Danke. Vielen, vielen Dank.«
»Keine Ursache.«
David holte sich seinen Koffer vom Laufband und ging hinaus, um sich ein Taxi zu nehmen, und ärgerte sich, daß die Taxifahrer keine einzelnen Fahrgäste annahmen, sondern darauf bestanden, daß zwei oder mehr, die dieselbe Richtung hatten, sich zusammentaten. Eine Frau teilte den Rücksitz mit ihm, eine sehr attraktive Frau, die Körpersprache und flehende Blicke einsetzte - was ihn beides kalt ließ.
Er trug sich im Jefferson-Hotel in der 16. Straße unter einem falschen Namen ein, den er erst im Taxi erfunden hatte. Die Wahl des Hotels hingegen war wohlüberlegt; es war nur eine Straße von Conklins Wohnung entfernt, die der CIA-Beamte seit fast zwanzig Jahren bewohnte, wenn er nicht im Außendienst war. David hatte sich die Adresse beschafft, ehe er Virginia verlassen hatte, wieder ganz seinem Instinkt folgend.
Die Telefonnummer hatte er auch, wußte aber, daß die nutzlos war; er durfte Conklin nicht anrufen. Der würde dann nur seine Verteidigung vorbereiten, mehr geistig als physisch, und Webb wollte einen unvorbereiteten Mann; er wollte ohne Vorwarnung auf der Begleichung einer Schuld bestehen, die jetzt fällig war.
David sah auf die Uhr; es war zehn Minuten vor Mitternacht, ein Zeitpunkt, der ebensogut war wie jeder andere und besser als die meisten. Er wusch sich, wechselte das Hemd und grub schließlich eine der zwei zerlegten Pistolen aus seinem Koffer, nahm sie aus der dicken, mit Metallfolie gefütterten Tasche. Er setzte die einzelnen Teile zusammen, prüfte den Abzug und schob den Ladestreifen hinein. Er brachte die Waffe in Anschlag und beobachtete seine Hand und stellte befriedigt fest, daß da kein Zittern war. Die Waffe fühlte sich sauber und selbstverständlich an. Noch vor acht Stunden hätte er nicht geglaubt, daß er imstande sein würde, eine Waffe in der Hand zu halten, aus Angst, er könnte sie abfeuern. Aber das war vor acht Stunden gewesen, nicht jetzt. Jetzt fühlte sie sich vertraut an, wie ein Teil seiner selbst, ein Teil von Jason Borowski.
Er verließ das Jefferson und ging die 16. Straße hinunter, bog an der Ecke nach rechts und blickte auf die absteigenden Nummern der alten Mietshäuser, die ihn an die Backsteingebäude der Upper East Side von New York erinnerten. In dieser Beobachtung lag eine seltsame Logik, wenn man an die Rolle dachte, die Conklin im Treadstone-Projekt gespielt hatte, dachte er. Treadstone einundsiebzig in Manhattan war ein Backsteinbau gewesen, ein eigenartiges Gebäude, bei dem er unwillkürlich den Eindruck gehabt hatte, es sei von Ratten bevölkert. Er sah es ganz deutlich vor sich, hörte deutlich die Stimmen, ohne verstehen zu können, was sie sagten - die Brutkammer von Jason Borowski.