»Und dann steigt die Lüge, damit das miese Stück abgesetzt wird«, sagte Conklin und schenkte sich Kaffee nach. »Und zwar eine so unerhörte Lüge, daß sie schon fast wieder wahr sein könnte.«
»Was, zum Beispiel?«
»Das weiß ich noch nicht. Das müssen wir uns überlegen. Es muß etwas völlig Unerwartetes sein, etwas, das die Strategen aus dem Gleichgewicht bringt, wer auch immer sie sind - weil mir nämlich mein Instinkt sagt, daß sie die Situation nicht mehr in der Hand haben. Wenn ich recht habe, wird einer von ihnen Kontakt aufnehmen müssen.«
»Dann hol jetzt deine Notizbücher heraus«, drängte David. »Dort findest du ganz bestimmt fünf oder sechs Leute, die dafür in Frage kommen.«
»Das könnte Stunden, ja sogar Tage in Anspruch nehmen«, wandte der CIA-Beamte ein. »Die haben ihre Barrikaden errichtet, und ich müßte mich zuerst um sie herumarbeiten. Soviel Zeit haben wir nicht - du hast nicht soviel Zeit.«
»Die müssen wir einfach haben! Du mußt anfangen.«
»Es gibt eine bessere Methode«, widersprach Alex. »Panov hat sie dir geliefert.«
»Mo?«
»Ja. Die Akten im Außenministerium, die offiziellen Aufzeichnungen.«
»Die Akten ...?« Webb hatte das einen Augenblick lang vergessen gehabt, nicht aber Conklin. »In welcher Hinsicht?«
»Dort haben sie angefangen, diese neue Akte über dich aufzubauen. Ich mache mich inzwischen an die Sicherheitsabteilung heran und tische denen eine andere Version auf, zumindest eine Version, die erfordert, daß irgend jemand Antworten liefert - wenn ich recht habe, wenn das mit dem Versuchsballon klappt. Diese Akten sind nur ein Mittel zum Zweck; die Sicherheitsbeamten, die dafür zuständig sind, werden Raketen hochgehen lassen, wenn sie meinen, daß sich jemand daran zu schaffen gemacht hat. Die werden unsere Arbeit für uns tun ... Aber erst brauchen wir die Lüge.«
»Alex«, sagte David und beugte sich im Sessel weit nach vorne, »vor ein paar Augenblicken hast du etwas von absetzen gesagt -«
»Ich habe nur gemeint, daß wir ihnen das Handwerk legen müssen.«
»Das weiß ich, aber wie wäre es, wenn wir es hier in einem anderen Sinn verwenden würden? Die sagen doch immer, ich sei pathologisch schizophren - das bedeutet doch, daß ich phantasiere, manchmal die Wahrheit sage und manchmal nicht, und daß ich das eine nicht vom anderen unterscheiden kann.«
»Ja, das sagen die«, räumte Conklin ein. »Einige von denen glauben es vielleicht sogar. Und?«
»Warum machen wir uns diese Ansicht dann nicht zunutze? Wir sagen denen, daß Marie sich abgesetzt hat. Sie hat mit mir Verbindung aufgenommen, und ich bin zu ihr unterwegs.«
Alex runzelte die Stirn, dann machte er große Augen, und die Runzeln auf seiner Stirn glätteten sich. »Das ist perfekt«, sagte er leise. »Mein Gott, wirklich perfekt! Die Verwirrung wird sich ausbreiten wie ein Buschfeuer. Bei einer Operation wie dieser kennen nur zwei oder drei Männer sämtliche Einzelheiten. Die anderen sind nicht in alles eingeweiht. Herrgott, kannst du dir das vorstellen? Eine amtlich sanktionierte Entführung! Ein paar Leute im innersten Zirkel könnten tatsächlich in Panik geraten und übereinander herfallen, weil sie an nichts anderes denken, als ihre Ärsche zu retten. Sehr gut, Mr. Borowski.«
Eigenartigerweise störte Webb die Anrede überhaupt nicht, er akzeptierte sie einfach, ohne nachzudenken. »Hör zu«, sagte er und stand auf, »wir sind beide erschöpft. Wir wissen jetzt, was wir wollen, also sollten wir ein paar Stunden schlafen und am Morgen noch einmal alles durchgehen. Wir beide haben schließlich schon vor Jahren gelernt, wie wichtig wenigstens ein paar Stunden Schlaf sind.«
»Gehst du ins Hotel zurück?« fragte Conklin.
»Auf keinen Fall«, erwiderte David und sah den müde wirkenden CIA-Mann an. »Bring mir einfach eine Decke. Ich schlafe hier, vor der Bar.«
»Du hättest auch lernen sollen, wann man sich um manche Dinge keine Sorgen zu machen braucht«, sagte Alex. Er stand auf und humpelte zu einem Schrank in der Nähe der kleinen Diele. »Wenn das meine letzte Schlacht sein soll - so oder so -, dann werde ich sie mit ganzer Kraft durchfechten. Vielleicht bringt das sogar etwas Ordnung in mein Leben.« Conklin drehte sich um. Er hatte jetzt eine Decke und ein Kopfkissen in der Hand, die er aus dem Schrank geholt hatte. »Man könnte das vielleicht eine Art Vorahnung nennen. Aber weißt du, was ich gestern abend nach der Arbeit gemacht habe?«
»Natürlich. Schließlich gibt es neben einigen anderen Hinweisen ein zerbrochenes Glas auf dem Boden.«
»Nein, ich meine vorher.«
»Was?«
»Ich war im Supermarkt und hab tonnenweise Lebensmittel gekauft. Steaks, Eier, Milch - sogar den Pamps, den die Hafermehl nennen. Ich meine, das tu ich sonst nie.«
»Du hast eben tonnenweise Lebensmittel gebraucht. Das kommt manchmal vor.«
»Dann gehe ich in ein Restaurant.«
»Worauf willst du hinaus?«
»Leg du dich schlafen; die Couch ist groß genug. Ich mache mir etwas zu essen. Ich möchte noch nachdenken. Ich brate mir ein Steak und vielleicht ein paar Eier.«
»Du brauchst Schlaf.«
»Zwei, zweieinhalb Stunden reichen. Und dann esse ich etwas von dem verdammten Hafermehl.«
Alexander Conklin ging durch den Korridor im dritten Stock des Außenministeriums. Er war bemüht, sein Humpeln zu unterdrücken, was es nur um so schmerzhafter machte. Er wußte, was mit ihm vorging: Da war eine Aufgabe, die ihm gestellt war und die er gut erledigen wollte - sogar brillant, falls dieser Begriff für ihn noch irgendeine Bedeutung hatte. Alex war zwar bewußt, daß er die monatelange Vergiftung seines Körpers und seines Blutes nicht in wenigen Stunden ungeschehen machen konnte, aber dafür war etwas in ihm, das er zu Hilfe rufen konnte, und dieses Etwas war seine ganz besondere Kompetenz, in die sich rechtschaffener Zorn mischte. Herrgott, was für eine Ironie! Vor einem Jahr hatte er den Mann zerstören wollen, den sie Jason Borowski nannten; und jetzt war er plötzlich wie besessen davon, David Webb zu helfen - weil es unrecht gewesen war, Jason Borowski umbringen zu wollen. Das konnte bedeuten, daß er dabei selbst in Todesgefahr geriet, auf die Abschußliste, das war ihm klar. Aber dieses Risiko ging er aus freien Stücken ein. Vielleicht erzeugte das Gewissen nicht immer nur Feiglinge. Manchmal führte es dazu, daß ein Mann sich wohler in seiner Haut fühlte.
Und besser aussah, überlegte er. Er hatte sich dazu gezwungen, eine größere Strecke zu Fuß zu gehen, als seinem Fuß guttat, und so hatte der kalte Herbstwind, der durch die Straßen wehte, seinem Gesicht eine Farbe verliehen, die es seit Jahren nicht mehr gekannt hatte. Frisch rasiert und in einem gebügelten Nadelstreifenanzug, den er schon monatelang nicht mehr getragen hatte, hatte er nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem Mann, den Webb letzte Nacht vorgefunden hatte. Alles andere hing von seiner Leistung ab, auch das wußte er, während er jetzt auf die geheiligte Doppeltür zum Büro des Leiters der Inneren Sicherheit im Außenministerium zuging.
Mit Formalitäten wurde wenig Zeit vergeudet und noch weniger mit formloser Konversation. Auf Conklins Bitte - also auf Ersuchen der CIA - mußte ein Adjutant den Raum verlassen, und dann sah er sich dem ehemaligen Brigadegeneral aus der Abteilung G-2 der Army gegenüber, der jetzt für die Innere Sicherheit des Außenministeriums zuständig war. Alex hatte sich vorgenommen, mit seinen ersten Worten klarzustellen, wer hier das Sagen hatte.