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Die Tür öffnete sich, und Cactus, der einen grünen Augenschutz trug, unter dem er hervorblinzelte, begrüßte ihn ebenso beiläufig, als hätten sie einander erst vor wenigen Tagen gesehen.

»Haben Sie Radkappen an Ihrem Wagen, David?«

»Ich habe keinen Wagen und auch kein Taxi; der Fahrer wollte nicht warten.«

»Der hat wahrscheinlich all die grundlosen Gerüchte gehört, die von der faschistischen Presse in Umlauf gesetzt werden. Dabei habe ich drei Maschinengewehre hinter den Fenstern. Kommen Sie, kommen Sie rein, Sie haben mir gefehlt. Warum haben Sie nicht mal angerufen?«

»Weil Ihre Nummer nicht im Telefonbuch steht, Cactus.«

»Muß ich vergessen haben.«

Sie plauderten ein paar Minuten in der Küche, dann begriff der Fotograf, daß Webb es eilig hatte. Der alte Mann führte David in sein Studio, legte Webbs drei Pässe unter eine Tischlampe, um sie genauer zu inspizieren, und wies dann seinen Kunden an, vor einer Kamera Platz zu nehmen.

»Wir werden das Haar aschblond machen, aber nicht so hell, wie es in der Zeit nach Paris war. Der aschblonde Ton verändert sich je nach Beleuchtung, und auf die Weise können wir dasselbe Bild verwenden - ohne das Gesicht zu verändern. Und an den Augenbrauen brauchen wir auch nichts zu machen, das erledige ich hier mit dem Retuschestift.«

»Und was machen wir mit den Augen?« fragte David.

»Für Kontaktlinsen haben wir diesmal keine Zeit, aber das kriegen wir schon hin. Dafür gibt es auch Brillen - Sie können blaue Augen kriegen oder braune oder schwarz wie die spanische Armada, wenn Sie wollen.«

»Am besten alle drei«, sagte Webb.

»Die sind teuer, David, und es gibt sie nur gegen Bargeld.«

»Das habe ich.«

»Dann sagen Sie es nur nicht weiter.«

»So, und jetzt das Haar. Wer?«

»Hier in der Straße. Meine Teilhaberin. Früher hatte sie einen eigenen Kosmetiksalon, bis die Bullen sich einmal die Zimmer im Obergeschoß angesehen haben. Sie macht gute Arbeit. Kommen Sie, ich bring Sie zu ihr.« Eine Stunde später schlüpfte Webb unter der Trockenhaube hervor und musterte sich in dem großen Spiegel. Die Kosmetikerin, eine kleine Negerin mit gepflegtem grauem Haar und geübtem Blick, stand neben ihm.

»Sie sind es, und doch sind Sie es nicht«, sagte sie und nickte zuerst und schüttelte dann den Kopf. »Gute Arbeit, das muß ich wirklich sagen.«

Das stimmte, dachte David nach einem Blick auf sein neues Ebenbild. Sein dunkles Haar war nicht nur viel, viel heller geworden, sondern paßte auch zur Hautfarbe seines Gesichts. Außerdem wirkte das Haar irgendwie lockerer, gepflegt und doch leger - eine Windstoßfrisur, hätte man dazu wohl früher gesagt. Der Mann, den er im Spiegel musterte, war zwar er und doch auch jemand anderer, der ihm verblüffend ähnelte - aber nicht er selbst.

»Ich muß Ihnen zustimmen«, sagte Webb. »Sehr gut. Was schulde ich Ihnen?«

»Dreihundert Dollar«, erwiderte die Frau. »Inklusive fünf Päckchen Spezialspülung mit Gebrauchsanweisung und die verschlossensten Lippen von ganz Washington. Das Waschpulver sollte zwei Monate halten, die Lippen den Rest Ihres Lebens.«

»Sie sind ein Schatz.« David griff nach seiner ledernen Geldspange, zählte die Scheine ab und gab sie ihr. »Cactus hat gesagt, Sie würden ihn anrufen, wenn wir fertig sind.«

»Nicht nötig; der ist schon hier. Er wartet im Salon.«

»Dem Salon?«

»Oh, eigentlich ist es ein Gang mit einer Couch und einer Stehlampe, aber ich nenne es so gerne einen Salon. Klingt doch nett, oder?«

Die Fotositzung war schnell beendet, obwohl Cactus sie ein paarmal unterbrach, um den Augenbrauen mit Hilfe einer Zahnbürste und von Spray eine andere Form zu geben und ihm Hemden und Jacketts zum Wechseln zu bringen - Cactus verfügte über eine Garderobe, die einem Kostümverleiher alle Ehre gemacht hätte -, und dann setzte er sich am Ende noch zwei verschiedene Brillen auf - eine Nickel- und eine Schildpattbrille -, die seine hellbraunen Augen für zwei der Pässe blau und dunkelbraun erscheinen ließen. Dann machte sich der Spezialist daran, die Fotos mit dem Geschick eines Chirurgen in die Pässe einzufügen und unter einem großen, starken Vergrößerungsglas mit einem selbst konstruierten Apparat die Lochstempel des Außenministeriums anzubringen. Als er fertig war, reichte er David die drei Pässe, damit dieser sie begutachten konnte.

»Den Typen vom Zoll möchte ich sehen, der da was merkt«, sagte Cactus zuversichtlich.

»Die sehen ja echter aus als vorher.«

»Ich hab sie frisiert, das heißt, ich hab ein paar Kniffe und Falten dazu gemacht und sie etwas gealtert.«

»Großartige Arbeit, alter Freund. Was bin ich Ihnen schuldig?«

»Ach, zum Teufel, das weiß ich nicht. War ja nur wenig zu tun, und das ganze Jahr hat mir schon so viel eingebracht, mit all den Schikanen -«

»Wie viel, Cactus?«

»Was wäre Ihnen denn recht? Ich stell mir vor, daß Uncle Sam diesmal die Rechnung nicht bezahlt.«

»Mir geht's recht gut, vielen Dank.«

»Fünfhundert?«

»Rufen Sie mir ein Taxi, ja?«

»Das dauert viel zu lang, falls Sie hier draußen überhaupt eines kriegen. Mein Enkel wartet auf Sie, er bringt Sie hin, wo Sie wollen. Er ist wie ich, er stellt keine Fragen. Und Sie haben es eilig, David, das spüre ich. Kommen Sie, ich bring Sie zur Tür.«

»Danke. Ich leg das Geld auf den Tisch.«

»Schon recht.«

Webb drehte Cactus den Rücken zu und zählte sechs Fünfhundert-Dollar-Noten ab, die er an der dunkelsten Stelle der Studiotheke ablegte. Für tausend Dollar das Stück waren die Pässe immer noch geschenkt, aber mit mehr Geld hätte er vielleicht seinen alten Freund beleidigt.

Er kehrte zum Hotel zurück und stieg ein paar Straßen davon entfernt aus, damit Cactus' Enkel ohne zu lügen sagen konnte, er kenne die Adresse nicht, falls er gefragt werden sollte. Der junge Mann war Student und bewunderte zwar seinen Großvater sehr, fühlte sich aber ganz offensichtlich nicht besonders wohl dabei, in die Aktivitäten des alten Mannes hineingezogen zu werden.

»Ich steige hier aus«, sagte David, als der Verkehr zum Stocken kam.

»Danke«, erwiderte der junge Neger mit angenehm ruhiger Stimme. Seine intelligent blickenden Augen ließen die Erleichterung erkennen, die er empfand. »Ich bin Ihnen sehr dankbar.«

Webb sah ihn an. »Warum haben Sie das gemacht? Ich meine, nachdem Sie einmal Rechtsanwalt werden wollen, könnte ich mir vorstellen, daß Ihre Antennen Überstunden machen, wenn Sie Cactus auch nur in die Nähe kommen.«

»Genauso ist es auch. Aber er ist ein feiner Kerl und hat schon sehr viel für mich getan. Und dann hat er noch etwas zu mir gesagt. Er sagte, es sei eine Ehre für mich, Sie kennenzulernen, und er werde mir in ein paar Jahren vielleicht einmal erzählen, wer der Fremde in meinem Wagen war.«

»Ich hoffe, ich werde sehr viel früher zurückkommen und es Ihnen selbst erzählen können. Eine Ehre ist das zwar nicht, aber es könnte dann eine Geschichte geben, die im Jurastudium behandelt wird. Wiedersehn.«

Als er wieder in seinem Hotelzimmer war, sah sich David einer letzten Liste gegenüber, die er nicht niederzuschreiben brauchte; diesmal wußte er alles auswendig. Er mußte die paar Kleidungsstücke aussuchen, die er in die Flugtasche packen würde, und den Rest seiner Besitztümer loswerden, darunter auch die zwei Waffen, die er in seinem Zorn aus Maine mitgebracht hatte. Es war eine Sache, eine Waffe auseinanderzunehmen, in Folie zu verpacken und sie in einen Koffer zu legen, eine völlig andere, Waffen durch eine Sicherheitskontrolle zu tragen. Sie würden auffallen - und dann würde man ihn festnehmen. Er mußte sie sauber wischen, die Zündnadeln und die Abzugsgehäuse vernichten und sie in einen Abflußschacht werfen. Er würde sich in Hongkong eine Waffe kaufen; das dürfte keine Schwierigkeiten bereiten.