Dann gab es noch eines zu erledigen, und das war schwierig und schmerzlich. Er mußte sich dazu zwingen, sich hinzusetzen und noch einmal alles zu durchdenken, was Edward McAllister an jenem Abend in Maine gesagt hatte - alles, was sie gesagt hatten, ganz besonders Maries Worte. Irgend etwas war in dieser Stunde der Enthüllungen und der Konfrontation verborgen, und David wußte, daß es ihm entgangen war - daß er es immer noch nicht erkannt hatte.
Er sah auf die Uhr. Es war 15.37 Uhr; der Tag verstrich schnell, viel zu schnell. Aber er mußte durchhalten! O Gott! Marie! Wo bist du?
Conklin stellte das Glas mit schal gewordenem Ginger Ale auf die zerkratzte, schmutzige Bar des heruntergekommenen Lokals an der 9. Straße. Er war hier Stammgast, aus dem einfachen Grund, daß niemand, mit dem er beruflich zu tun hatte - und private Freunde hatte er kaum noch -, je durch diese schmutzige Glastüre treten würde. Dieses Wissen vermittelte ihm eine gewisse Freiheit, und die anderen Gäste akzeptierten ihn, das >Hinkebein<, das stets in dem Augenblick, in dem er durch die Tür trat, die Krawatte abnahm und zu dem Spielautomaten am Ende der Bar humpelte. Und jedesmal erwartete ihn dort schon ein Glas voll Bourbon.
Außerdem machte es dem Barkeeper nichts aus, wenn Alex in der uralten Telefonzelle an der Wand Gespräche entgegennahm. Das war sein abhörsicheres Telefon, und jetzt klingelte es.
Conklin humpelte auf die Zelle zu, trat ein und zog die Tür hinter sich zu. Er nahm den Hörer ab. »Ja?« sagte er.
»Ist dort Treadstone?« fragte eine eigenartig klingende Männerstimme.
»Ich war dort. Sie auch?«
»Nein, ich nicht, aber ich habe Zugang zu der Akte, zu der ganzen Bescherung.«
Die Stimme! dachte Alex. Wie hatte Webb sie beschrieben? Britisch? Eine kultivierte Aussprache jedenfalls, alles andere als gewöhnlich. Es war derselbe Mann. Die Gartenzwerge hatten ihre Arbeit getan; sie hatten Fortschritte gemacht. Jemand hatte Angst.
»Dann bin ich sicher, daß das, woran Sie sich erinnern, mit allem übereinstimmt, was ich niedergeschrieben habe, denn ich war dort und habe es niedergeschrieben. Alles niedergeschrieben. Fakten, Namen, Ereignisse, Bestätigungen ... alles, auch die Geschichte, die Webb mir gestern nacht erzählt hat.«
»Dann kann ich davon ausgehen, daß diese voluminöse Reportage ihren Weg in einen Senatsunterausschuß oder zumindest zu einem Rudel von Wachhunden des Kongresses findet, falls etwas Häßliches passiert. Habe ich recht?«
»Freut mich, daß wir einander verstehen.«
»Es würde nichts nützen«, sagte der Mann herablassend.
»Falls etwas Häßliches passiert, könnte mir das ja egal sein, oder etwa nicht?«
»Sie werden sowieso bald pensioniert. Sie trinken sehr viel.«
»Das habe ich aber nicht immer. Für einen Mann meines Alters und meiner Kompetenz gibt es gewöhnlich Gründe für beides. Könnten diese Gründe vielleicht mit einer bestimmten Akte zu tun haben?«
»Vergessen Sie es. Wir wollen reden.«
»Nicht, solange Sie nicht etwas deutlicher geworden sind. Über Treadstone ist hier und dort gesprochen worden; der Name allein reicht mir nicht.«
»Also gut. Medusa.«
»Schon besser«, sagte Alex. »Aber das reicht auch noch nicht.«
»Also gut. Die Erschaffung von Jason Borowski. Der Mönch.«
»Jetzt wird's wärmer.«
»Verschwundene Gelder - nie abgerechnet und nie wieder aufgefunden - auf rund fünf Millionen Dollar geschätzt. Zürich, Paris und andere Orte.«
»Es hat Gerüchte gegeben. Sie müssen konkreter werden.«
»Also gut. Die Exekution von Jason Borowski. Das Datum war der dreiundzwanzigste Mai in Tarn Quan ... und derselbe Tag in New York vier Jahre später. An der Einundsiebzigsten Straße. Treadstone einundsiebzig.«
Conklin schloß die Augen und atmete tief durch. Er spürte den Kloß in seiner Kehle. »Also gut«, sagte er. »Jetzt haben Sie ins Schwarze getroffen.«
»Meinen Namen kann ich Ihnen nicht nennen.«
»Was können Sie mir sagen?«
»Zwei Worte: Finger weg.«
»Und Sie glauben, daß ich das akzeptieren werde?«
»Das müssen Sie«, sagte die Stimme klar und deutlich. »Man braucht Borowski dort, wo er hingeht.«
»Borowski?« Alex starrte das Telefon an.
»Ja, Jason Borowski. Man kann ihn nicht auf normalem Wege rekrutieren. Wir beide wissen das.«
»Also stehlt ihr ihm seine Frau? Ihr seid gottverfluchte
Bestien!«
»Es wird ihr kein Leid geschehen.«
»Das können Sie nicht garantieren! Sie können das doch gar nicht kontrollieren. Sie müssen jetzt schon über Dritte arbeiten, und wenn ich mich auf mein Geschäft verstehe - und das tue ich -, dann sind das wahrscheinlich bezahlte Strohmänner, damit man die Sache nicht zu Ihnen zurückverfolgen kann; Sie wissen nicht einmal, wer sie sind ... Mein Gott, wenn Sie das wüßten, hätten Sie mich nicht angerufen! Wenn Sie an sie herantreten könnten und sich von denen die Bestätigungen verschaffen könnten, die Sie haben wollen, würden Sie jetzt nicht mit mir sprechen!«
Die kultivierte Stimme hielt inne. »Dann haben wir beide gelogen, nicht wahr, Mr. Conklin? Die Frau ist also nicht geflohen und hat Webb auch nicht angerufen. Gar nichts davon ist wahr. Sie haben die Angel ausgeworfen und ich auch, und beide haben wir nichts gefangen.«
»Sie sind ein Barrakuda, Mr. Namenlos.«
»Sie kommen aus dem gleichen Metier wie ich, Mr. Conklin ... also, was können Sie mir sagen?«
Wieder spürte Alex den Kloß in seiner Kehle, nur daß jetzt noch ein stechender Schmerz in seiner Brust dazugekommen war. »Sie haben sie aus den Augen verloren, nicht wahr?« flüsterte er. »Sie haben die Frau verloren.«
»Achtundvierzig Stunden sind keine Ewigkeit«, sagte die Stimme vorsichtig.
»Aber Sie haben sich verdammte Mühe gegeben, den Kontakt herzustellen!« bohrte Conklin. »Sie haben Ihre Verbindungsleute angerufen, die Leute, die die Strohmänner angeheuert haben. Plötzlich sind sie nicht mehr da - Sie können sie nicht finden. Herrgott, Sie haben die Situation wirklich nicht mehr im Griff! Jemand hat sich in Ihre Strategie eingeschaltet. Sie haben keine Ahnung, wer das ist. Er hat in Ihrem Drehbuch mitgespielt und es Ihnen abgenommen!«
»Unsere Sicherheitsvorkehrungen gehen sehr weit«, wandte der Mann ein, aber ohne dieselbe Überzeugungskraft wie vorher. »Unsere besten Außenleute sind in sämtlichen Regionen tätig.«
»Und das schließt McAllister ein? In Kowloon? Hongkong?«
»Das wissen Sie?«
»Das weiß ich.«
»McAllister ist ein verfluchter Vollidiot, aber er versteht sich auf sein Geschäft. Ja, er ist dort. Wir sind nicht in Panik. Wir rappeln uns schon wieder -«
»Ach, Sie rappeln sich?« fragte Alex voll Zorn. »Und die Ware? Ihre Strategie ist geplatzt! Jemand anderes hat jetzt das Heft in der Hand. Warum sollte er Ihnen die Ware zurückgeben? Sie haben Webbs Frau getötet, Mr. Namenlos! Worauf, zum Teufel, haben Sie eigentlich gedacht, daß Sie sich da einlassen?«
»Wir wollten nur, daß er nach Hongkong geht«, erwiderte die Stimme defensiv. »Wir wollten ihm alles erklären und es ihm zeigen. Wir brauchen ihn.« Und dann wirkte der Mann plötzlich wieder ruhig. »Und nach allem, was uns bekannt ist, läuft auch noch alles richtig. In jenem Teil der Welt ist die Verbindung notorisch schlecht.«
»Das ist in diesem Geschäft eine uralte Ausrede.«
»In den meisten Geschäften, Mr. Conklin ... Was schließen Sie daraus? Jetzt bin ich derjenige, der die Fragen stellt, in aller Offenheit. Sie haben einen gewissen Ruf.«