Выбрать главу

»Den hatte ich mal, Namenlos.«

»Man kann einen Ruf nicht wegnehmen oder ihm widersprechen, man kann ihm nur etwas hinzufügen. Etwas Positives genauso wie etwas Negatives natürlich.«

»Sie sprudeln richtig vor Informationen über, das wissen Sie doch.«

»Aber recht habe ich auch. Es heißt, Sie seien einmal einer der Besten gewesen. Was lesen Sie aus all dem heraus?«

Alex schüttelte den Kopf in der engen Zelle. Die Luft fing an, stickig zu werden, der Lärm draußen vor seinem abhörsicherem Telefon in der heruntergekommenen Bar an der 9. Straße wurde lauter. »Was ich schon vorher gesagt habe, jemand hat entdeckt, was Sie mit Webb vorhatten - und beschlossen einzusteigen.«

»Warum, um Himmels willen?«

»Weil der Betreffende, wer auch immer er ist, Borowski noch dringender haben möchte als Sie«, sagte Alex und legte auf.

Als Conklin die Bar am Dulles Airport betrat, war es 18.28 Uhr. Er hatte in einem Taxi vor Webbs Hotel gewartet und war David dann gefolgt, nachdem er dem Fahrer genaue Anweisungen gegeben hatte. Er hatte recht gehabt, aber es brachte nichts ein, Webb mit dem Wissen zu belasten. Zwei graue Plymouths hatten die Verfolgung von Davids Taxi aufgenommen und sich dabei beständig abgewechselt. Die Leute im Außenministerium benahmen sich ziemlich albern, dachte er sich, während er die Zulassungsnummern aufschrieb. Jetzt entdeckte er Webb in einer düsteren Nische im hinteren Teil des Lokals.

»Das bist du doch, oder?« sagte Alex und setzte sich etwas schwerfällig auf die schmale Bank, wobei ihn sein verletztes Bein behinderte. »Haben Blonde wirklich mehr Spaß?«

»In Paris hat es funktioniert. Was hast du herausgefunden?«

»Würmer unter Steinen, Würmer, die nicht ans Tageslicht können. Aber dann wüßten die ja auch nicht, was sie mit der Sonne anfangen sollen, nicht wahr?«

»Die Sonne erleuchtet einen, du tust das nicht. Spar dir den Quatsch, Alex. Ich muß in ein paar Minuten am Flugsteig sein.«

»Um es kurz zu sagen, die haben eine Strategie entwickelt, um dafür zu sorgen, daß du nach Kowloon gehst. Sie beruhte auf früheren Erfahrungen -«

»Das kannst du dir sparen«, sagte David. »Warum das alles?«

»Der Mann hat gesagt, sie würden dich brauchen. Nicht dich -Webb -, sie brauchen Borowski.«

»Weil sie sagen, daß Borowski bereits dort ist. Ich hab dir doch erzählt, was McAllister mir gesagt hat. Ist er darauf eingegangen?«

»Nein, er wollte nicht so viel sagen, aber vielleicht kann ich mein Wissen dazu benutzen, um ihn unter Druck zu setzen. Aber etwas anderes hat er mir gesagt, David, und das mußt du wissen. Sie können ihre Verbindungsleute nicht mehr erreichen und wissen nicht, wer die Strohmänner sind oder was im Augenblick passiert. Sie glauben, das sei nur kurzfristig, aber sie haben Marie aus den Augen verloren.«

Webb fuhr sich mit der Hand an die Stirn und schloß die Augen. Plötzlich rollten ihm Tränen über die Wangen. »Jetzt ist es wieder wie damals, Alex. Und da ist so vieles, woran ich mich nicht erinnern kann. Ich liebe sie doch so sehr, ich brauche sie doch so sehr!«

»Hör damit auf!« befahl Conklin. »Du hast mir gestern abend klargemacht, daß ich noch einen Verstand habe, wenn auch mit meinem Körper nicht mehr allzuviel los ist. Du hast beides. Bring sie zum Schwitzen!«

»Wie denn?«

»Sei das, was sie wollen, daß du bist- sei das Chamäleon! Sei Jason Borowski.«

»Das ist doch so lang her ...«

»Du kannst es immer noch. Halte dich an ihr Drehbuch.« »Ich hab wohl auch gar keine andere Wahl, nicht wahr?« Und in dem Augenblick kam über die Lautsprecher der letzte Aufruf für Flug 26 nach Hongkong.

Der grauhaarige Havilland legte den Telefonhörer auf, lehnte sich im Sessel zurück und sah McAllister an. Der Staatssekretär stand neben einer riesigen Weltkugel, die vor einem Bücherregal auf einem verschnörkelten Dreifuß stand. Sein Zeigefinger lag auf der Südspitze von China, aber seine Augen ließen den Botschafter nicht los.

»Jetzt sitzt er in der Maschine nach Hongkong.«

»Schrecklich«, erwiderte McAllister.

»Sicher muß Ihnen das so vorkommen, aber ehe Sie ein Urteil fällen, sollten Sie auch den Vorteil abwägen, den das Ganze hat. Wir sind nicht länger für die Ereignisse verantwortlich. Sie werden von einem Unbekannten manipuliert.«

»Aber das sind doch wir! Ich wiederhole, es ist schrecklich, weiß Gott!«

»Hat Ihr Gott auch die Konsequenzen für den Fall in Betracht gezogen, daß unser Vorhaben scheitert?«

»Wir verfügen über freien Willen, aber es gibt auch so etwas wie Ethik.«

»Das ist eine Banalität, Herr Staatssekretär. Es gibt da so etwas wie ein höheres Gut.«

»Es gibt aber auch einen Menschen, einen Mann, den wir manipulieren und in seine Alpträume zurücktreiben. Haben wir das Recht dazu?«

»Wir haben keine Wahl. Er ist zu Dingen fähig, zu denen sonst keiner fähig ist - wenn wir ihm das Motiv dafür liefern.«

McAllister drehte den Globus, er kreiste auf seiner Achse, während er auf den Schreibtisch zuging. »Vielleicht sollte ich das nicht sagen, aber ich werde es doch tun«, sagte er, als er vor Raymond Havilland stand. »Ich glaube, Sie sind der unmoralischste Mensch, dem ich je begegnet bin.«

»Der Schein trügt, Herr Staatssekretär. Eines spricht mich los von allen Sünden, die ich je begangen habe. Ich werde alles tun, vor keiner Gemeinheit zurückschrecken, wenn ich nur verhindern kann, daß dieser Planet sich selbst in die Luft jagt. Und das schließt auch das Leben eines gewissen David Webb ein - den man dort, wo ich ihn haben will, als Jason Borowski kennt.«

Kapitel 8

Als der riesige Jet auf dem Kai-tak-Airport die Landebahn anflog, hingen die Nebel wie durchsichtige Tücher über Victoria Harbor. Dichter Dunst hing in der Morgenluft und ließ einen schwülen Tag in der Kronkolonie erwarten. Auf dem Wasser dümpelten die Dschunken und Sampans neben den schwerfälligen Frachtern und den breiten Lastkähnen und den Fähren mit ihren mehrstöckigen Aufbauten, zwischen denen gelegentlich eine Marinestreife durch den Hafen fegte. Als das Flugzeug sich auf die Piste des Flughafens senkte, sahen die zackigen Reihen von Wolkenkratzern auf der Insel Hongkong wie Marmorgiganten aus, die über den Nebel hinausreichten und bereits die ersten Strahlen der Morgensonne reflektierten. Webb studierte das Bild, das sich ihm bot. Eine schreckliche Spannung zog und zerrte an ihm, während ihn gleichzeitig eine Art von distanzierter Neugier fast zu verzehren drohte. Irgendwo, dort unten in dem brodelnden, unendlich übervölkerten Territorium, war Marie - das war der Gedanke, der sein ganzes Fühlen beherrschte und nicht aufhörte, ihn zu quälen. Und doch war ein Teil seines Wesens erfüllt von der eiskalten Spannung eines Wissenschaftlers, der in das umwölkte Okular eines Mikroskops späht und etwas zu erkennen versucht, was sein Auge und sein Geist verstehen können. Das Vertraute und das Fremdartige mischten sich, und das Ergebnis war Verwirrung und Furcht. In den Sitzungen mit Panov in Virginia hatte David Hunderte von Reiseprospekten und illustrierten Broschüren gelesen, in denen all die Orte beschrieben waren, die der legendäre Jason Borowski je besucht hatte; das Ganze war eine andauernde, häufig schmerzhafte Übung in Selbsterkenntnis, oder besser ein Herumtasten in der eigenen Vergangenheit. Immer wieder tauchten dann Fragmente wie Blitze auf, wobei die plötzlichen Erinnerungen erstaunlich genau waren und er eigene

Beschreibungen liefern konnte, die nicht aus den Reiseprospekten stammten. Als er jetzt in die Tiefe blickte, sah er vieles, von dem er wußte, daß er es kannte, und an das er sich doch nicht eindeutig erinnern konnte. So wandte er den Blick ab und konzentrierte sich auf den Tag, der vor ihm lag.