Er hatte dem Regent-Hotel in Kowloon vom Dulles Airport aus ein Telegramm geschickt und auf den Namen Howard Cruett ein Zimmer bestellt, auf den Namen des blauäugigen Inhabers des von Cactus gefälschten Reisepasses. Er hatte hinzugefügt: »Ich glaube, für unsere Firma ist ein Arrangement für Suite sechs-neun-null getroffen worden, falls die zur Verfügung steht. Der Ankunftstag ist fest, der Flug noch nicht.«
Die Suite würde zur Verfügung stehen. Er mußte herausfinden, wer dafür gesorgt hatte, daß sie zur Verfügung stand. Das war der erste Schritt auf Marie zu. Und davor oder danach oder währenddessen mußte er einkaufen - etliches würde leicht zu haben sein, anderes nicht, aber herankommen würde er an alles, was er brauchte. Dies war Hongkong, die Kronkolonie des Überlebens, ausgestattet mit den Werkzeugen für das Überleben. Und dies war auch der einzige zivilisierte Ort auf der Erde, wo zwar eine Vielfalt von Religionen gedieh, aber der einzige Gott, den alle anerkannten, Gläubige ebenso wie Ungläubige, war das Geld. Marie hatte gesagt: >Das ist die einzige Existenzberechtigung, die es hat.<
Die Morgenluft stank nach einer dicht zusammengedrängten, gehetzten Menschheit, und doch war der Gestank seltsamerweise nicht ganz und gar unangenehm. Die Bürgersteige wurden heftig mit Schläuchen abgespritzt, und Dampf stieg von dem in der Sonne trocknenden Pflaster auf, und durch die schmalen Gassen zog der würzige Duft von in Öl siedenden Kräutern, von Imbißwagen und Kiosken, die nach Kundschaft schrien. Die Geräusche verschmolzen ineinander und wurden zu einer Folge dauernder Crescendos, verlangten, daß man sie aufnahm, etwas kaufte oder wenigstens darüber
verhandelte. Hongkong war die Essenz des Überlebens; man arbeitete entweder wie wild oder man überlebte nicht. Adam Smith war hier übertroffen, war altmodisch; eine solche Welt hätte er sich nie vorstellen können. Sie sprach den Regeln Hohn, die er für eine freie Wirtschaft aufgestellt hatte; sie war Wahnsinn. Sie war Hongkong.
David hob die Hand, um ein Taxi herbeizuwinken, und wußte, daß er dies nicht das erstemal tat, kannte die Ausgangstür, auf die er nach der langen Zollprozedur zugestrebt war, wußte, daß er die Straßen kannte, durch die der Fahrer ihn fuhr - nicht daß er sich an sie erinnerte, aber irgendwie wußte er es doch. Das bereitete ihm gleichzeitig Behagen und erschreckte ihn zutiefst. Er wußte und wußte doch nicht. Er war eine Marionette, die manipuliert wurde, und er wußte trotzdem nicht, ob er die Puppe oder der Puppenspieler war.
»Das war ein Irrtum«, sagte David zu dem Angestellten hinter dem ovalen Marmortresen mitten in der Halle des Regent. »Ich will keine Suite. Ich hätte lieber etwas Kleineres, ein Einzelzimmer oder ein Doppelzimmer reichen mir.«
»Aber es ist doch so vorbestellt worden, Mr. Cruett«, erwiderte der verwirrte Angestellte und benutzte den Namen, den er in Webbs falschem Paß gelesen hatte.
»Wer hat die Suite bestellt?«
Der junge Asiate sah auf eine Unterschrift auf der Reservierung, die der Computer ausgedruckt hatte. »Der stellvertretende Manager, Mr. Liang, hat gegengezeichnet.«
»Dann verlangt es wohl die Höflichkeit, daß ich mit Mr. Liang spreche, nicht wahr?«
»Ich fürchte, das wird nicht notwendig sein. Ich bin nicht sicher, ob etwas anderes frei ist.«
»Ich verstehe. Ich werde mir ein anderes Hotel suchen.«
»Man betrachtet Sie als äußerst wichtigen Gast, Sir. Ich gehe nach hinten und spreche mit Mr. Liang.«
Webb nickte, als der Angestellte mit dem Reservierungszettel in der Hand sich unter dem Tresen wegduckte und schnell durch die überfüllte Halle auf eine Tür hinter dem Tisch des Concierge zuging. David sah sich in der prunkvollen Halle um, die in gewissem Sinne schon draußen anfing, in dem riesigen, kreisförmig angelegten Hof mit den hohen Fontänen, und die sich ausdehnte durch die Reihe eleganter Glastüren und über den Marmorboden bis zu einem Halbkreis überdimensional hoher Buntglasfenster, die auf den Victoria Harbor hinausgingen. Das Tableau draußen war wie eine Kulisse für die Hallenbar vor der Glaswand. Es gab dort Dutzende kleiner Tische und lederner Hocker, die zum größten Teil besetzt waren, und zwischen denen uniformierte Kellner und Kellnerinnen herumhuschten. Das Ganze war eine Arena, aus der die Touristen ebenso wie die Geschäftsleute das Panorama des geschäftigen Hafens betrachten konnten. Der Blick nach draußen war Webb vertraut, aber sonst nichts. Er hatte dieses prunkvolle Hotel noch nie zuvor betreten, zumindest war da nichts an dem, was er sah, das irgendwelche Blitze des Erkennens aufflammen ließ.
Plötzlich fiel sein Blick auf den Angestellten, der jetzt durch die Halle zurückkam, ein paar Schritte vor einem Asiaten mittleren Alters, offenbar dem stellvertretenden Geschäftsführer des Hotels, Mr. Liang. Der jüngere Mann duckte sich wieder unter dem Tresen durch und nahm seine Position vor David wieder ein, und seine beflissenen Augen weiteten sich erwartungsvoll. Sekunden später trat der Manager auf David zu und verbeugte sich leicht aus der Hüfte, wie es seinem beruflichen Status gemäß war.
»Das ist Mr. Liang, Sir«, verkündete der Angestellte.
»Kann ich Ihnen zu Diensten sein?« fragte der Hotelmanager. »Und darf ich Ihnen sagen, daß es mir ein großes Vergnügen ist, Sie als unseren Gast zu begrüßen?«
Webb lächelte und schüttelte höflich den Kopf. »Ich fürchte, das muß ein andermal sein.«
»Sind Sie mit den Räumlichkeiten nicht zufrieden, Mr. Cruett?«
»Darum geht es überhaupt nicht, sie würden mir wahrscheinlich sehr gut gefallen. Aber wie ich Ihrem jungen Mann schon sagte, ziehe ich etwas Kleineres vor, ein Einzelzimmer oder ein Doppelzimmer, jedenfalls keine Suite. Aber ich habe bereits gehört, daß möglicherweise nichts frei ist.«
»Sie haben in Ihrem Telegramm aber ausdrücklich Suite sechs-neun-null erwähnt, Sir.«
»Das ist mir klar, und ich bitte dafür um Nachsicht. Ein übereifriger Vertreter hat das getan.« Webb runzelte freundlichrätselhaft die Stirn und fragte höflich: »Übrigens, wer hat das alles vorbestellt? Ich ganz sicher nicht.«
»Ihr Vertreter vielleicht«, meinte Liang mit ausdruckslosem Blick.
»Der? Der wäre dazu nie befugt. Nein, er hat gesagt, es sei eine der Firmen hier gewesen. Wir können das natürlich nicht annehmen, aber ich würde trotzdem gerne wissen, wer ein so großzügiges Angebot gemacht hat. Sie können mir das doch ganz bestimmt sagen, Mr. Liang, nachdem Sie die Reservierung persönlich gegengezeichnet haben.«
Die ausdruckslosen Augen schienen sich von ihm zu entfernen, und dann blinzelten sie; für David genügte das, aber die Scharade mußte zu Ende gespielt werden. »Ich glaube, irgendein Angestellter- wir haben sehr viele Angestellte - ist mit der Bitte zu mir gekommen, Sir. Es gibt so viele Reservierungen, wir haben so viel zu tun, daß ich mich nicht erinnern kann.«
»Es gibt doch ganz sicher Instruktionen, an wen die Rechnung zu gehen hat.«
»Wir haben viele hochgeschätzte Kunden, deren Wort am Telefon ausreicht.«
»Hongkong hat sich verändert.«
»Verändert sich täglich mehr, Mr. Cruett. Möglicherweise will es Ihnen Ihr Gastgeber selbst sagen. Es wäre ungehörig, sich solchen Wünschen zu widersetzen.«
»Ihr Vertrauen ist bewundernswert.«
»Dahinter steht natürlich ein Code im Computer des Kassiers.« Liang bemühte sich um ein Lächeln; es war falsch.
»Nun, nachdem Sie sonst nichts haben, werde ich es auf eigene Faust versuchen. Ich habe Freunde im Pen«, sagte Webb und meinte damit das ehrwürdige Peninsula-Hotel auf der anderen Straßenseite.
»Das wird nicht nötig sein. Wir können umdisponieren.«
»Aber Ihr Angestellter hat doch gesagt -«
»Der ist nicht stellvertretender Geschäftsführer des Regent, Sir.« Liang warf dem jungen Mann hinter der Theke einen bösen Blick zu.